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Vom Problembezirk zur A-Lage : „I love New Cölln“

  • -Aktualisiert am

Beliebte Weserstraße: Die Restaurantmeile im Berliner Stadtteil Neukölln wandelt sich vom sozialen Brennpunkt zum Trendviertel Bild: Lüdecke, Matthias

Extravagante Kneipen und multikulturelles Flair: Junge Kreative machen aus dem Berliner Problembezirk Neukölln einen Trend-Kiez - der entfernt an das New York der Achtziger erinnert.

          Den Berliner Bezirk Neukölln kennt auch der Nichtberliner - wegen der vielen Ausländer, der Kriminalität und der hohen Arbeitslosigkeit. Doch jetzt, an einem Sonntag mit Blick auf Kopfsteinpflaster und Altbaufassaden, hier an der Mareschstraße 1, nicht weit weg vom berüchtigten S-Bahnhof Sonnenallee, sieht die Lage anders aus. Eher wie im südlichen Freiburg oder im studentischen Tübingen. Eine extravagant eingerichtete Kneipe mit kahlen Wänden und alten Holzstühlen. In einem Nebenraum spielen zwei tätowierte Männer Tischfußball, während im Hauptsaal eine Gruppe sorgloser Studenten auf die neueste Folge des Tatorts wartet. Hier ist alles ruhig.

          Die Kneipe heißt "B-Lage". Sie ist kein Einzelfall, sondern eine Prognose: Aus der B-Lage wird bald eine A-Lage werden, dafür muss man kein Hellseher sein. Noch vor einigen Jahren wäre dieser Satz gewagt, ja geradezu irrsinnig gewesen. Da galt noch Kreuzberg als der hipste Bezirk in Berlin, wo jeder hin wollte, der sich dem "Fortwursteln" widmete, also der freischaffenden künstlerischen Arbeit als Schriftsteller, Künstler, Musiker in einer Stadt, wie Robert Musil schrieb, "die sich selbst irgendwie nur noch mitmachte".

          Wohin, wenn man cool sein will?

          Natürlich war das Prädikat "coolster Stadtteil von Berlin" schon immer eine Gewissensfrage. War man in der Designerbranche tätig oder tat so als ob, dann zog man nach Prenzlauer Berg. Wer ein bisschen alternativ war und heruntergekommene Kneipen bevorzugte, wo die alten Sessel verstaubt riechen und bärtige Männer revolutionäre Geschichten erzählen, der ging nach Kreuzberg.

          Dann kamen die Touristen, Baden-Württemberger und Bayern, später Spanier, Italiener und Amerikaner, die den Stadtteil angesagter, teurer und bürgerlicher machten. Die Szene, wie man so sagt, verzog sich nach Kreuzkölln, südlich vom Kanal, wo die Rütli-Schule für Schlagzeilen sorgt und Studenten auf Problemkinder treffen - wo man also im Jahr 2003 überhaupt nicht gerne hinwollte, außer vielleicht, um eine Brennpunkt-Dokumentation für Arte zu drehen. Es fegte ein neuer Wind durch die Straßen. Türkische Obsthändler verkauften ihre profitarmen Läden an gepiercte junge Bohemiens und ließen neue Kneipen sprießen.

          Ein Ort für Herausforderungen

          Das Ergebnis lässt sich heute an der Weserstraße besichtigen: Nirgends sehen Bars so atmosphärisch aus wie hier, nirgends klingen Namen von Gaststätten kreativer und unprätentiöser: das "Tier", das "Holzkohlen", das "Ä". Sie reihen sich aneinander wie eine Phalanx moderner Außendesign-Architektur. Selbst Phil Collins hat mit Barry Burns, dem Gitarristen von Mogwai, an der Neuköllner Donaustraße eine Kneipe eröffnet und ihr den kiezgerechten Namen "Das Gift" gegeben. Dort läuft die beste Musik der Stadt und der beste Scotch aus den Flaschen. Anschließend kann man weiter ins "Tristeza" laufen, wo sich Berliner Roma treffen und improvisierte Flamenco-Musik spielen.

          Der neue „coolste Stadtteil von Berlin“: Metropole für nach Herausforderung suchende Kreative Bilderstrecke

          Neukölln ist aufregend. Besonders für Soziologen, die nicht nur die Konsequenzen der Gentrifizierung studieren können, sondern auch die Motorik einer neuen Avantgarde. Sie verleiht dem abgewrackten Stadtteil Glanz. Es sind nach Herausforderungen suchende junge Kreative, die sich aus den arrivierten Gebieten verziehen, um das Berliner Migrantenviertel zu beleben. Das ist in Prenzlauer Berg passiert, und das passiert jetzt auch in Neukölln. Wer als Erster dabei ist, greift die günstigsten Mieten ab, die schönsten Wohnungen, nettesten Bars und darf, sozusagen als Gratisbeilage, seinen Kindern in 20 Jahren stolze Geschichten erzählen - vom Pioniergeist, vom Wandel und davon, wie es war, als man sich in der Eckkneipe noch kein Tannenzäpfle, sondern ein modriges Schultheiss über den Tresen reichte.

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