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Plastikvehikel : China sagt Elektrorollern den Kampf an

Fast 60 km/h schnell - billige Elektroroller sind aus Chinas Wirtschaft kaum wegzudenken. Bild: Reuters

In den 1990ern gab es ein paar Zehntausend, heute fahren 200 Millionen auf den Straßen: billige Elektroroller sind aus Chinas Wirtschaft kaum wegzudenken. Die Behörden wollen sie dennoch von den Straßen verbannen. Schon regt sich Widerstand.

          Sie sind schick, schnell und günstig – und auf ihnen den Betondschungel der chinesischen Großstädte zu erkunden, macht enorm viel Spaß: wer als westlicher Ausländer von seinem Arbeitgeber als Expat nach Peking oder Schanghai entsendet wird, lernt die per Elektromotor angetriebenen Roller aus chinesischer Produktion bald zu schätzen.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Fast 60 km/h schnell und mit einem Äußeren, dessen glänzendes Plastikkleid nicht selten der italienischen Vespa nachempfunden ist, kosten die zweisitzigen Flitzer gerade einmal um die 2000 Yuan (270 Euro). Aufgeladen werden sie daheim an der Steckdose mit günstigem chinesischem Strom. Auf den notorisch mit Autos verstopften Straßen des chinesischen Stadtverkehrs, in dem auch Taxis und Busse stundenlang nicht vom Fleck kommen, bieten die „Scooter“ einen unbezahlbaren Gewinn an Freiheit.

          Zwar würden viele junge Chinesen aus der Mittelschicht im Gegensatz zu den Mitgliedern ihrer Kohorte aus dem Westen niemals auch nur eine Hand an den Lenker eines der billigen Gefährte aus chinesischer Massenproduktion legen. Selbst der deutsche Kollege, seit über 15 Jahren in Schanghai, schmäht die Plastikvehikel mit den Worten, er wolle nicht daher fahren „wie ein französischer Praktikant“. Dabei ist der Scooter eines der letzten in China verbliebenen Elemente des real existierenden Sozialismus:

          Auf dem Kunstlederplastikrücksitz sitzt der wohlhabende Expat auf Augenhöhe mit Hunderten Millionen Wanderarbeitern, die auf ihren Scootern zur Baustelle des nächsten Wolkenkratzers eilen oder beim Internetkaufhaus Alibaba bestellte Waren ausliefern. Die Zahl der verkauften Elektroroller in China stieg laut Angaben des zuständigen Industrieverbands von 58.000 im Jahr 1998 auf 35 Millionen im Jahr 2013. Insgesamt sind heute rund 200 Millionen der Vehikel im Reich der Mitte unterwegs. Chinas Wirtschaftswunder fährt Scooter. Wen kümmern da die vielen Unfälle, wenn der elektroleise Scooter des Nachts mit ausgeschaltetem Licht (verlängert die Reichweite) auf der falschen Straßenseite heranrauscht?

          Die chinesische Regierung kümmert es: Chinas Behörden sagen den Scootern den Kampf an. Auf zehn Hauptverkehrsstraßen der Hauptstadt Peking sind die kleinen Roller von kommender Woche an verboten: auf der Changan-Straße, eine der Hauptverkehrsadern der Stadt gilt der Bann dann ebenso wie im Herzen Pekings auf verschiedenen Straßen rund um den Platz des Himmlischen Friedens. Im Süden Chinas in der Provinz Guangdong gilt der Bann bereits seit Wochen. 800 Scooter-Fahrer wurden dort laut der Parteizeitung „Global Times“ in den vergangenen zehn Tagen verhaftet.

          31.000 Unfälle in 2015 in Peking

          Auch der Bann auf den zehn Straßen in Peking sei „nur der Anfang“, zitiert die Zeitung die Verkehrsbehörde der Hauptstadt. Die Beamten legen gute Gründe für den Kampf gegen die Scooter vor: nach ihrer Aufzählung sind im vergangenen Jahr allein in Peking 113 Menschen nach Scooterunfällen gestorben. Über 21.000 wurden verletzt. 31.000 Unfälle wurden demnach von Fahrern der Elektroroller verursacht.

          Die Plastikvehikel seien verantwortlich für 37 Prozent aller Unfälle mit Verletzungsfolgen im Straßenverkehr. Der nationale Verkehrsverband glaubt, dass bald weitere chinesische Großstädte dem Beispiel der Hauptstadt und der Provinz Guangdong folgen werden, da die Scooter-Unfälle zu einem „gravierenden Problem“ für China geworden seien.

          Allerdings ist es nicht so, als habe es zuvor in China niemals den Versuch gegeben, die Scooter von der Straße zu bekommen. Bereits im Jahr 2003 hatte es einen großen nationenweiten Bann gegeben. Allerdings wurde das Verbot der Zentralregierung in Peking wie so vieles in der Vergangenheit in den oftmals weit entlegenen Provinzen kaum oder gar nicht durchgesetzt. Drei Jahre später fuhr die Stadt Xian im Nordwesten, bekannt wegen ihrer Kriegerarmee aus Terrakotta, eine Kampagne gegen die Elektroroller, der weitere Städte folgten.

          Aufschrei der Empörung

          Durchgesetzt hat sich das Rollerverbot in der Vergangenheit nirgends. Aus einem simplen Grund: weil immer noch auf 1000 Chinesen nur etwa 70 Autos kommen (in Amerika liegt das Verhältnis etwa zehn Mal höher) und der öffentliche Nahverkehr in vielen Städten zwar große Fortschritte gemacht hat, aber noch längst nicht ausreichend ist für Bevölkerungsmassen wie etwa in Peking (22 Millionen registrierte Einwohner) und in Schanghai (26 Millionen), sind die Arbeiter auf die Scooter angewiesen – und mit ihr die Wirtschaft, vor allem der Dienstleistungssektor.

          Der Erfolg eines Internetkaufhauses wie Alibaba, das in China eine halbe Milliarde Kunden hat, die alle möglichen Waren im Internet bestellen, ist ohne die mit Pakten meterhoch vollgepackten Scooter kaum denkbar. Auch die boomende chinesische Essensauslieferungsindustrie ist darauf angewiesen, dass Reis und Nudeln schnell per Scooter durch das Verkehrschaos zum Kunden gelangen, bevor sie kalt werden.

          Als Ende März die Wirtschaftsmetropole Shenzen in der südlichen Provinz Guangdong den Elektroroller-Bann verhängte, rief dies denn auch einen Aufschrei der Empörung hervor. Lieferdienste beschwerten sich bei der Stadtregierung, sie könnten ihre Pakete fortan erst nach Feierabend der Verkehrspolizei ausliefern und hätten deshalb bereits 1000 Kündigungen von Kurierfahrern zu verzeichnen. Diese hatten Angst, auf den Geldstrafen für das Scooter-Fahren sitzen zu bleiben oder gar dafür verhaftet zu werden. Eine Sorge, die offensichtlich berechtigt ist.

          In Peking liefern laut „Global Times“ 90 Prozent der Restaurants in der Stadt ihr Essen per Scooter aus. Von den Besitzern sei zu hören, bald müssten die Fahrer wohl umsteigen – aufs unmotorisierte Fahrrad. Dann sähe es in der boomenden Hauptstadt wieder ein wenig mehr aus wie in der Zeit bis zu den 80er Jahren: als China das Land der Velos war.

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