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Transsexualität : Das Leiden der Hijras

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Sie leben nach dem eigenen Bild von sich: Die Hijras, die männlichen Transsexuellen, haben in Indien eine jahrtausendealte Geschichte. Bild: action press

Transsexuelle in Indien werden missbraucht und erniedrigt. Nun suchen die Hijras einen Weg aus dem Elend. Sind schon erste Erfolge zu verzeichnen?

          Raum 242, Parzelle 20, Tor Nr. 5, Old Collectors Compound, Malvani, Malad West, Bombay. Dürfte nicht allzu schwer zu finden sein. Aber weder der Autofahrer noch Google Maps können etwas mit der Adresse anfangen. Nach drei Stunden Fahrt vom historischen Stadtzentrum Bombays bei strömendem Regen wird klar, warum: Es ist ein Slum in einem Vorort, der sonst von glitzernden Einkaufszentren, Bürotürmen und Gated Communitys für die indische Mittelschicht geprägt ist. Im krassen Gegensatz dazu steht der Old Collectors Compound als brüchiges Labyrinth aus tausenden winzigen Hütten, die so undurchsichtig numeriert sind, dass der Weg zum Ziel einer Entdeckungsreise gleicht.

          Raum 242 ist wirklich nur ein Raum, keine 15 Quadratmeter groß, zugleich Wohnraum, Schlafraum und Büro für den Sakhi Char Chowgi Trust. Die Hausherrin Gauri Sawant sitzt mit einer Sozialarbeiterin und einem Arzt an einem Plastiktisch. Sie sprechen über die HIV-Beratung für Transsexuelle, die hier gerade zu Ende gegangen ist.

          Drei Millionen Zugehörige des dritten Geschlechts

          Gauri Sawant ist – nach ihrer Geburtsurkunde zu urteilen – als Junge auf die Welt gekommen. Als Jugendliche merkte sie, dass sie sich zu Männern hingezogen fühlte. Und schließlich, dass sie sich gar nicht als Mann fühlte. Sie entschied sich für eine „Transition“, eine Geschlechtsumwandlung, nahm erst Hormone und ließ sich dann kastrieren, um weiblicher zu werden. Und hat sich damit für ein Leben als Ausgestoßene entschieden.

          Sie ist eine von etwa drei Millionen Zugehörigen des dritten Geschlechts in Indien. Die männlichen Transsexuellen, Hijras genannt, blicken in Indien auf eine jahrtausendealte Geschichte zurück. Schon in antiken Versen wie dem Mahabharata und dem Kamasutra werden Geschlechtsüberschreitungen in beide Richtungen erwähnt. So ist Mohini je nach Legende die weibliche Manifestation der Hauptgottheit Vishnu oder Krishna. Die Hijras, die Töchter der Mohini, hatten historisch einen Platz in der indischen Gesellschaft, der durchaus positiv besetzt war. Sie galten – und gelten – als Glücksbringer, weil sie Merkmale beider Geschlechter in sich tragen, und tanzen in Tempeln zu Geburten und Hochzeiten.

          „Hijras waren zeitweilig geachtete Gruppen, die unter dem Schutz der jeweiligen Maharadschas standen und unter seinem Namen Spenden einsammeln konnten wie Bettelmönche“, sagt Mario da Penha, der an der Rutgers University über die Geschichte der Hijras promoviert. „Die Entscheidung für die Hijra-Identität galt lange nicht als ächtend, sondern als positive Form der Entsagung.“

          „Niemand will eine Hijra im Haus“

          Erst der Einzug der britischen Kolonialisten kriminalisierte eine jahrtausendealte indische Tradition. Das britische Raj führte nicht nur das viktorianische Männerbild ein, das alles Effeminierte als suspekt befand, sondern machte mit dem Criminal Rights Act von 1871 Kastration illegal und stellte mit Paragraph 377 des Indian Penal Codes von 1860 jegliche Sexualakte außer dem Vaginalverkehr unter Strafe. Damit begann die Diskriminierung von Hijras und Homosexuellen, die bis heute anhält – Paragraph 377 ist trotz laufender Petitionen noch in Kraft.

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