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Rohstoffmangel : Steigende Preise beunruhigen Unternehmen

  • -Aktualisiert am

Schiffscontainer im Hafen von Montreal Bild: Reuters

Die rasche Erholung der Weltwirtschaft von der Corona-Krise hat eine Nebenwirkung: Die Nachfrage steigt schneller als die noch angeschlagenen Lieferketten mithalten können. Das sorgt für Angst vor steigenden Preisen.

          3 Min.

          Steigende Kosten für Rohstoffe stellen nach Einschätzung von Unternehmen ein Risiko auf dem Weg aus der Corona-Krise dar. Das zeigt eine am Donnerstag veröffentlichte Umfrage unter deutschen Großunternehmen, die das Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen Deloitte halbjährlich durchführt. Die Ergebnisse der Umfrage lagen der F.A.Z. vorab vor. Demnach blicken die 140 befragten Finanzvorstände grundsätzlich positiv in die nähere Zukunft und sehen einen starken Aufwärtstrend für die Konjunktur in Amerika, China und Deutschland. Die Geschäftsaussichten sinken im Vergleich zum Herbst zwar leicht, bleiben laut Deloitte jedoch auf einem rekordverdächtigen Niveau.

          Mark Fehr
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Viele Unternehmen erwarten, noch im Jahr 2021 die gleichen Umsätze zu erzielen wie vor der Krise – und 43 Prozent der Umfrageteilnehmer haben das schon jetzt geschafft. Deloitte-Chefvolkswirt Alexander Börsch weist darauf hin, dass der Welthandel schon im Oktober und November fast wieder sein Vorkrisenniveau erreicht habe. Nach der Finanzkrise 2008/2009 dagegen habe die Rückkehr auf das ursprüngliche Niveau zwei Jahre gedauert. Die rasante Erholung führt allerdings auch zu Problemen. Denn das starke Wachstum und die explodierende Nachfrage treffen auf angeschlagene Lieferketten, was die Kosten für Rohstoffe stark steigen lässt.

          Abzulesen ist das etwa am Rohstoffpreisindex des Weltwirtschaftsinstituts HWWI, der am aktuellen Rand steil geht. Zum Risiko einer schwächelnden inländischen Nachfrage gesellt sich daher neuerdings die Sorge vor höheren Rohstoffpreisen: 44 Prozent der von Deloitte befragten Finanzchefs nennen für die kommenden zwölf Monate steigende Rohstoffkosten als ein hohes Risiko für ihr Unternehmen. Das ist der höchste Wert seit Beginn der halbjährlich stattfindenden Befragung. „Es ist das erste Mal seit acht Jahren, dass Kosten für Rohstoffe zum großen Thema werden“, erinnert sich Chefvolkswirt Börsch.

          Leere Lager und eine Schiffs-Havarie

          Während der Pandemie mussten laut Deloitte viele Minenbetreiber ihre Förderung zurückfahren, wodurch die Lagerbestände stetig sanken. Nun aber steige durch die konjunkturelle Erholung der Weltwirtschaft die Nachfrage, was die Preise angesichts des begrenzten Angebots klettern lasse. Zur rasch gestiegenen Nachfrage sei laut Börsch zuletzt auch noch Pech hinzugekommen, weil ein havariertes Frachtschiff einen wichtigen Kanal blockierte. Auch der neue Chipmangel zeige, wie dünn die Polster in den Lieferketten seien. Brände in wichtigen japanischen Chipfabriken hätten die Knappheit verschärft.

          Das mit diesen Entwicklungen verbundene Kostenrisiko ist daher nach Einschätzungen der Unternehmen auf den zweiten Platz gerückt, nur knapp hinter der Sorge vor einer schwächeren Inlandsnachfrage, die aktuell 46 Prozent der Finanzchefs umtreibt. Deutlich zurückgegangen ist dagegen die Angst vor geopolitischen Risiken, die nur noch bei 36 Prozent der Befragten herrscht. Im Vorjahr sahen noch 59 Prozent der Finanzchefs die Weltpolitik als großes Risiko für ihre Unternehmen.

          Laut Ökonom Börsch liegt das daran, dass der Brexit glimpflich zu erfolgen scheine und der Handelsstreit zwischen den Vereinigten Staaten und der Volksrepublik China mittlerweile im öffentlichen Bewusstsein sehr viel weniger prominent sei. Gelöst sei der Konflikt zwischen den Supermächten jedoch mitnichten. Das gelte auch für den Zollkonflikt zwischen Amerika und der Europäischen Union. Die unter dem ehemaligen Präsidenten Donald Trump eingeführten Zölle würden zu großen Teilen weiter gelten.

          Eine gute Nachricht besteht laut Börsch darin, dass das Wachstum in der Volksrepublik China so schnell wieder in Gang gekommen sei. Die deutschen Unternehmen könnten sich daher ähnlich wie nach der Finanzkrise mit Exporten aus der Krise retten. Das sorgt offenbar auch unter Finanzvorständen für Optimismus. Angesichts guter Geschäftsaussichten sind sie laut der Deloitte-Umfrage wieder eher bereit, zu investieren. Rund die Hälfte der Unternehmen planen, ihre Investitionen zu erhöhen, während nur 15 Prozent die Investitionen senken wollen. Gegenüber dem Herbst habe sich die Investitionsbereitschaft stark erhöht. Führend bei dieser Entwicklung sei die Konsumgüterindustrie.

          Dabei hat die Krise laut Deloitte-Chefvolkswirt Börsch die Konsumgewohnheiten verändert. Viele Leute kauften Möbel oder Unterhaltungselektronik für zu Hause, weil sie während der Pandemie kein Geld für den Urlaub oder andere Dienstleistungen ausgeben konnten. Etwa die Nachfrage nach Büromöbeln sei explodiert, weil viele Beschäftigte immer noch zu Hause arbeiteten. Gesamtwirtschaftlich sind die Einkommensverluste nach Einschätzung von Börsch dank Kurzarbeit, staatlichen Hilfen und stabilem Arbeitsmarkt gering, die Konsumenten besäßen daher hohe Ersparnisse.

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