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Veröffentlicht: 20.02.2014, 16:26 Uhr

Widerstand in der Ukraine Der Tod sitzt auf dem goldenen Thron

Wir Ukrainer sind nicht schuldlos an der Tragödie in unserem Land. Denn wir haben das staatliche Unrechtssystem viel zu lange ertragen. Jetzt zahlen wir den Preis für unser Schweigen.

von Tanja Maljartschuk
© AP Ein brennendes Denkmal in Kiev am 18. Februar, inmitten der Kämpfe zwischen Demonstranten und Polizei in der Innenstadt

Meinen ersten in deutscher Sprache geschriebenen Artikel würde ich gern der ukrainischen Literatur oder dem Borschtsch widmen, stattdessen kommen nur Tod, Gewalt, Angst und Wut darin vor. Das Feuer lodert heller in der Ukraine als die traurige olympische Flamme in Sotschi. Es ist ein jenseitiges Bild, worin man aber das wahre Geschehen im Osten Europas sehen kann. So quälend brennt der geistige Leib der Sowjetunion und reißt so viele Opfer mit sich, wie es nur möglich ist.

Eine junge Journalistin, die drei Leichen kurz nach dem Kiewer Massaker am 18.Februar fotografierte, berichtete darüber auf einem oppositionellen Internetsender noch die kleinsten Details. Ihr Gesicht war blass, als sie sagte: „Das ist meine Aufgabe, die Leute müssen alles erfahren.“ Ich bezweifle, dass sie davor schon je einen Toten gesehen hat.

Wir alle sind erschrocken, weil wir in der Ukraine dem Tod noch nie so nah im Licht des Tages begegnet sind. Wir waren immer ein friedliches Volk. Wir kümmerten uns um unsere Häuser, Höfe und Felder, wir schlachteten ein paar Schweine, um das Schmiergeld für die Hochschule unserer Kinder zusammenzubekommen, und Zehntausende von uns starben jedes Jahr an Tuberkulose.

Wenn wir einen Polizisten sahen, versteckten wir uns, nicht weil wir schuld waren, sondern aus Angst, dass wir schuld sein könnten. Es war uns lieber, zu krepieren, als ins Krankenhaus zu gehen. Es war uns lieber, eine Prostituierte in Europa zu sein als in der Heimat eine Frau.

„Man sprach nicht viel darüber“

Tod und Gewalt waren immer schon zu Gast in diesem Land, nur versteckten sie sich in allen möglichen Ecken, sei es am Schalter am Bahnhof oder im Untersuchungsgefängnis in Odessa, im Kinderheim in Lemberg oder in den illegalen Schächten der Kohlengebiete des Donbass. Tausende Polizisten und Berkut-Leute, die jetzt das eigene Volk wie Wild jagen und jubeln, wenn sie einen erwischt haben, wurden nicht erst gestern geboren. Sie sind straflos aufgewachsen, ihre alltägliche Arbeit war es, einfache Bürger zu quälen und zu foltern.

Ich vergesse nie: Vor drei Jahren wurde eine hübsche und ehrliche Polizistin (solche gibt es auch) in der Provinz vergewaltigt, den Täter zeigte sie an, er war aber zu reich und zu mächtig, um ins Gefängnis zu müssen. Nach langem gescheitertem Kampf, ihn vor Gericht zu bringen, hat die Polizistin den Dienst quittiert mit den Worten: „Wie kann ich andere Menschen verteidigen, wenn ich mich selbst nicht verteidigen kann.“

Ukrainische Autoren in Frankfurt - Juri Andruchowytsch, Jurko Prochasko, Serhij Zhadan und Tanja Maljartschuk lesen im Literaturhaus Die ukrainische Autorin Tanja Maljartschuk am 5. Februar bei einer Lesung in Frankfurt am Main © Slesiona, Patrick Bilderstrecke 

Oder vor einem Jahr, der Fall „Wradijiwka“. Zwei Offiziere vergewaltigten eine Frau und versuchten, da war sie bereits ohnmächtig, sie zu verbrennen. Ein paar Stunden später ging einer von ihnen auf den Markt, um frische Himbeeren zu kaufen. Das geschah in der Kleinstadt Wradijiwka. Die Bewohner stürmten das Polizeiamt, in dem sich die Täter verbarrikadiert hatten, in vielen Nachbarorten gab es daraufhin Demonstrationen gegen die Willkür der Polizei.

Damals dachte ich, jetzt geht es endlich los. Aber nein. Ich hatte mich geirrt. Nach einer Woche hörten die Demonstrationen wieder auf. Wradijiwka blieb nur ein Symbol für das aus der Sowjetzeit übernommene und mit der Kriminalität der wilden neunziger Jahre amalgamierte Strafsystem, das schon so lange unsere Gesellschaft prägt. Man sprach nicht viel darüber, man tat so, als ob die Ukraine tatsächlich ein demokratisches Land wäre.

Legalisiertes Verbrechen

Ein solches System braucht gehorsame Untertanen, die schweigen können. Wir haben geschwiegen. Aus dieser Stille erwuchsen die sadistischen Polizisten, die korrupten Beamten, die bestechlichen Gerichte – sie alle sind Teil der ukrainischen Gesellschaft, obwohl sie das Wort „Ukraine“ und die gelb-blaue Fahne hassen.

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