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Industriegase-Hersteller : Linde vermeidet Kampfabstimmung um Praxair-Fusion

Wolfgang Reitzle auf der Hauptversammlung Bild: dpa

Am Donnerstag steht bei Linde die alles entscheidende Aufsichtsratssitzung zur Fusion mit dem Konkurrenten aus Amerika an. Nun sieht alles danach aus, als müsste Wolfgang Reitzle seine Zusatzstimme doch nicht einsetzen.

          Die drohende Eskalation im Aufsichtsrat von Linde ist abgewendet. Aus dem Umfeld des deutschen Industriegase-Herstellers ist zu vernehmen, dass es auf der alles entscheidenden Aufsichtsratssitzung am Donnerstag in München keine Kampfabstimmung geben wird, wenn es um das Plazet für die Fusion mit der amerikanischen Praxair geht. Wolfgang Reitzle, Aufsichtsratsvorsitzender und maßgeblicher Betreiber des Zusammenschlusses zum weltgrößten Anbieter von Industriegasen, könne auf den Einsatz der ihm zustehenden Zweitstimme bei der Entscheidung über den Fusionsvertrag (Business Combination Agreement, BCA) verzichten, heißt es.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Diese Zweitstimme wäre notwendig gewesen, um den Vertrag trotz eines sich abzeichnenden Patts zwischen den Lagern von Anteilseigner- und Arbeitnehmervertretern durchzuboxen. Das allerdings hätte einen faden Nachgeschmack gehabt und auch einen Imageschaden für Reitzle bedeutet. Stattdessen kristallisiert sich nun heraus, dass nicht alle Arbeitnehmervertreter mit Nein stimmen werden. Als unwahrscheinlich gilt aber ebenso, dass der Fusionsvertrag einhellig von allen Aufsichtsratsmitgliedern, also nicht nur von den Vertretern der Kapitalseite, angenommen wird. Das Abkommen sieht den „Zusammenschluss unter Gleichen“ vor, wie es immer wieder propagiert, aber stets angezweifelt worden ist. Ein Konzernsprecher kommentierte die Vorgänge auf Anfrage von FAZ.NET nicht.

          Werk in Dresden in Gefahr

          Einige Mitglieder dürften sich zumindest enthalten. Das könnte etwa mit dem Betriebsratsvorsitzenden des Anlagenbau-Werkes in Dresden der Fall sein. Möglich ist zudem, dass sich die Vertreterin der leitenden Mitarbeiter für die Fusion ausspricht. Dem Vernehmen nach scheinen die Konzernmitarbeiter im Ausland, wo Linde 92 Prozent des Umsatzes erzielt, für die Fusion zu sein. Widerstand gibt es wegen der Sorge um die Dominanz der Amerikaner vor allem unter den 8000 deutschen Beschäftigten. Sie fürchten langfristig um Arbeitsplätze. Das ist der Grund, warum Gernot Hahl als Arbeitnehmervertreter aus dem Linde-Betrieb Worms noch vor wenigen Wochen ein weiteres Mal seinen Widerstand mit einem Nein angekündigt hatte. Nicht viel anders sieht es bei Hans-Dieter Katte aus, stellvertretender Aufsichtsratschef und Betriebsratsvorsitzender des größten Standortes Pullach bei München.

          Die Gemengelage ist kompliziert und setzt die Belegschaftsvertreter in Zugzwang. Im Dezember 2016 standen die Arbeitnehmervertreter der Fusion noch aufgeschlossen gegenüber, nachdem ihnen eine Standort- und Beschäftigungsgarantie bis zum Jahr 2021 zugesichert worden ist. Würde es nicht zum Zusammenschluss kommen, gibt es auch keine Garantie und die 2016 angekündigten Umstrukturierungen mit mehr als 1000 gefährdeten Arbeitsplätzen werden fortgesetzt. Damit stünde das Werk in Dresden mit mehreren hundert Mitarbeitern vor dem Aus. Würde Frank Sonntag am Donnerstag also gegen die Fusion mit Praxair stimmen, handelte er gegen die Interessen seiner Kollegen.

          Reitzle drohte mit seiner Zusatzstimme

          Noch am Mittwoch hat es im Vorfeld der so entscheidenden Sitzung intensive Gespräche gegeben, um den Aufsichtsratsmitgliedern den im Juristendeutsch verfassten Fusionsvertrag über mehr als 500 Seiten verständlich zu machen. Dazu soll es Einzel- beziehungsweise Gruppengespräche gegeben haben. Nicht auszuschließen ist, dass gegenüber den Arbeitnehmer-Aufsichtsräten auch Konzessionen gemacht werden könnten, um deren Bedenken auszuräumen. So gibt es nach wie vor die Möglichkeit, dass Vertreter der deutschen Belegschaft im Verwaltungsrat der neu zu gründenden Konzernholding mit dem Namen Linde mit Sitz im irischen Dublin einen Sitz einziehen könnten – zumindest eine hypothetische Option. Dafür spricht allerdings, dass die Mitglieder des paritätisch besetzten Verwaltungsrates noch nicht bestimmt worden sind. Präsident des Boards wird Wolfgang Reitzle, während Praxair-Vorstandsvorsitzender Steve Angel Chef (CEO) der fusionierten Gesellschaft sein wird.

          In den zurückliegenden Monaten ist der Konflikt zwischen Befürworter Reitzle und widerstrebenden Belegschaftsvertretern wie auch Mitgliedern der IG Metall sowie der Chemie-Bergbau-Gewerkschaft IG BCE offen ausgebrochen. Zu sehr fühlen sich die Mitarbeiter überrumpelt und über den Tisch gezogen, was durch laute, dominante und durchaus autoritär wirkende Aussagen des Praxair-Chefs Steve Angel noch unterstützt wurde. So entstand der Eindruck, dass die Arbeitnehmerbank geschlossen gegen den Vertrag stimmen würde. Daraufhin zog Reitzle alle Register und drohte seinerseits mit dem Einsatz der im Mitbestimmungsgesetz eingeräumten Zusatzstimme, die der Chefkontrolleur im paritätisch besetzten Aufsichtsrat einer Aktiengesellschaft einsetzen kann, sollte es zu einer Stimmengleichheit kommen. Das heizte die Auseinandersetzung zwischen beiden Seiten noch mehr an.

          Makel bleibt haften

          Reitzle kann indes nicht an einer derartigen Konfrontation interessiert sein. Zu sehr würde sie mit seiner Person verbunden sein, den auf Image bedachten deutschen, 68 Jahre alten Spitzenmanager ramponieren. Schon unter deutschen Aktionären hat es Unmut darüber gegeben, dass sie auf der Hauptversammlung nicht über die Fusion abstimmen dürfen, sondern nur über eine ihnen zu unterbreitende Übernahmeofferte. Durch Annahme von Aktien der neuen Gesellschaft würden sie der Fusion zustimmen. Sollten sie ablehnen, würden sie die Aktien der „alten“ Linde AG behalten.

          Die Kritik war nicht nur von den Arbeitnehmern, sondern auch von Aktionären groß, dass Reitzle „seine“ Fusion und damit sein Ego durchsetzen wolle, egal was kommen möge. Zwar zeichnet sich nun ab, dass eine Kampfabstimmung vermieden wird. Dennoch bleibt ein Makel haften, wenn der Aufsichtsrat von Linde nicht einstimmig über die Zukunft von Linde entscheidet.

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