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Luftfahrt in der Krise : Vom Piloten zum Lokführer

Bernhard Blome sagt: „Ich wollte jetzt die Ernte einfahren, nicht neu säen.“ Bild: privat

Tausende Piloten sind entlassen oder in Kurzarbeit. Das kratzt an der Ehre eines stolzen Berufsstandes. Die ersten gehen ungewöhnliche Wege.

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          „Vor wenig mehr als einem Jahr waren wir noch gefragte Leute, alle Airlines haben uns umworben, wir sollten fliegen, fliegen, fliegen. Jetzt werden wir nicht mehr gebraucht, ich fahre Lkw und gehe schweißen in einem Metallbetrieb.“ Der junge Mann ist frustriert, wenn er diese Worte spricht. Er ist Pilot bei einer deutschen Charterfluggesellschaft, flog monatelang gar nicht und jetzt durchschnittlich auch nur zweimal hin und zurück im Monat. Früher waren mehr als 20 Flüge im Monat normal.

          Dyrk Scherff
          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Viele seiner Kollegen arbeiten ebenfalls nebenbei. „Damit wir etwas zu tun haben und Struktur in den Tag bekommen. Und natürlich auch aus finanziellen Gründen“, sagt er. Denn weniger fliegen bedeutet auch weniger Gehalt. Mehr als 30 Prozent waren es bei ihm 2020. Das trifft den 39-Jährigen, er hat gerade ein Haus gekauft, der Sohn ist ein Jahr alt, die Ehefrau hat deswegen nicht gearbeitet. Da kommt selbst der Finanzplan eines bisher gut verdienenden Piloten in Schieflage.

          Die Lufthansa hat 1200 Piloten zu viel

          Vor allem aber leidet die Psyche. Viele Piloten üben ihren Beruf mit großer Leidenschaft aus, sie haben typischerweise seit Kindheitstagen von der Fliegerei geträumt. Krisen in der Luftfahrt gab es immer mal, aber sie waren stets gesuchte Leute. Vor allem langgediente Piloten bei den klassischen Fluglinien wie der Lufthansa profitierten von hohen Gehältern und einer üppigen Altersvorsorge, die sie hartnäckig verteidigten. Der Rest der Gesellschaft schaute mit Neid, teilweise aber auch Abneigung auf die vielen Privilegien. Noch vor einem Jahr hegten viele Fluggesellschaften Expansionspläne und suchten händeringend Piloten. Auf Jahre wurde ein Personalmangel vorhergesagt. In den Cockpits musste sich niemand Sorgen machen.

          Flugzeuge am Boden: Auf den Flughäfen herrscht seit einem Jahr ungewohnte Stille.
          Flugzeuge am Boden: Auf den Flughäfen herrscht seit einem Jahr ungewohnte Stille. : Bild: akg-images / euroluftbild.de/Daniel Reiter

          Dann kam Corona. Erst standen die Flugzeuge in Europa fast völlig still, dann erholte sich der Luftverkehr im Sommer etwas und brach dann wieder ein. Derzeit befördern die Airlines nur noch rund 10 bis 20 Prozent ihrer normalen Passagierzahlen. Tausende Flugzeuge stehen eingemottet am Boden, viele Piloten werden nicht mehr gebraucht. Die Lufthansa hat rechnerisch etwa 1200 von 5500 Piloten zu viel. Sie sind noch bis März 2022 vor Entlassungen geschützt und erhalten Kurzarbeitergeld.

          Bei anderen Fluggesellschaften wird schon gefeuert. Vor allem im Ausland, wo der Kündigungsschutz weniger streng ist. In Deutschland werden Sun Express Deutschland und Germanwings zugemacht. Derzeit ist weltweit nur rund die Hälfte der Piloten wenigstens ab und zu im Einsatz. Die Europäische Pilotenvereinigung schätzt, dass von 65.000 Piloten in Europa etwa 18.000 ihren Job auf Dauer verlieren werden. Sie werden auch in Asien, Amerika und Nahost keine neue Stelle finden. Auch dort mangelt es derzeit anders als früher nicht an Piloten.

          Bernhard Blome hat es schon erwischt. Er flog bis zum Beginn der Pandemie für einen kleinen Dienstleister, der für die Condor Flüge ans Mittelmeer durchführte. Als das Virus da war, kündigte der Ferienflieger die Verträge mit dem Subunternehmer, der rasch Insolvenz anmeldete. Blome musste Ende Juli gehen. Noch bis Ende Oktober bekommt der 52-Jährige Arbeitslosengeld. Doch langsam schwindet die Zuversicht, dass er seinen alten Beruf noch einmal ausüben kann. „Ich hätte nicht gedacht, dass die Krise so lange dauert. In den nächsten drei bis vier Jahren gibt es keinen Bedarf an Piloten, danach schon, aber so lange kann ich nicht überbrücken.“ Er findet sich langsam damit ab, dass er in seinem Alter noch einmal in einem neuen Beruf anfangen muss. So hatte er sich das nicht vorgestellt. „Ich wollte jetzt die Ernte einfahren, nicht neu säen.“

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