Innovative Leaders Insights: Future Defence : Chancen statt Debatten: Wie Deutschland aus der Innovationslücke findet

E.ON-Innovationschef Mark Ritzmann über das deutsche Innovationsmindset – und warum Unternehmen weniger Debatte, mehr Problemorientierung und vielfältige Perspektiven brauchen.
Deutschland galt lange als Land der Tüftler und Ingenieure. Doch wenn es um aktuelle technologische Entwicklungen geht, überlassen deutsche Unternehmen zunehmend anderen die Bühne: Amerika dominiert Künstliche Intelligenz (KI), China baut digitale Ökosysteme in Rekordtempo. Und hierzulande? Ob Deutschland also aktuell seine Innovationskraft verloren habe, fragt Anna Sophie Kühne, Wirtschaftsredakteurin der F.A.S., zu Beginn des Gesprächs mit Mark Ritzmann, CEO von E.ON Group Innovation. Dieser hat eine klare Antwort: „Ich glaube nicht, dass unser Land an Innovationskraft verliert. Es ist eher eine Einstellungssache.“
Weniger Stuhlkreis, mehr machen
Ritzmanns Diagnose des deutschen Innovationsdilemmas ist eindeutig: Deutschland diskutiere zu viel. Während andere Länder bei KI voranschreiten, verharren deutsche Unternehmen oft in der Analyse der Situation, statt Chancen zu nutzen. „Wir müssen auf die Möglichkeiten schauen, statt uns über das zu echauffieren, was uns fehlt. Viele Dinge können wir nicht, weil wir sie im Kopf nicht können. Aber lasst es uns einfach machen – dann klappt das.“ Endlose „Stuhlkreise“ seien „der Killer für Innovation“, so Ritzmanns Urteil.
Wie aber lassen sich Innovationen strukturell verankern? Der Energiekonzern hat dafür eine separate Innovationsabteilung, die Ritzmann seit fünf Jahren verantwortet. Das Kerngeschäft habe die Aufgabe, aktuelle Probleme zu lösen, und arbeite stark im Ist-Zustand, erklärt der CEO. Die Innovationsabteilung kann sich hingegen auf das Übermorgen konzentrieren. „Wenn wir unbegrenzt Ressourcen hätten, könnten wir beides zusammenlegen“, räumt er ein. „Da dies aber nie der Fall ist, braucht Innovation abgegrenzte, geschützte Ressourcen, um eine Depriorisierung gegenüber dem Kerngeschäft zu verhindern.“
Wichtig sei dabei, die Innovationseinheit dürfe nicht vom Elfenbeinturm aus ausgefallene Lösungen für Probleme entwickeln, die das Kerngeschäft gar nicht hat. Enge Zusammenarbeit und Austausch seien daher entscheidend.
Ritzmanns Philosophie zur Umsetzung: „Wir kommen immer vom Problem und der Herausforderung.“ Innovation sei im Kern nichts anderes als Problemlösung. Dieses im Kern zu verstehen und die passende Lösung zu finden, müsse immer der erste Schritt sein, erst danach stelle sich die Frage nach Skalierung und Vermarktung.
Ein konkretes Beispiel verdeutlicht diesen Ansatz. Defekte Ladesäulen für Elektroautos frustrieren regelmäßig Kunden. Anders als bei Tankstellen gibt es keinen Tankwart, der Probleme bemerkt. E.ON konzipierte ein System zur vorausschauenden Wartung, das das Verhalten einzelner Ladesäulen überwacht und Störungen prognostiziert. Das Ziel: erkennen, dass eine Ladesäule bald ausfallen wird, bevor ein Kunde vor einer defekten Säule steht. Die Lösung war so erfolgreich, dass E.ON das eigene Start-up EVAILABLE gründete, das mittlerweile in zehn Ländern mit Kunden außerhalb des Konzerns tätig ist.
Externe Perspektiven nutzen
Doch nicht nur interne Strukturen sind Treiber von Innovation. „Als großer Konzern muss man akzeptieren, dass wir nicht alles selbst machen können“, betont Ritzmann. Eine einfache Regel gelte: „Man kann die klügsten Menschen im Konzern haben, aber außerhalb gibt es noch mehr davon.“ Deshalb sucht E.ON systematisch in Start-up-Hotspots weltweit nach innovativen Lösungen für Partnerschaften.
Entscheidend: Der Umgang mit den jungen Unternehmen. „Konzerne können Start-ups erdrücken.“ Investitionen für Pilotprojekte sind für Konzerne häufig leicht aufzubringen – für ein Start-up können sie existenziell sein. Besonders bitter sei ein Fall bei einem vorherigen Arbeitgeber gewesen, in dem die Anwaltskosten für Vertragsprüfungen „höher waren als der gesamte Umsatz“ des Start-ups. Solche Erfahrungen gelte es zu verhindern. Deshalb hat E.ON einen speziellen Weg für Start-ups entwickelt: verkürzte Verträge und ein „Fast Track“ durch die Abteilungen.
Abschließend mahnt Ritzmann: „Der größte Feind der Innovation ist das Ego.“ Erfolgreiche Innovation erfordere Demut. „Ich muss anerkennen, dass andere die Zukunft in bestimmten Bereichen besser verstehen als ich.“ Auch bei Ideen, die einem zunächst nicht gefielen, müsse man bereit sein zu sagen: „Probier es aus!“


