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Kommentar : Die Affen rasen durch den Wald

  • -Aktualisiert am

Brett unter einer Maske eines Drills im Zoo in Hannover Bild: dpa

Warum sind uns kranke Affen wichtiger als tote Menschen? Nicht nur Egoismus spielt dabei eine Rolle.

          Am Freitag ist vor der Küste Libyens ein Boot mit 90 Flüchtlingen gekentert. Die Internationale Organisation für Migration fürchtet, dass die meisten von ihnen an Bord umkamen. Schon am vergangenen Wochenende waren vermutlich bis zu 37 Menschen im Mittelmeer ums Leben gekommen, als ihr Boot leckschlug.

          Die Nachricht vom Tod der Flüchtlinge ist eine Schreckensmeldung, doch sie fand sich am Samstag in den Zeitungen lediglich unter der Rubrik „Kurzmeldungen aus dem Ausland“. Niemand fragt nach den Schuldigen, geschäftstüchtigen Schlepperorganisationen. Niemand betrauert öffentlich das Schicksal der Exilanten, deren Hoffnungen auf ein besseres Leben jäh zunichtegemacht wurden.

          Die Welt hat seit Tagen nämlich Wichtigeres zu tun: Sie beklagt das Leid, das einer Gruppe von zehn Javaneraffen angetan wurde, die im Mai 2015 bis zu vier Stunden lang in Glaskäfigen Diesel-Abgase einatmen mussten – mit dem Ziel, der Autoindustrie Beweise dafür zu liefern, dass sich die von Stickoxid-Emissionen verursachten Gesundheitsschäden in Grenzen halten. Schön ist das für die Affen nicht, und zynisch ist es obendrein, dass die Autoindustrie nicht davor zurückschreckt, aus Marketinggründen Tiere zu quälen.

          Aber ist das auch ein Riesenskandal? Nach allem, was man von den Forschern weiß, wurden die Affen im Anschluss an die Versuche mit einer Reizung an den Atemwegen zurück in ihre Kolonie im Labor gebracht, wo sich Tierärzte um sie kümmerten. Die Behauptung von Tierschützern, die Affen seien getötet worden, bleibt Spekulation ohne Beweise. Wie kommt es, dass der von Menschen zu verantwortende Tod von Flüchtlingen im Mittelmeer weniger öffentliches Mitleid erregt als die Qual von Tieren, deren Atemwege gereizt wurden?

          Die Menschlichkeit der Affen

          Tiere sind uns manchmal näher als Menschen, deren Tod auf der Flucht uns mit der Zeit abstumpfen lässt. Der Affe ist uns besonders nah, paradoxerweise gerade deshalb, weil er so menschlich ist: „Der Affe in uns“ ist ein populäres Buch von Frans de Waal betitelt, in dem der berühmte Primatenforscher zeigt, wie gering sich Genetik und Verhalten von Affen und Menschen voneinander unterscheiden, wenn es etwa um Gewalt, Zuneigung oder Sex geht. Das Mitleid mit den Affen wäre dann vor allem egoistisch ausgelöst worden: Wir erkennen in den Javanern uns selbst, die wir auch nicht gerne von VW in einen Käfig eingesperrt und mit Stickoxid zugepustet werden wollen (es reicht uns schon, wenn das am Stuttgarter Neckartor passiert).

          Dafür, dass die Aufregung etwas mit der Menschlichkeit der Affen zu tun hat, spricht die Tatsache, dass dieselben Menschen kein Problem haben, sich ein ordentliches T-Bone-Steak in die Pfanne zu hauen, sieht man einmal von den zehn Prozent Vegetariern ab. Selbst wenn das Rind artgerecht gehalten wurde, läuft es doch am Ende auf den Tod des Tieres als dessen von Menschen gesetzte Bestimmung seines Lebens hinaus – ein Schicksal, das den VW-Äffchen erspart blieb.

          Man kann bezweifeln, dass wir stets als „animal rationale“, als ein vernünftiges Tier agieren, sonst müssten wir uns schleunigst eine ordentliche Begründung dafür einfallen lassen, warum wir Affen und Hunde lieben, Schweine essen und Schafe anziehen. Empathie bringen wir für Kühe nämlich auch auf, wenn wir sie auf der Milka-Weide im Voralpenland streicheln. Bei McDonald’s findet die Empathie dann ihr Ende. Das liegt auch daran, dass wir uns als Sieger der Evolution fühlen, zumindest solange das Anthropozän währt und der Diskurs über Tierethik und Tierrechte für das gute Gewissen sorgt.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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