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Dienstag, 18. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Eine Angehörige erzählt Mein Freund ist in Afghanistan

 ·  Deutsche Soldaten sind in unterschiedlichen Ländern der Welt im Krieg. Für die Angehörigen heißt das, dass ein geliebter Mensch vielleicht sehr verändert oder vielleicht gar nicht mehr zurückkehren wird.

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Bevor mein Freund ging, trug er in seine Lebensversicherung meinen Namen ein. In das Formular, in dem man angeben muss, wer im Falle seines Todes oder einer Schwerstverletzung als Erster benachrichtigt werden soll, setzte er den Namen seiner Schwester. Er wollte nicht, dass ich erleben muss, was dann passiert: Es läutet an der Tür, man öffnet, und ein uniformierter Soldat steht da, in Begleitung eines Pfarrers. Treffen sie niemanden zu Hause an, fahren sie zur Arbeitstelle der zu benachrichtigenden Person. Seine Schwester würde mich deshalb anrufen, sollte er schwer verletzt oder getötet werden. Seit fast sieben Monaten kann das eigentlich jeden Tag passieren. So lange ist mein Freund weg. Er ist Soldat in Afghanistan.

Ich erzähle das nicht oft. Es gibt eine Szene in Deutschland, die es lustig findet, die Adressen der Angehörigen von Soldaten im Einsatz herauszufinden, anzurufen und zu sagen: Ihr Mann ist erschossen worden. In fast jedem Kontingent, das in den Einsatz geht, kommt das vor. Erzähle ich hingegen, was mein Freund macht, dann merke ich innerhalb von Sekunden, ob ich das Gespräch weiterführen will. Die Reaktion ist entweder anteilnehmendes Interesse oder Ablehnung, manchmal sogar Feindseligkeit: Soldaten sind Mörder. Mein Freund hat noch nie jemanden getötet. Es wäre sehr schlimm für ihn. Würde er jemanden töten, dann müsste er sich in Deutschland vor einem zivilen Gericht dafür verantworten. Die Richter würden entscheiden, ob er aus Notwehr gehandelt hat oder ob er ein Mörder ist. Er hingegen darf getötet werden. Für Soldaten gilt das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit nur eingeschränkt.

Eine Schutzweste wäre eine Beleidigung für die Afghanen

Mein Freund gehört zu einem Team der Bundeswehr, das im Norden Afghanistans die afghanische Armee ausbildet, damit sie eines Tages stark genug ist, um sich ohne fremde Hilfe gegen die Taliban zu wehren. Es bedeutet, dass er und die anderen Soldaten jeden Morgen in einem Eagle, einem gepanzerten Fahrzeug, in das Camp der Afghanen fahren. Zehn Kilometer sind es dorthin. Das ist, wenn man deutsche Maßstäbe anlegt, nicht weit, dort aber schon. Die Aufständischen wissen meistens, welche Route die Isaf-Einheiten nehmen. An einer Straße, die tags zuvor noch sicher war, können über Nacht Sprengfallen angebracht worden sein. Fährt der Eagle drüber, explodieren sie. Manche Sprengfallen werden auch per Handy ausgelöst. Egal wie, es kommt vor. Mein Freund trägt Ohrstöpsel, damit in einem solchen Fall sein Trommelfell nicht zerreißt. Damit seine Hände nicht verbrennen, trägt er spezielle Handschuhe. Damit keine Splitter in seinen Oberkörper eindringen, eine Schutzweste. Er trägt keinen Helm, denn wenn sich der Eagle überschlägt, kann es vorkommen, dass der Helm verrutscht und dem Soldaten das Genick bricht.

Sobald mein Freund das afghanische Camp erreicht hat, legt er das alles ab. Eine Schutzweste würden die Afghanen als Beleidigung empfinden. Das Vertrauen, das es zwischen Ausbilder und Auszubildenden braucht, wäre gestört. Aus Sicht der Nato-Soldaten ist es das schon lange: Etwa sechzig sind allein in den vergangenen zwölf Monaten bei Angriffen von afghanischen Sicherheitskräften getötet worden. Die afghanischen Soldaten oder Polizisten zogen plötzlich eine Waffe und schossen auf ihre Ausbilder. Man nennt das „green on blue“. Farbenlehre der Bundeswehr: Blau sind eigene Kräfte oder Verbündete, grün heißt neutral, rot Feind. Wenn mein Freund wieder sicher im deutschen Lager ist, schreibt er mir immer eine SMS, das haben wir so ausgemacht. Wegen der Zeitverschiebung bekomme ich sie immer, wenn ich gerade aufwache. So beginnt seit fast sieben Monaten mein Tag.

Es prallen Welten aufeinander

Sieben Monate sind eine lange Zeit, wenn man Angst um jemanden hat. Der Sommer ist kein richtiger Sommer, der Herbst kein richtiger Herbst, der Winter quälend lang. Die Angst ist zum Glück nicht dauernd spürbar. Aber unterschwellig ist sie da. Man muss sie wegdrängen, die Phantasie in ihre Schranken weisen, darf sich nicht vorstellen, was alles passieren könnte, sonst wird man verrückt. Das Schlimme daran ist, und das mag jetzt absurd klingen, dass das Leben hier so friedlich ist. Ich gehe arbeiten, treffe Freunde, jogge durch den Park. Mein Leben geht weiter, einfach so. Das rückt Afghanistan noch weiter in die Ferne, macht es noch schwerer vorstellbar. Es ist, als sei mein Freund auf einem anderen Planeten; völlig losgelöst von dieser Welt, in der wir uns begegnet sind, in der ich ihn kenne. Es ist schwierig, einen Zugang dorthin zu finden. Vielleicht bin ich deshalb zu der Veranstaltung gegangen, zu der mich das Familienbetreuungszentrum der Bundeswehr einige Wochen nach der Abreise meines Freundes eingeladen hat.

Ich fuhr dafür in die Kaserne meiner Stadt: Sie verbirgt sich hinter Mauern und Stacheldraht, am Eingang ist eine Sicherheitsschleuse, an der man seinen Ausweis abgeben muss. Ich wollte Frauen treffen, denen es geht wie mir. Es waren bestimmt hundert da, auch Väter, Mütter, Brüder. An einem Tisch lagen Platten mit Salami- und Käsebrötchen, ein junger Soldat füllte warme Cola und Zitronensprudel in Plastikbecher. Um mich herum sah ich nur beklommene Gesichter. Die Sorge um die Angehörigen spiegelte sich in ihnen wieder, aber auch Unsicherheit. Das Leben in einer Kaserne funktioniert anders als die Welt, in der man sich als Außenstehender normalerweise bewegt. Es gibt Hierarchien, Uniformen, Befehle und Rituale. Wenn man dort arbeitet, ist man Teil einer riesigen Maschinerie, die nach völlig anderen Gesetzen funktioniert. Doch selbst wenn man sein Leben mit einem Berufssoldaten teilt, bleibt die Maschinerie fern, abstrakt. Erst in dem Augenblick, in dem ein Einsatz beginnt, werden die Angehörigen, falls sie das Betreuungsangebot annehmen, in ihr Räderwerk gezogen. Es ist gut gemeint, so wie ich es erlebt habe, ist es aber nicht immer gut gemacht. Sicher, es ist schwierig. Wie man es auch dreht und wendet: Es prallen Welten aufeinander. Gefühlt hatte ich das schon, als ich vor der Kaserne stand. Zu verstehen begann ich es, als der Mann vom Familienbetreuungszentrum, ein Oberstabsfeldwebel, sich hinter ein Pult stellte und zu reden begann.

Es soll immer alles locker und verspielt aussehen

Er redete viel, über die Lage in Afghanistan, im Kosovo, über die Anti-Piraten-Operation der Bundeswehr vor der somalischen Küste, deren Namen, Atalanta (joviales Lachen), „Sie, liebe Damen, sicherlich kennen, weil eine Schuhmarke genauso heißt“. Das sagte er, und er sagte das Wort „Muttis“, wenn er in die Richtung der anwesenden Mütter sprach, und dann sagte er etwas, das er dauernd wiederholte und was in meinem Kopf diese beiden Welten, die sich in diesem Vortragsraum in diesem Augenblick einander hätten nähern können, mit einem Mal so laut aufeinanderknallen ließ, dass danach die Kluft zwischen ihnen erst richtig sichtbar war. Er sagte nämlich: „Unsere Soldaten im Einsatz“ und er sagte: „Ihr Soldat im Einsatz“. Immer wieder sagte er das. „Unsere Soldaten“, „Ihr Soldat“. Ich aber saß da, hörte zu und dachte: Mein Freund ist nicht mein Soldat. Er ist mein Freund. Im Krieg.

Für die Bundeswehr sind die Soldaten Angestellte, die in Afghanistan bestimmte Aufträge zu erfüllen haben. Für mich und alle anderen, die sich an diesem Tag in der Kaserne versammelt hatten, geht es um mehr. Es geht darum, dass ein geliebter Mensch vielleicht sehr verändert oder vielleicht gar nicht mehr zurückkehren wird. Anders gesagt: Es geht um Leben und Tod. Auch deshalb kann ich nicht verstehen, warum, wenn es um Soldaten geht, immer alles locker und verspielt aussehen soll. Vielleicht glaubt die Bundeswehr, dass so die Akzeptanz in der Bevölkerung erhöht werden kann. Ich glaube nicht, dass das funktioniert. Krieg ist eine ernste Angelegenheit. Und als solche sollte man ihn auch zeigen. Ich habe noch nie Fotos von amerikanischen oder französischen Soldaten mit Weihnachtsmannmütze in irgendwelchen Zeitungen gesehen. Von deutschen Soldaten aber schon.

Alles an die Feldpoststelle

Der Oberstabsfeldwebel sagte: Briefe sollten wir „unsren Soldaten“ schreiben. Nicht wie ans Finanzamt, sondern ruhig mit Schmalz. Einen Brief könne der Soldat mitnehmen, wenn er rausmuss aus dem Lager, und sich abends irgendwohin zurückziehen, um ihn in Ruhe zu lesen. Man solle als Freundin ruhig ein bisschen Parfum draufsprühen, dann könne der Soldat dran riechen. Per SMS habe ich meinen Freund gefragt, ob ihm und den anderen Soldaten eigentlich auch so eine Ansprache gehalten worden ist, in der man sie aufforderte, ihren Liebsten Briefe zu schicken. Er schrieb: „Nein. Sollte man vielleicht mal machen.“

Von Anfang an, seitdem er in Afghanistan ist, habe ich meinem Freund Briefe geschrieben. Es ist mir ein Bedürfnis. Trotzdem habe ich nicht immer Lust dazu, oder es mangelt an Zeit. Man ist so gewöhnt an die schnelle SMS- und E-Mail-Kommunikation, dass es schwerfällt, sich Stift und Papier zu nehmen. Ich fühle mich deshalb schuldig. Weil ich ja weiß, wie bedeutend diese Art der Unterstützung ist. Also schicke ich lange Briefe, kurze Briefe, Postkarten. Ich schicke Zeitungsartikel, von denen ich weiß, dass sie ihn interessieren; Fotos vom neuen Sofa, von meinem Urlaub, den ich gern zusammen mit ihm verbracht hätte; Fotos von gemeinsamen Urlauben, die wir nie abgezogen haben, nun haben sie plötzlich eine andere Wichtigkeit. Auch Pakete schicke ich. Nicht nach Afghanistan, sondern nach Darmstadt, denn dort ist die sogenannte Feldpoststelle, die Briefe für Bundeswehrsoldaten in die ganze Welt weitertransportiert. Deshalb: normale Briefmarke drauf, Postleitzahl 64298 Darmstadt. Auch die Briefe, die mein Freund mir schickt, kommen zunächst dort an. Das ist, wenn man einmal anfängt darüber nachzudenken, äußerst surreal.

Vor allem müde und erschöpft

Das ist auch das Skypen. Man schaltet den Computer an, und plötzlich ist der andere da, man schaltet ihn wieder aus, und Afghanistan ist wieder weg. In den ersten Minuten schauen wir uns meistens einfach an. In der Regel ist es dann Donnerstagabend, denn am Freitag kann mein Freund etwas länger schlafen. Freitag ist der muslimische Sonntag, ein guter Tag auch für mich, denn am muslimischen Sonntag läuft bei den Afghanen nichts, und mein Freund muss das Camp deshalb nicht verlassen. Er hat dann sogar ein wenig Freizeit. Manchmal geht er joggen, Runden drehen an der Innenbefestigung des Camps entlang. Oder er geht in den Fitnessraum. Vor der Baracke, wo der Fitnessraum untergebracht ist, steht ein bewaffneter Soldat. Vor ein paar Jahren gab es diese Wachen noch nicht. Dann aber ging eines Tages jemand, dem man vertraut hatte, in einen solchen Fitnessraum und schoss.

Als wir die Hälfte der Zeit geschafft hatten, irgendwann im November, haben wir das erste Mal die Tage gezählt, die noch bis zu seiner Rückkehr blieben: 105 waren es. Ein paar Tage später bin ich nach Leipzig zum Flughafen gefahren, da ich wusste, dass an diesem Abend dort eine Maschine mit Afghanistan-Rückkehrern landen würde. Ich wollte mir ansehen, wie eine Rückkehr so vor sich geht. Ein paar Dutzend Leute standen schon in der Ankunftshalle, obwohl die geplante Ankunftszeit des Flugzeugs noch lange nicht gekommen war. Kinder spielten Fangen, zwischen den Beinen kroch ein Baby über den Fußboden. Ein paar Uniformierte waren da, und sehr viele junge Frauen.

Man sah, dass einige beim Friseur gewesen waren, jede von ihnen hatte sich sehr sorgfältig zurechtgemacht, einige hielten rote Rosen in der Hand. Die nicht mehr ganz so jungen Frauen, meistens mit schulfähigen Kindern an der Hand, wirkten vor allem müde und erschöpft. Wahrscheinlich, dachte ich, machen sie dieses Leben als Soldatenfrau schon länger mit, warten nicht zum ersten Mal, erst monatelang, jetzt am Flughafen. Ein Einsatz dauert in der Regel zwischen vier und sieben Monaten, Urlaub ist in dieser Zeit nicht vorgesehen. Seitdem Deutschland sich an Auslandseinsätzen beteiligt, hat sich der Einsatz-Rhythmus erhöht. Derzeit muss ein Soldat im Schnitt alle zwei Jahre mit einem Einsatz rechnen. Als Frau mit Kindern ist man alleinerziehend in dieser Zeit.

Als hebe sich ein schwerer Vorhang

Ich setzte mich neben ein älteres Ehepaar, offenbar Eltern eines Soldaten. Eine unglaubliche Spannung lag in der Luft; Freude, Ungeduld, auch Ungewissheit. Jeder kennt die Geschichten von Rückkehrern, die als normale Männer aufbrechen und traumatisiert wiederkehren. Manche der Wartenden hatten selbstgemalte Plakate mit Willkommensgrüßen dabei, eine Wolke aus bunten Luftballons schwebte über den Köpfen, Sektflaschen wurden entkorkt, herumgereicht. Als auf der Anzeigetafel die Worte „im Anflug“ erschienen, geriet die Menge in Bewegung. Die Frauen griffen sich ihre Kinder und drängten nach vorn, an die Absperrung vor der automatischen Tür, aus der die Soldaten heraustreten würden. Dann, wieder ein Rattern auf der Anzeigetafel: „Gelandet“. Die ältere Frau neben mir stöhnte leise auf: „Endlich, vorbei.“

Ich habe einem guten Freund davon erzählt. Er verstand erst nicht, was ich ihm da beschreiben will. Eigentlich, sagte er, müsste sich dieses erlösende Gefühl bei den Angehörigen doch schon einstellen, sobald die Soldaten im Flugzeug nach Hause sitzen. Denn dann könne ihnen ja, abgesehen von dem unwahrscheinlichen Fall eines Flugzeugabsturzes, eigentlich nichts mehr passieren. Ich gab ihm recht, genau genommen stimmt das natürlich. Aber vielleicht muss man es gesehen haben, damit diese Gewissheit Erleichterung werden kann: Die Soldaten, in ihrer Uniform, an der noch der Staub Afghanistans hängt, in der Ankunftshalle eines spiegelblank geputzten deutschen Flughafens. Sie treten aus derselben Tür, aus der gerade Geschäftsreisende aus München gekommen sind. Das zu sehen, diese Rückkehr in die Normalität, ist, als hebe sich in diesem Moment ein schwerer Vorhang.

Einladung zu einem „Rückkehr-Vorbereitungsseminar“

Als die Soldaten rauskamen, haben viele der Wartenden geweint. Ein Mädchen, vielleicht vier Jahre alt, rief laut nach ihrem Papa, als sie ihn durch die Tür kommen sah. Sie hörte nicht mehr auf damit, auch dann nicht, als er schon längst vor ihr auf dem Boden kniete. Andere Kinder drehten sich von ihren Vätern weg, versteckten sich hinter den Beinen der Mütter. Manche Soldaten kamen raus, bahnten sich einen Weg durch die Leute und gingen schnell davon. Niemand hatte auf sie gewartet.

Mein Freund hat mir vor einigen Tagen erzählt, dass einer seiner Kameraden in eine leergeräumte Wohnung zurückkehren wird. Seine Freundin hat ihn verlassen und in seiner Abwesenheit alles mitgenommen, was an ihr gemeinsames Leben erinnern kann. Tatsächlich ist die Scheidungsrate hoch in der Bundeswehr, allein schon deshalb, weil die ständigen Versetzungen des Partners ein Familienleben schwierig machen. Die Folgen der Belastung, die ein Paar während eines Einsatzes zu tragen hat, treiben die Statistik zusätzlich in die Höhe.

Das sagte mir auch die Truppenpsychologin, die ich in der vergangenen Woche besucht habe. Wieder hatte ich einen Brief vom Familienbetreuungszentrum bekommen, diesmal eine Einladung zu einem „Rückkehr-Vorbereitungsseminar“. Ich fand das komisch, mein Freund und ich hatten uns schließlich irgendwann gefunden, und nun sollte ich von der Bundeswehr darauf vorbereitet werden, ihn wiederzusehen? Als dann aber mein Freund sagte, dass er gerade für sich und sein Team so ein Seminar organisiert, das ein speziell dafür ausgebildeter Soldat halten würde, rief ich in der Kaserne an und verabredete einen Termin. Die Psychologin war sehr nett. Wir sprachen lange.

Die ganz Kleinen erkennen ihre Väter oft nicht mehr

Sie sagte, dass eine vollständige Wiedereingewöhnung etwa so viel Zeit benötigt, wie der Einsatz selbst gedauert hat. Dass es anfangs sehr wichtig sei, dem Partner Momente der Zurückgezogenheit zuzugestehen - ein Leben in einem militärischen Camp lässt kaum Privatsphäre zu. Dass es sein könne, dass mein Freund in den ersten Wochen lauter spreche, vielleicht auch rauhere Umgangsformen zeige. Nach einer so langen Zeit in einem fast ausschließlich männlichen Gruppenzusammenhang sei das normal, es würde sich wieder legen. Lange Telefonate und Treffen mit Leuten, die er während des Einsatzes kennengelernt habe, sollte ich nicht als Desinteresse an meiner Person bewerten, sondern anerkennen, dass sich Leute in einer für sie ungewohnten Situation oft als eingeschworene Gemeinschaft erleben. Zurückgekehrte Soldaten, sagte sie, hätten zunächst oft Schlafstörungen und würden große Menschenansammlungen vermeiden - aus der Erfahrung, dass sich aus ihnen tödliche Gefahr entwickeln kann.

Sie wollte wissen, ob wir Kinder haben: Nein. Noch die Bilder aus der Ankunftshalle im Kopf, fragte ich sie trotzdem, wie Kinder normalerweise auf die lange Abwesenheit der Väter reagieren. Die ganz Kleinen, sagte die Psychologin, erkennen ihre Väter oft nicht mehr. Die Beziehung zwischen ihnen müsse ganz neu aufgebaut werden. Das sei enorm belastend für die Väter. Die älteren hingegen zögen sich meistens erst mal vom Vater zurück. Sie fühlten sich von ihm im Stich gelassen, hätten außerdem die ganzen Monate über die Anspannung der Mutter gespürt, mit ausgehalten. Durch die Abwesenheit eines wichtigen Familienmitgliedes stelle sich ein neues Gleichgewicht in der Familie ein. Auch das sei oft schwierig für die Soldaten.

Ermutigung ist wichtig

Auch wenn mein Freund mir das vielleicht nicht berichtet habe, könne es sein, dass er ein besonders belastendes Ereignis erlebt hat: Tod, Verwundung, eine außerordentliche Gefahrensituation oder das Gefühl von extremer Hilflosigkeit angesichts von Leid. Dies könne zu einer posttraumatischen Belastungsstörung führen, sagte die Psychologin. Die Anzeichen: Albträume, Tagträume, übermäßige Schreckhaftigkeit, erhöhte Reizbarkeit. Sie gab mir eine Telefonnummer, die mein Freund dann anrufen könne, der Apparat sei 24 Stunden am Tag besetzt. Für den Fall, dass er keine professionelle Hilfe in Anspruch nehmen wolle, sei es wichtig, ihn zu ermutigen.

Sie wünschte mir Glück. Am Mittwoch werde ich wieder zum Flughafen fahren. Ich werde dann zwischen den anderen Frauen an der Absperrung stehen. Diesmal hole ich meinen Freund ab.

Maja Lenzen ist ein Pseudonym. Der wirkliche Name der Autorin ist der Redaktion bekannt.

Quelle: F.A.S.
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