Diesel und Kerosin : Was, wenn im Krieg der Treibstoff ausgeht?

In Europa schrumpft die Kapazität, um Diesel und Kerosin herzustellen, seit Jahren schneller als der Verbrauch. Die EU-Kommission will nun gegensteuern, auch aus sicherheitspolitischen Gründen.
Hinter den Standortschließungen gebe es ein Muster, erläutert ein langjähriger Mitarbeiter des Verbands Fuels Europe, in dem sich die Mineralölunternehmen organisieren. Alle fünf Jahre stehe eine größere technische Revision der Anlagen an, dann entschieden die Betreiber, ob sich der Weiterbetrieb lohne. Wo die Entscheidung negativ ausfiel, betont der Interessenvertreter, habe es sich um vorausschauende betriebswirtschaftliche Entscheidungen gehandelt. Eine Ausnahme gab es: Mit der Insolvenz von Petroplus, zuvor Europas größter Rohölverarbeiter, gingen im Jahr 2012 schlagartig fünf Standorte zunächst verloren, einige, etwa die Raffinerie in Ingolstadt, fanden nach einer Produktionsunterbrechung jedoch neue Eigentümer.
Verbleibende Standorte gut ausgelastet
Dem Gros der verbleibenden Anlagen scheint es aktuell nicht an Profitabilität zu mangeln, wenn man jene an der durchschnittlichen Auslastung misst. Übers Jahr gerechnet, so eine noch unveröffentlichte Studie von Oxford Analytica, beträgt die Auslastung rund 80 Prozent, die Schwelle zum Verlust liegt bei 70 Prozent. Das heißt aber nicht, dass die europäischen Raffinerien ihre Produktion auf 100 Prozent steigern können. Denn in den Zahlen enthalten sind mehrwöchige Anlagenstillstände für gesetzlich vorgeschriebene Prüfungen und Wartungsarbeiten. Rechne man diese Zeiten heraus, so heißt es von Shell, läge die Auslastung in der größten deutschen Raffinerie in Wesseling bei 102 Prozent, bezogen auf die ursprüngliche technische Auslegung.
Die aus den geschrumpften Kapazitäten resultierende Importabhängigkeit beschäftigt nun auch die Europäische Kommission. Am Mittwoch treffen sich der für Energie zuständige Kommissar Dan Jørgensen und sein für die Verteidigung verantwortlicher Kollege Andrius Kubilius mit Vertretern der Mineralölindustrie. Es soll sich, analog zu einem ähnlichen Gesprächsformat der deutschen Wirtschaftsministerin Katherina Reiche, um einen strategischen Dialog handeln. Allerdings betont die Ankündigung der Kommission die sicherheitspolitische Dimension: Ein zuverlässiger Zugang zu militärisch relevanten Kraftstoffen, vor allem Diesel und Kerosin, sei ein entscheidendes Element in dem Bemühen, die Verteidigungsfähigkeit Europas zu stärken. Dementsprechend ist auch die NATO an dem Dialog beteiligt.
Wartungsarbeiten besser koordinieren?
Für jenen Teil der Politik, die auf der Suche nach kurzfristig preissenkenden Maßnahmen ist, zählt vor allem die kurzfristige Ausweitung des Angebots. Eine Idee dazu wurde schon auf dem G-7-Treffen Anfang Oktober entwickelt: Die Raffinerien sollten ihre Wartungsarbeiten besser koordinieren, also die Zeiträume aufeinander abstimmen. Die Branche wehrt sich gegen den Vorschlag. Nicht einmal ein zentrales Register hält Fuels Europe für eine gute Idee. Solche Informationen wären wettbewerbsrelevant, auch weil Raffinerien die eigene Lieferfähigkeit während der Abschaltung aufrechterhalten, indem sie fehlende Mengen von Wettbewerbern einkauften. Die Befürchtung: Transparenz würde die Preise vor den Wartungsintervallen steigern.
Die Gesprächsstrategie der Mineralölunternehmen für das Spitzentreffen soll ohnehin von kurzatmigen Maßnahmen weglenken. Stattdessen fordern sie, die Kapazitäten langfristig zu sichern. „Europa muss für seine Raffinerien Bedingungen schaffen, damit diese in den kommenden Jahrzehnten investieren, sich transformieren und wettbewerbsfähig bleiben“, sagt Liana Gouta, Generaldirektorin von Fuels Europe. Für die Herstellung klimaneutraler Kraftstoffe für den Flug- und Schiffsverkehr brauche man alle noch heute vorhandenen Anlagen. Zwar schrumpfe das vorausgesagte Absatzvolumen um vier Fünftel, aber die Produktion auf Basis heimischer biologischer Rohstoffe benötige auch fünffach größere Anlagen. Zudem seien bis zum Jahr 2050 für die Umstellung insgesamt 400 Milliarden Euro zu investieren, so der Verband. Ähnlich hatten die Industrievertreter in der Vorwoche während der Veranstaltung des deutschen Wirtschaftsministeriums argumentiert.
Alternative Kraftstoffe aktuell nur in kleinen Mengen
Doch die Produktion alternativer Kraftstoffe kann kurzfristig die angespannte Versorgungslage kaum entzerren, wie der finnische Konzern Neste zeigt. Das Unternehmen hat seine größte Raffinerie in Rotterdam umgestellt, die dort produzierten Kraftstoffe basieren nurmehr auf biologischen Abfallstoffen. So entsteht beispielsweise hydriertes Pflanzenöl, im Handel als HVO 100. Technisch kann es Dieselkraftstoff ersetzen. Zudem produziert Neste vor Ort auch nachhaltigen Flugtreibstoff. Durch weitere Investitionen in Rotterdam soll die Kapazität auf fast drei Millionen Tonnen im Jahr steigen.
Verfahren, die Ersatzkraftstoffe auf synthetischem Weg herstellen, also ganz ohne Rohöl oder Bioabfälle, stehen noch am Anfang ihrer Entwicklung. Die größte europäische Anlage für synthetisches Kerosin Europas läuft im Chemiepark Höchst bei Frankfurt, sie kann maximal 2500 Tonnen im Jahr erzeugen. Der Jahresbedarf an Flugtreibstoff in der Europäischen Union beträgt etwa 50 Millionen Tonnen.





