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Kommentar : Was tun mit Google?

Kästen mit dem Google-Logo in Lille. Bild: AFP

Das EU-Verfahren gegen Google ist übertrieben und nutzlos. Doch mit Google ist längst nicht alles gut. Deshalb sind bessere Ideen gefragt.

          3 Min.

          Von jetzt an herrschen andere Sitten, so heißt es in Brüssel. Seit letzter Woche geht die Europäische Union mit aller Kraft gegen Google vor. Am Ende droht dem Konzern eine Milliardenstrafe – nur mit welcher Begründung? In den Suchergebnissen waren einige Websites nicht deutlich genug zu sehen? Hat die Welt darauf wirklich gewartet? Ist das die wichtigste Diskussion über Google: wo genau der Link zu Ciao.de steht?

          Die EU ist dabei, mit ihrem verschärften Verfahren gegen Google zu übertreiben und trotzdem nichts zu bewirken. Dieses Vorgehen hat nur zwei Vorteile: Es kanalisiert vorhandenen Ärger, und es entspricht geltendem Recht. Doch die wahren Fragen im Umgang mit Google bleiben ungelöst: Wer bestimmt, welche Antworten wir auf unsere Fragen bekommen? Was macht der Konzern mit unseren Daten? Hat Google zu viel Macht?

          Eigentlich hat die Marktwirtschaft auf solche Fragen eine einfache, elegante Antwort: Konkurrenz. Wenn Verbraucher ein Angebot nicht mögen, nehmen sie ein anderes. Mit Autos funktioniert das gut. BMW ist zu teuer? Dann fährt man Dacia. Der ist nicht cool genug? Dann halt Fiat. Oder Hyundai. Oder VW. Für jeden Geschmack ist etwas dabei - und kein Autobauer wird so stark, dass er eine Übermacht bekäme und etwa noch den Tankstellenmarkt dominierte.

          Google hat ein „natürliches Monopol“

          Leider ist das im Internet anders. Google hat unter den Suchmaschinen in Europa einen Marktanteil von 90 Prozent. Das ist kein Zufall. In der IT-Welt entstehen häufig Monopole - weil die Informationstechnik eine ganz besondere Kostenstruktur hat. Google ist ein Paradebeispiel. Der Konzern steckt viel Geld in den Algorithmus seiner Suchmaschine. Jeder einzelne Nutzer kostet das Unternehmen kaum noch etwas, aber jeder bringt zusätzliches Werbegeld ein.

          Das bedeutet: Sobald Google einmal den Markt beherrscht, verdient es immer mehr Geld. Mit diesen Milliardengewinnen kann der Konzern seinen Algorithmus weiterentwickeln und junge, innovative Wettbewerber kaufen. Googles Service wird immer besser, die Kunden bleiben freiwillig dabei, die Konkurrenten werden abgehängt. Ökonomen nennen so eine Situation ein „natürliches Monopol“. An diesem Grundproblem kann Europa wenig ändern, selbst wenn die europäischen Start-up-Szene ein bisschen pfiffiger würde.

          Monopole wechseln, die Verbraucher bleiben machtlos

          Die IT-Welt ist seit Jahrzehnten voller natürlicher Monopole. Microsoft dominiert bis heute den Markt für PC-Betriebssysteme. Google hat noch jeden Angriff auf seine Suchmaschine überstanden. Und gegen Facebook kommt kein anderes soziales Netzwerk mehr an. Keines dieser Monopole ist je aufgelöst worden. Manche verlieren mit der Zeit an Bedeutung. Aber am Grundproblem ändert sich nichts. Alte Monopolisten bleiben, neue kommen hinzu, die Verbraucher bleiben in der IT-Welt machtlos.

          Dabei fühlen sie das oft nicht so. Viele Verbraucher sagen: „Ich benutze Google nur deshalb, weil dort die Suche am besten ist.“ Das ist typisch. Das natürliche Monopol ist heimtückisch: Google zwingt uns nicht auf seine Suchmaschine, aber dank seines Monopols ist Google zufällig immer der beste Anbieter, mag es auch noch so viele winzige Konkurrenten geben. Alle Beschwerden rücken in den Hintergrund und werden zu kleinen Ärgernissen, die man eben in Kauf nimmt. Dagegen hilft nur Konkurrenz.

          „Der nächste Konkurrent ist immer nur einen Klick entfernt“, sagt Google. Doch das ist Wunschdenken. In Wahrheit sind die anderen Suchmaschinen nur schlechte Kopien des großen Vorbilds. Sie können nicht anders, denn Google lässt sich nicht mehr einholen. Mit jeder Suchanfrage lernt es dazu: Es erfährt, welche Websites bei den Nutzern beliebt sind, und es lernt die einzelnen Nutzer besser kennen. So wird der Algorithmus immer ausgefeilter. Die anderen kommen nicht mehr hinterher. Wenn Google sein Monopol einmal gesichert hat, kann es nicht mehr angegriffen werden.

          Websites-Betreiber sind dem Konzern ausgeliefert. Mag Google ihnen auch alle Informationen und Bilder stehlen, um sie auf den eigenen Seiten anzuzeigen - sie können doch nichts dagegen tun. Wer nicht spurt, dem droht Google mit Auslistung. Und das kann sich keiner leisten.

          Was also tun? Es geht nicht darum, Google zu zerschlagen oder so festzubinden, dass keine innovativen Produkte mehr entstehen können. Stattdessen sind sanfte Regeln gefragt, die den Strukturnachteil der Konkurrenten ausgleichen.

          Erste Ideen sind noch ziemlich grob: Man könnte Google detaillierte Regeln darüber aufstellen, wie es mit Daten umzugehen hat - oder sogar vorschreiben, dass der Konzern seine Daten für die Konkurrenz offenlegen muss. Ob das nicht alles zu scharf ist? Auf diese Frage findet sich bei Google keine Antwort. Kartellamtspräsident Andreas Mundt hat das Problem erkannt und denkt darüber nach, was Wettbewerbshüter tun können. Ökonomen in der Wissenschaft haben die Diskussion aufgenommen. Die Suche nach einer Antwort hat begonnen. In der Zwischenzeit braucht es keinen Aktionismus aus Brüssel, auch wenn dort die Mühlen langsam mahlen.

          Patrick Bernau
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Wert“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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