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Gianfranco Lanci : Das Zugpferd von Lenovo

Gianfranco Lanci Bild: Bloomberg

Gianfranco Lanci hat vieles hinter und noch einiges vor sich: Einst verkaufte er Taschenrechner. Nun hat Lanci für das Europageschäft von Chinas wichtigstem Computerhersteller große Pläne.

          Er hat vieles hinter und noch einiges vor sich. Als Gianfranco Lanci vor einem Jahr nach einem herzhaften Streit mit der Gründerfamilie beim taiwanischen Computerhersteller Acer die Tür ins Schloss warf und sich einen goldenen Sommer lang auf seinen Weinberg im piemontesischen La Morra zurückgezogen hatte, war er eigentlich fertig mit der Branche. Mit Ende fünfzig stand er im Ruhestand. Laptop-, Desktop- und Tabletrechner nahm er nur noch privat zur Hand. Keine Vorstands-, keine Strategie- und keine Krisensitzungen mehr. Dann aber klopften die Personalberater von Lenovo an.

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Lanci öffnete, ließ sie ein und hatte am Ende des Abends ein lukratives Angebot auf dem Tisch. Er sollte Europachef von Chinas größter Computermarke werden, sollte auf einem der schwierigsten Märkte der Welt das Wachstum forcieren, die deutsche Medion-Gruppe integrieren und neben das florierende Firmen- auch das Privatkundengeschäft ausbauen. „Ich wollte immer Nummer eins sein“, sagt Lanci. „Jetzt hatte ich wie aus heiterem Himmel noch einmal die Chance.“ Er griff zu und ist wieder im Geschäft. Anfang dieser Woche ging es los - mit Reden, Pauken und Trompeten. Er mag den Fußballclub Inter Mailand, Verdi und die großen Opern.

          Lenovo Laden in Schanghai

          Lanci sitzt im Hilton Hotel von Prag. In zwei Stunden wird er seinen ersten Vortrag vor der versammelten Lenovo-Mannschaft halten, wird sich mit der zweiten und dritten Reihe der Manager treffen, ihnen seine Ziele erläutern und die Wege beschreiben, auf denen er gedenkt, sie zu erreichen. In den Fluren rund um den Konferenzsaal stehen Tischreihen vollbepackt mit Computern, großen und kleinen, dicken und dünnen, leichten und schweren; die für den Haus- und die für den Firmengebrauch, Netzwerk- und Videospielrechner, alle Produkte, das gesamte Angebot, die ganze Palette, mit der Lenovo in den kommenden Monaten die Branche aufmischen will. Lancis neue Stücke.

          Er wird sie brauchen, denn er ist der Mann für einen hart umkämpften, aber wichtigen Markt. Auf der Weltkarte der Chinesen ist Europa eine der Regionen mit den größten Lücken. Während Lenovo nach Angaben der Analysten von Gartner im Quartal fast 13 Millionen Computer auf allen Kontinenten verkauft, damit um 23 Prozent im Jahresvergleich zulegt und mit einem Marktanteil von 14 Prozent hinter Hewlett-Packard Rang zwei in der Bestenliste der Branche belegt, dümpelt es in Europa auf Rang fünf herum. Lanci hebt die rechte, zur Faust geballte Hand und spreizt langsam Daumen, Zeige und Mittelfinger auf: Nummer drei. Das will er sein, in einigen Monaten. In einigen Jahren dann sieht er sich als Nummer eins. Ein Husarenritt.

          Liu Chuanzhi, Aufsichtsratschef von Lenovo

          „Wir haben einiges vor, und wir werden eine Menge arbeiten müssen“, sagt er kurz, lächelt, kneift die Augen zusammen und spitzt die Lippen. Pokerface. Lanci will dafür das Geschäft mit privaten Konsumenten in Europa anheizen, will neue Vertriebskanäle erschließen und neue Dienstleistungsmodelle vorstellen. Dafür bringt er die Essener Marke Medion ins Spiel. Lenovo hatte den Haus-und-Hof-Computer-Lieferanten des deutschen Einzelhandelsriesen Aldi im vergangenen Jahr für 650 Millionen Euro erworben, hatte sich so mit Marktanteilen und Expertisen versorgt. Mit Medions Gründer Gerd Brachmann hatte sich Lanci am Abend vor seinem ersten Lenovo-Auftritt auf ein Glas Wein getroffen. Der zurückhaltende Deutsche und der schwungvolle Italiener. Macher und Manager. Beide haben ein Ziel.

          Lenovo soll mit Medion wachsen, in ganz Europa und wenn es sein muss „auch ein klein wenig außerhalb“. Tiefer lässt Lanci nicht blicken, er hat sich noch nie in die Karten blicken lassen; nicht als er seine Karriere als Verkäufer von Taschenrechnern der Marke Texas Instruments Anfang der achtziger Jahre in seiner Geburtsstadt Turin begann; nicht als er Ende der neunziger Jahre ins Management des Computerherstellers Acer einstieg; nicht als er im vergangenen Jahr nach einem Streit um die strategische Ausrichtung des Unternehmens mit Gründer und Großaktionär Stan Shih als Vorstandschefs ging. Shih hakelte mit einer Klage vor Gericht nach. Lanci schwieg - bis heute.

          Yang Yuanqing, Vorstandsvorsitzender von Lenovo

          Der Sohn eines Fabrikarbeiters von Fiat will mit Lenovo nun das werden, was er mit Acer nie geworden ist - und nicht nur er. Im Oktober 2014 feiert Lenovo großen Geburtstag; wenn die Dreißig ansteht, wissen die Mitarbeiter, was die Führung im Reich der Mitte erwartet. Was 1984 in zwei kleinen Büros der Pekinger Akademie der Wissenschaften unter Führung Liu Chuanzhi mit einer handvoll Ingenieure begann, was 2005 die PC-Sparte des amerikanischen IT-Riesen IBM kaufte, macht sich heute daran, die Branchenspitze zu erobern. Oder wie es Vorstandschef Yang Yuanqing vor zwei Jahren sagte: Der Stärkste werde der Größte sein.

          Yang hat gut reden. Er wurde 1964 im Jahr des Drachen geboren; Lanci kam zehn Jahre früher im Jahr des Pferds zur Welt. Dieses Sternzeichen wird sich in zwei Jahren im chinesischen Kalender wiederholen. Wenn alles so läuft, wie es Yang plant, könnte Lenovo dann den amerikanischen Konkurrenten Hewlett Packard hinter sich gelassen und zum Branchenkrösus aufgeschwungen haben. Nur muss Lanci bis dahin liefern. So ist die Ruhe auf seinem Weinberg im Piemont erst einmal dahin. Er ist zu Lenovos Zugpferd auf dem europäischen Schlüsselmarkt geworden. Das hat er in der Goldenen Stadt Prag selbst klar gemacht.

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