Die Nachricht war nicht sensationell, aber sie hatte das besondere Etwas. Sie funkelte. Sie produzierte Bilder in glühenden Farben. Sie fütterte meine Phantasie, als hätte ich einen verbotenen Blick in fremde Träume getan.
Die Nachricht bestand aus einem Artikel der Londoner Agenturjournalistin Sarah White, der vor vierzehn Tagen um die Welt ging. Mitarbeiter von ausländischen „Geierfonds“, hieß es dort, seien im feinen Madrider Hotel „Palace“ abgestiegen, um bei maroden spanischen Banken und Immobilienfirmen auf Schnäppchenjagd zu gehen. Die Investmentstrategen hätten „Blut gerochen“, sagte ein Banker.
Auch die Namen der mutmaßlichen Player wurden genannt: Fortress Investment Group, Oak Hill, Corsair Capital, TPG, Apollo. Bei früheren Gelegenheiten seien diese auf Marktkrisen und Zusammenbrüche spezialisierten Hedgefonds in Madrid nicht erfolgreich gewesen. Doch nach der Verstaatlichung von Bankia, ihrerseits ein Zusammenschluss angeschlagener Geldhäuser, und wegen der drohenden spanischen Staatspleite sei die Zeit für Notverkäufe reif.
Schwarze Punkte am Sommerhimmel
Zwei Bilder blieben besonders haften. Die Geier. Und das Hotel „Palace“, nach landläufiger Meinung gleich nach dem „Ritz“ die Nummer zwei in der spanischen Hauptstadt. Was haben die Geier und das Luxushotel miteinander zu tun?
Antwort: gar nichts. Sie passen nicht zusammen. Und doch ist es genau diese Kluft, das Unvereinbare schlechthin, das für das Krisenspanien dieser Tage typisch ist. Die Meldung wurde in den Redaktionsstuben der Welt entsprechend ausgemalt.
Während die Geier im englischen Originaltext auf Madrid „niedergingen“, hieß es in deutschen Quellen: „,Geierfonds’ kreisen über Spanien.“ Ich hatte Lust, nach oben zu schauen und den Sommerhimmel nach schwarzen Punkten abzusuchen. Punkten, die sich bewegen. Punkten, die langsam niedersinken. Geierfonds! Die Frage wäre noch, ob man mit der Bezeichnung eher den Menschen unrecht tut oder den Tieren.
Ich ging ins Hotel „Palace“, um nach den Vögeln Ausschau zu halten. Aber im Restaurant waren sie nicht zu sehen. Sie saßen auch nicht an der Bar. Kommt, murmelte ich, schlagt mal mit den Flügeln. Lasst die Schwingen rauschen, damit ich euch erkenne! Dann wurde mir klar, dass Geier ihren Abstand zu wahren wissen. Ich wusste nicht einmal, wie sie aussehen.
Direkt bei den Hedgefonds in London oder New York anzurufen kam auch nicht in Frage. Hören Sie, hätte ich sagen können. Ich habe auf Ihrer Website die Porträts Ihrer Mitarbeiter gesehen. Sympathische Jungs mit unternehmungslustigen Augen und hinreichend aggressivem Unterkiefer. Manche sprechen sogar Spanisch. Könnten Sie mir vielleicht deren Telefonnummer geben? Ich hätte da ein paar Fragen.
Glücklicherweise unveräußerlich
So also nicht. Ich studierte im Hotelrestaurant „La Rotonda“ das polnische Menü zu Ehren der Fußballeuropameisterschaft (55 Euro pro Person) und nahm mir ein Gratisexemplar der „China Daily“ mit. Die Internationalisierung Madrids schreitet unaufhaltsam fort.
Gleich gegenüber, im Museum Thyssen-Bornemisza, hat gerade eine wunderbare Edward-Hopper-Ausstellung eröffnet. Hopper hat kaum ein Tier auf seinen Gemälden. Einmal einen Hund, eine Schwäche des Spätwerks. Aber keine Geier. Ein paar Schritte vom „Palace“-Hotel in die andere Richtung, und ich wäre im Prado, mit seiner hohen Dichte an Meisterwerken von Velázquez, Goya und El Greco vermutlich der solideste Vermögenswert des Landes. Glücklicherweise unveräußerlich.
Dann rief ich Sarah White, die Autorin des Geier-Artikels, im Londoner Reuters-Büro an. Sie hatte für mich Zeit und war sehr freundlich. Sie war aber auch äußerst diskret.
„Ich nehme an“, sagte ich, „Sie können mir zu dem Thema nichts erzählen, was über Ihren Artikel hinausginge.“
“Nein“, sagte sie.
“Und ich wäre gut beraten, Sie nicht nach Ihren Quellen zu fragen.“
“Genau.“
“Weil man in Ihrer Branche nicht arbeiten könnte, wenn man nicht verschwiegen wäre. Weil Plaudern unprofessionell ist.“
“Richtig.“
“Danke. Das ist doch schon mal etwas, was ich unseren Lesern verraten kann.“
Die Gleitphase der Gefahr
Ich muss an den Rabengeier denken, wahrscheinlich wegen seiner unkonventionellen Flugtechnik. Laut Wikipedia bewegt sich der Rabengeier wegen seiner kurzen, breiten Flügel „weniger majestätisch als andere Neuweltgeier“. Und dann kommt die Formulierung, die auf die spanische Situation gemünzt scheint: „Flatternder Flug wechselt sich mit kurzen Gleitphasen ab.“ Wenn es still wird in Madrid, glaubt man, die Gefahr sei vorbei. Aber es ist nur die Gleitphase.
Der Begriff „Geierfonds“ kam vor rund zwanzig Jahren auf. Damals begannen amerikanische und britische Hedgefonds damit, sich in Zeiten des Katastrophenkapitalismus aufzuführen wie Leichenfledderer. Sie kauften Anteile von insolvenzbedrohten Unternehmen zu Dumpingpreisen und stießen sie wieder ab. It’s strictly business: Um produktive Beteiligung oder Sanierung geht es dabei nicht.
Gläubiger der ins Strudeln geratenen Firmen sind meist froh, wenn sie überhaupt noch etwas bekommen. Gern sammeln die „Geierfonds“ Schuldtitel und riskante Kredite ein. Nachdem sie durch Zinsforderungen, manchmal auch mit juristischen Mitteln, Druck ausgeübt haben, veräußern sie den Ramsch oft mit beträchtlichem Gewinn.
In den Neunzigern kauften amerikanische „Geierfonds“ auch Staatsschulden aus Peru, Sambia oder dem Kongo. Die Fälle erwarben traurigen Ruhm, sie brachten die Beutejäger in moralischen Misskredit. Es war ein starkes Stück: Potente Privatfirmen bedienten ohne Bedenken die Hebel der Finanzwirtschaft, um ganze Nationen an den Rand des Kollapses zu bringen. Erst speisten die „Geierfonds“ die Gläubiger mit einem Bruchteil der ausstehenden Summe ab. Dann konfrontierten sie die unrettbar verschuldeten Länder mit der abermals angestiegenen Forderung.
Dialog mit einem Madrider Marktbeobachter
„Wir haben das auch schon in Spanien gesehen“, sagt ein Madrider Marktbeobachter. „Die Jungs versuchen, für 95 Prozent Discount faule Immobilienkredite zu kaufen. Auch Kreditkartenforderungen werden genommen. Grundstücke dagegen nicht. Niemand sollte sich über Geierfonds wundern. In der Wertschöpfungskette des Kapitalismus sind sie die Totengräber.“
„Kann ich in diesem Zusammenhang Ihren Namen nennen?“
„Um Gottes willen!“, sagt er.
“In Ordnung. War nur eine Frage.“
Auch das muss man erst lernen: Die einen wollen ihren Namen im Pleitenkontext gern in der Zeitung sehen. Andere nicht so gern. Den einen ist es förderlich, im Habitat der Geier gesichtet zu werden. Andere verzichten lieber.
Wenn man sich das spanische Desaster in Statistiken vor Augen führt, wird die Sache ziemlich schnell klar. Es lag nicht an der Staatsschuld, denn die gehörte bis vor kurzem zu den niedrigeren in der Eurozone. Es lag auch nicht an der Verschuldung der spanischen Privathaushalte, wenngleich die sorglose Kreditnehmerei furchterregende Ausmaße angenommen hatte.
Mit schwäbischen Augen
Mehr als alles andere führte die Kombination aus überhitztem Immobilienmarkt und fahrlässiger Kreditvergabe durch die Geldinstitute in den Abgrund. Banken und Sparkassen köderten ihre Kunden mit Radioweckern, Bestecksets, Weingläsern. Wer sich etwas lieh, bekam etwas geschenkt. „Alles auf Pump“, sagte ein schwäbischer Freund lange vor Ausbruch der Krise, und die schwäbischen Augen sahen nicht nur das Unglück am fernen Horizont heraufziehen, sondern vielleicht auch schon ein paar verräterische schwarze Punkte am Himmel.
Denn die Geier, machen wir uns nichts vor, gehören zum System. Wo räuberisch spekuliert wird, muss auf dieselbe Weise aufgeräumt werden. Die Resteverwerter aus der Privatwirtschaft sind in Spanien übrigens schon länger zugange. Es fiel nur nicht so auf.
Im November 2010 kaufte die amerikanische Beteiligungsgesellschaft Cerberus zusammen mit dem spanischen Immobilienfonds Drago fast hundert Zweigstellenbüros der (inzwischen fusionierten) Sparkasse Caja Madrid. In Dragos Portfolio befanden sich zu diesem Zeitpunkt schon 1150 Niederlassungen der Banco Santander, Spaniens größtem Finanzinstitut. Mehr als 400 davon wurden ein halbes Jahr später auf den Markt geworfen. Wenn „Markt“ noch das richtige Wort ist.
Es wird nicht nett sein
Denn trotz hektischer Buy-Sell-Operationen bewegt sich in Spanien kaum noch etwas. Vom Staat über die Kommunen bis zu den Banken und großen Firmen werden alle von ihren Schulden stranguliert. Deshalb stieß Banco Santander vor wenigen Monaten Ramschtitel im (theoretischen) Wert von 1,5 Milliarden Euro an amerikanische Hedgefonds ab. Allein Fortress soll laut Wirtschaftszeitung „Expansión“ eine Milliarde Euro übernommen haben. Cerberus und Lone Star teilten sich eine halbe Milliarde in dubiosen Hypothekentiteln. Was immer sich mit diesen „bad loans“ noch anfangen lässt, es wird nicht nett sein.
Viele der ausländischen Operateure sind „suitcase bankers“, Strategen, die aus dem Koffer leben, weil sie ständig zwischen den wichtigen Finanzschauplätzen hin- und herfliegen. Ob die „Geierfonds“ bei ihrem jüngsten Madrider Besuch tiefer in die Eingeweide ramponierter Finanzinstitute eindringen können, wird sich womöglich erst in einigen Monaten zeigen.
„Die Banken wollen nicht mit allzu großen Abschlägen verkaufen“, sagt eine ausländische Wirtschaftsjournalistin, die einige der Schnäppchenjäger getroffen hat. Man sieht sich nicht nur im Hotel „Palace“, sondern auch im feinen Café „Embassy“ am Paseo de la Castellana, gleich in der Nähe der angeschlagenen Kreditinstitute. „Die Frage ist, wann sie dazu gezwungen sind. Die letzten Wochen haben die Lage sehr verschärft.“
Am 23. Februar 1981, als rechte Militärs und Franco-Nostalgiker gegen die spanische Regierung putschten und die Parlamentarier bis zum nächsten Tag als Geiseln nahmen, versammelten sich im Lauf der Stunden Journalisten und Politiker im Hotel „Palace“. Die Nervenanspannung war groß. Nachrichten, Klatsch und Gerüchte machten die Runde. Würde Spanien gerettet oder zurücksinken auf das Niveau einer Militärdiktatur? Das war bisher die größte historische Rolle für das Hotel „Palace“, den Ort, den sich die Geier zur Landung ausgesucht haben. Irgendwie hoffe ich immer noch, dass sie hungrig wieder abheben.
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