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Tagebuch eines Ausreißers (5): Sekretär gesucht

Von
Christian Jakubetz
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Irgendwie ist es wie im richtigen Leben auch: Wenn man so gar nicht damit rechnet, begegnen einem ganz erstaunliche Dinge. Man plant etwas und am Ende stellt sich raus, dass der Plan vermutlich ganz ok war, aber an irgendeiner Weggabelung noch etwas viel besseres, aufregenderes liegt.

Irgendwie ist es wie im richtigen Leben auch: Wenn man so gar nicht damit rechnet, begegnen einem ganz erstaunliche Dinge. Man plant etwas und am Ende stellt sich raus, dass der Plan vermutlich ganz ok war, aber an irgendeiner Weggabelung noch etwas viel besseres, aufregenderes liegt. Die Frage ist dann: Gibt man dem Impuls nach oder bleibt man schön auf Kurs? Nach Tag 5 der Ausreißerei würde ich sagen, dass Auf-Kurs-bleiben in vielen Fällen nur die zweitbeste Idee ist. Ziemlich dumm, wenn man zu dieser bahnbrechenden Erkenntnis erst mit Mitte 40 kommt, aber bitte sehr, besser spät als nie. Im Fall dieser kleinen Ausreißer-Reise sind es zwei Städte, die nur deshalb eingeplant waren, weil sie so schön auf der Rückreise-Route liegen, die langsam angegangen werden muss. Padua, das ist etwas, was ich nur dem Namen nach kannte und nichts, aber auch gar nichts damit verband. Gelesen hatte ich nur von einem Platz, der angeblich der drittgrößte in ganz Europa ist. Das hat mich tendenziell abgeschreckt. Immer, wenn eine Stadt, eine Firma, ein Verein damit wirbt, eine Eigenschaft zu haben, die auf Platz 3 in irgendeinem Kontext steht, denke ich mir, dass da jemand lange an einer Statistik gesessen ist, die dann so hingebogen worden ist, bis sie irgendwas mit einem 3. Platz ausgeworfen hat. Padua ist also das einzige Ziel dieser Reise gewesen, bei dem ich gar nichts hatte, wo ich einen Blick dahinter hätte werfen wollen. Inzwischen weiß ich nicht mehr, wo ich zuerst hinschauen soll, Padua ist eine spektakuläre und unbekannte Schönheit. Wenn Reisen bildet, dann müsste man aus dem Besuch in Padua die Erkenntnis ziehen, dass es die unerwarteten Begegnungen sind, die das Leben ausmachen. Dieser Norden Italiens ist ohnehin eine eigenartige Sache. Man fährt durch einen überschaubaren, kleinen Landstrich – und man begegnet so viel Ästhetik, dass man sich denkt, dieses Land ist vermutlich der Inbegriff von Kultiviertheit. Häuser , Kirchen, Kathedralen, öffentliche Plätze, überall, wohin man schaut, strahlt dieser Norden Schönheit und Gelassenheit aus. Hier sehen sogar die Hilfskellner in Pizzerias noch gut aus, abends wird man das Gefühl nicht los, dass sie hier zu leben wissen. Und dann wählen sie Berlusconi in diesem Land, verstehe einer die Italiener. Eigentlich müsste ein bungabungahafter Cavaliere einem Land, das obszön schön ist, per se als Unding erscheinen. Geht man durch eine Stadt wie Padua und denkt an Berlusconi, kommt man sich unweigerlich vor wie in einer schlechten Satire. *** Rollenwechsel dann in Richtung Gardasee. Bisher wollte ich bei dieser Reise hinter die Kulissen von Dingen blicken, die ich nur aus tedescotouristischer Sicht kannte, am Lago ist es andersrum. Von dem kannte ich die stillen Flecken, wie also würde er aussehen, wenn man sich an einen belebten Strand begibt, wenn man die Altersgenossen trifft, die es sich in ihrem Mittvierzigerleben kommod eingerichtet haben, so was ähnlich wie situiert sind und all das machen, was ich nicht mehr machen will? Es könnte ja immerhin sein, dass meine eigene Sichtweise nicht mehr richtig ist, dass ich mich täusche. Wäre ja möglich, dass die Vorstellung, die ich von Freiheit hege, eine Außenseiteransicht ist und sie mich belächeln, wenn ich mit meinem Rucksack anmarschiert komme und mich mitten in einem Refugium der Gutbürgerlichkeit niederlasse. *** Freiheit also, so wie sie sich das denken. Ein Campingplatz am Gardasee, eine perfekte Freiheitsattrappe. Hier spielen sie Freiheit, für ein paar Tage, vielleicht auch für zwei Wochen im Jahr. Das Abenteuer besteht im Wesentlichen darin, dass hier Zelte aufgebaut werden und dass man sich das Essen im Supermarkt kauft und dann direkt auf dem Campingplatz zubereitet, der Gaskocher wird ausgepackt, das Klapptischchen aufgestellt, Papa trägt statt der Anzughose Khakishirts und liegt mit der Zeitung nicht auf dem Sofa, sondern sitzt auf einem Klappstühlchen. Ich sehe mich um und schaue, ob nicht jemand vielleicht noch einen Gartenzwerg in seinem streng begrenzten temporären Abenteuerspielplatz aufgestellt hat; wenigstens das ersparen sie sich. *** Der Inbegriff des Lebens in selbstgemachten Ketten ist der SUV, das Manifest der Kapitulation sozusagen. Natürlich könnte das Ding durchs Gelände brechen, natürlich könnte man Abenteuer damit erleben. Hier stehen sie säuberlich aufgereiht, frisch gewienert, weil man sich nicht nachsagen lassen will, der eigene Geländebomber sei der einzige auf dem ganzen Platz gewesen, der nicht gewaschen ist. Ordnung muss also auch innerhalb der Freiheitsattrappe sein. Und Gelände hat von den hier zur Schau gestellten Geländewagen noch ein einziger gesehen, dafür kann man sich vorstellen, wie er jeden Samstag gewaschen und gesaugt wird. Der Preis für die zweiwöchige Freiheit ist die Unfreiheit, weil für den SUV gearbeitet werden muss und weil so ein Urlaub am Gardase etwas kostet und überhaupt dieses ganze Leben in der Freiheit so teuer ist. Die Unfreiheit und die Gewöhnung daran führen dazu, dass die Freiheit nur noch simuliert wird. Auf dem Campingplatz gibt es natürlich einen Supermarkt, es gibt die Bild-Zeitung, es gibt eine Mischung aus gehobenen Schrebergartenidyll und Camel-Trophy. In die Bettenburgen der Adria mag man nicht, so weit ist es dann doch noch nicht, man ist anders als die anderen. Ohne Supermarkt und deutsch sprechende Bedienung im angrenzenden Café geht es aber dann doch nicht und alles in allem wird man das Gefühl nicht los, dass die Grenzen zwischen dem Kleinbürger und dem soliden Mittelständler so groß nicht sind, wie sie immer alle meinen. Polts „Man spricht deutsh“ ist jedenfalls eine glatte Untertreibung, wenn man einen sich einen Nachmittag an einem Camperareal am Gardasee vor Augen führt. Der Gardasee ist aber davon abgesehen sehr hübsch und kann ja außerdem auch nichts dafür. *** Das alles könnte man natürlich auch anders machen, man müsste nicht sehr viel verändern. Man müsste vielleicht mal damit anfangen zu kapieren, dass so ein SUV ein rollender Haufen Blech ist, der inzwischen sogar in Niederbayern hinter jedem dritten Bauernhof steht. Man müsste begreifen, dass ein solches Leben in eine Art sehr langsamen und schleichenden Tod führt, weil man ohnehin nicht mehr richtig lebt, wenn man jeden Tag das Gleiche macht, wenn das ganze Leben eine Abfolge ewiger Routinen ist. *** Wie fühlt es sich an, so kurz bevor eine winzig kleine Reise eines Ausreißers zu Ende geht, bevor der Alltag wieder kommt? Erste Befürchtung: Da nimmt man sich mal ein paar Tage, um sich auszuklinken, um den Kopf durchzulüften und sein Leben auf den Prüfstand zu stellen – und insgeheim schleicht sich die Angst ein, diese kindliche Begeisterung, die gerade eben für dieses Konstrukt namens Leben zurückgekommen ist, könnte sich allzu schnell wieder legen, könnte wieder verschüttet gehen im alltäglichen Leben in Ketten, obwohl man ja gerne von sich selbst behauptet, es seien immer nur die anderen, die in Ketten leben, selbst passiert einem das nie. Dabei ist gerade dieser heutige Tag, dieser Abend so wie eine Quintessenz dieser Reise für mich. Eigentlich wollte ich nach dem kleinen Abstecher in die Urlaubslegebatterie weiter Richtung Norden, bin dann aber hängengeblieben in einem entzückenden kleinen Städtchen am Rande des Sees. Ein Hotel gab es zufälligerweise auch, ein kleines Haus mit 18 Zimmern, das Zimmer für 40 Euro inklusive Frühstück. Das Haus liegt direkt am Seeufer, durch das offene Fenster weht gerade frischer Wind herein; ein Wind, wie es ihn nur am Wasser gibt. Wenn ich morgen frühstücke, sitze ich auf einer Terrasse direkt am Seeufer, wenn ich mich umdrehe, sind hinter mir die Berge. Es ist kurz vor Mitternacht, verinnerlicht habe ich als Arbeitsweise, gleich am frühen Morgen ein bisschen was zu tun, bevor die Temperaturen wieder in Richtung der 40-Grad-Grenze gehen. Und natürlich abends, jetzt, für meine Verhältnisse spät nachts. Im Kopfhörer habe ich Pavarotti, das hängt vermutlich damit zusammen, dass ich am Abend davor in Verona spontan in die Arena gegangen bin und mir „La Boheme“ angesehen habe, völlig entspannt, ohne Druck, Programmheft und ohne Zwänge, in Verona sitzen die Menschen leger in der Arena, die Oper hat dort nichts mit dem Ausführen teurer Abendkleider und dem Demonstrieren von Status zu tun, von dem her war es der schönste Opernabend, an den ich mich erinnern kann. Es hat mich nicht mal gestört, dass es für einen kurzen Moment zu regnen begann, ich bin einfach sitzengeblieben, in einem warmen italienischen Sommerregen. Mein Hotelzimmer ist erstaunlicherweise ein Traum, es geht über zwei Etagen, oben steht am Ende einer Holzleiter ein Bett unter dem Dachboden, hier unten arbeite ich gerade an einem Sekretär, den ich am liebsten sofort einpacken würde. Ein Glas Rotwein steht neben mir, das gelegentliche Rauchen einer Zigarette ist mehr Genuss denn Stressbekämpfung. Nachts lese ich noch endlos lange, vor 2 Uhr ist an Schlaf nicht zu denken. Trotzdem bin ich keinen Morgen wirklich müde. Nicht mal mein Tinnitus, der mit seit zwei, drei Jahren hartnäckig zu schaffen macht, meldet sich mehr. Keine quälenden Geräusche mehr im Ohr; wer nie mit Tinnitus zu hatte, kann sich nicht vorstellen, welche Befreiung das plötzlich ist. Doch, ja, so ließe sich leben, denke ich mir – und ertappe mich bei dem leisen Gedanken, dass das nicht geht, man kann ja nicht dauerhaft nachts an einem alten Sekretär sitzen und Geschichten erzählen, man muss stattdessen etwas Ordentliches arbeiten. Schüttelt man nie hinterfragte Sozialisation einfach mal so eben ab? Trotzdem: Ja, ich hätte gerne einen alten Sekretär in meiner Wohnung, ich würde dort gerne immer spät abends sitzen und schreiben und einen Rotwein trinken. Ich hätte gerne ein 50 Jahre altes Radio dort stehen und ein paar Möbel und Bilder, die genau zu diesem Sekretär passen. Ach ja, dieses Blog heißt „Bleibt alles anders“, was genau hindert mich nochmal? Wenn Sie einen Tipp haben, melden Sie sich doch bitte einfach. Ich suche einen Sekretär.

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