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Weniger Erstklässler : Das Geschäft mit den Schulranzen schrumpft

  • -Aktualisiert am

Große Taschen für kleine Schüler: In welchem Ranzen sie Hefte und Federtasche transportieren, entscheiden Kinder meist selbst. Bild: ZB

Sinkende Schülerzahlen machen den Herstellern von Schulranzen zu schaffen. Mit Glitzer und Zubehör wie Turnbeutel oder Brotdose halten sie dagegen.

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          Rund 700.000 Kinder machen in diesen Tagen, ausgestattet mit Schulranzen und Schultüte, den Schritt vom Kindergarten in die Schule. 185 Euro haben die Eltern für die Ausrüstung ihrer Erstklässler im Durchschnitt ausgegeben, wie das Nürnberger Marktforschungsunternehmen GfK berechnet hat. Doch angesichts der demographischen Entwicklung ist es für die Schulranzenhersteller ein schwieriges Geschäft: Mitte der neunziger Jahre kalkulierten sie noch mit mehr als 900.000 potentiellen Kunden im Jahr.

          Die Entscheidung darüber, welches Modell das richtige für den neuen Lebensabschnitt ist, liegt in der Regel bei den Fünf- und Sechsjährigen selbst. Hersteller wie Thorka-Chef Thorsten Helge Krause, dessen Marke McNeill gemeinsam mit Marktführer Scout aus dem pfälzischen Frankenthal fest den Markt beherrscht, testen ihre neuen Modelle daher schon mit Kindergartenkindern. Claudia Krause, in der Geschäftsführung für Entwicklung verantwortlich, gibt jedes Jahr rund 20 Designs in die Produktion, etwa die Hälfte sind Neuheiten. 170 Mitarbeiter schneiden, stanzen und nähen die Ranzen in Eberswalde bei Berlin und vertreiben sie anschließend vom Unternehmenssitz im südhessischen Hainburg über den Lederwaren- und Schreibwarenhandel. "Wir versuchen dabei immer, aktuelle Themen zu verarbeiten, die nah am Geschmack der Kinder sind." Einhörner, Herzen und Autos blieben zwar, die Kollektion sei jedoch in den vergangenen Jahren viel modischer geworden. 200.000 Ranzen verkauft Thorka derzeit im Jahr. Beliebtestes McNeill-Modell unter den Schulanfängern 2011 ist ein lila Ranzen mit geflügeltem Pferd, einem Pegasus, aus der "Exklusive Line", für den sich fast 20.000 Mädchen entschieden haben. Das siebenteilige Set kostet immerhin rund 200 Euro. Denn allein mit dem Ranzen ist es nicht getan. Rund 95 Prozent aller Ranzen gehen zusammen mit dem passenden Turnbeutel, einem mit Stiften gefüllten Federmäppchen und weiteren Etuis sowie Trinkflasche und Brotdose über die Ladentheke.

          „Der Schulranzen ist ein typisch deutsches Produkt“

          Auch bei Internethändlern wie Southbag, der über seinen Schulranzen-Onlineshop sowie stationär in Puchheim bei München und in der Nähe von Salzburg jährlich rund 18.000 Schulranzen verkauft, dominieren bei den Mädchen die Pferdemotive in Rot, Pink oder Lila, während sich die meisten Jungs für Fußball und Rennautos entscheiden. Zubehörspezialist Hama bezeichnet Einhörner und Traktoren als seine Verkaufsschlager. Mit den Marken Step by Step und Sammies by Samsonite gehört Hama zu den drei größten deutschen Schulranzenherstellern, will aber keine Absatzzahlen nennen. Einen Überblick über die Modellvielfalt können sich Eltern und Kinder seit einigen Jahren auf "Ranzenpartys" verschaffen. Veranstaltet vom Fachhandel, zeigen die Hersteller in der Hauptsaison zwischen Januar und Ostern landauf und landab ihre Neuheiten. Dabei sind auch die besonderen Ausführungen einiger Modelle zu finden, die nur in limitierten Auflagen von etwa 1500 Stück auf den Markt kommen.

          Auch wenn die Schulranzen von McNeill bereits in Russland und Singapur getragen werden, verkauft Thorka hauptsächlich in Deutschland, Österreich und in der Schweiz. Die ergonomischen Aspekte in Verbindung mit dem Preis müssten im Ausland eher thematisiert werden, sagt Thorka-Chef Krause, ein gelernter Feintäschner. Deutschen Eltern seien die Vorteile eines stabilen, aber leichten Ranzens hingegen sofort klar. Daher hat Krause für die nächste Saison in Zusammenarbeit mit der Sporthochschule Köln einen Leichtranzen mit Luftpolster entwickelt. Doch die traditionell unterschiedlichen Schulsysteme innerhalb Europas, wo die Schüler teilweise ihre Utensilien in der Ganztagesschule lagern, erschweren die Expansion ins Ausland. "Der Schulranzen ist ein typisch deutsches Produkt", urteilt Krause.

          20 Millionen Euro Umsatz erzielt Thorka nach eigenen Angaben im Jahr. Für 2011 rechnet der Firmengründer mit einem Zuwachs von 5 Prozent: "Zwar sinken die Schülerzahlen, doch die Einschulung ist nun ein Familienfest". Dazu schenken die Verwandten gerne das passende Zubehör wie Heftmappen, Papierkörbe oder Schultüten. Neu in die Kollektion aufgenommen hat Claudia Krause kleine Koffer, zum Beispiel für Spielzeug, die Thorka schon seit Jahren in Österreich für Materialien für den Kunstunterricht verkauft. Als Trend für die neue Saison gelten bei McNeill Robotor-Applikationen für Jungs, und für Mädchen ist ein lila Ranzen mit sibirischem Schneetiger im Programm - verziert mit einem Glitzerstein von Swarovski.

          Trotz alldem steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Schulranzen noch vor dem Wechsel in die weiterführende Schule ausgetauscht wird. "Der Schulranzen ist ein Symbol, wie viel Kind noch in dem Kind steckt und wie viel Jugendlicher es schon ist", sagt Denise Ullrich vom Münchener Marktforschungsunternehmen Iconokids, das unter anderem für Scout Befragungen durchführt. Immer öfter werde schon von der dritten oder vierten Klasse an ein neuer Schulranzen gekauft. Dieser Ranzen ist dann meistens ein Schulrucksack. Unter dem Namen 4You, Take it easy oder All out haben die großen Hersteller Nachfolgemodelle parat - ohne Einhörner und Rennautos. Andere setzen direkt auf diesen Trend wie das neu gegründete Unternehmen Ergobag. Anfang 2010 mit einem Gründerstipendium an den Start gegangen, verkauften die Kölner auf Anhieb mehr als 6000 ergonomische Schulrucksäcke speziell für die Grundschule. Unter den jetzigen Schulanfängern fanden schon mehr als doppelt so viele daran Gefallen.

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