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Ältester deutscher Kleingartenverein wird 200 : Grüne Oase für alle

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Idylle für gestresste Städter: Ein Schreibergarten in Frankfurt. Bild: Finger, Stefan

Es ist Ersatzurlaub, Anschauungsobjekt, Obst- und Gemüselieferant und Rückzugsort für hippe Großstädter: Der Kleingarten. Ihren Anfang nahm die Laubenpieper-Bewegung 1814 - in Kappeln.

          Wer hat’s erfunden? Nein, Schreber war nicht der Erste mit einem Kleingarten, das muss mal klargestellt werden. Moritz Schreber (1808-1861) aus Leipzig hat mit Schrebergärten ziemlich wenig zu tun. Als der Kleingartenverein „erfunden“ wurde, war Schreber gerade fünf Jahre alt.

          Der erste deutsche Kleingartenverein entstand in Kappeln an der Schlei in Schleswig-Holstein. Am 28. April 1814 wurde der Pachtvertrag für Parzellen auf einer Pastoratskoppel in der Kleinstadt im heutigen Kreis Schleswig-Flensburg unterzeichnet. Die 200-Jahr-Feier wurde am Samstag und Sonntag mit Festakt und Gottesdienst gefeiert, eine neue Fahne wurde gestiftet, Vertreter des Bundes- und des Europäischen Verbandes sind gekommen - der Kleingärtnerverein Kappeln gilt auch als ältester in Europa.

          Der Name Schrebergarten kam durch Schrebers Schwiegersohn auf, der einen Schulspielplatz nach dem Arzt benannte. Als Schulgärten dazu kamen, waren es Schrebergärten. Erst 1864 wurde der erste Schreberverein gegründet. „Wir haben die Öffentlichkeit nicht gesucht“, sagt der Vorsitzende des Vereins, Reinhard Samuelsen. Vor einiger Zeit habe ein Museum in Leipzig sogar eine Festschrift ändern müssen, in der es hieß, die Begründung des Kleingartenwesens sei auf Schreber zurückzuführen. „Ein Kulturgut hier in der Stadt“ nennt Bürgermeister Heiko Traulsen den Verein. Viele Vereine litten unter mangelnder Beteiligung, der Kleingärtnerverein Kappeln habe sich aber „über 200 Jahre etabliert und hält sich standhaft“.

          Wie kam es aber, dass gerade die Kleinstadt mit heute knapp 10.000 Einwohnern zur „Wiege der Kleingärtnerbewegung“ wurde, wie Samuelsen sagt? Der Ort, so berichtet der Vorsitzende, entstand um eine von Schiffern und Fischern errichtete Kapelle und konnte sich, umschlossen von den Ländereien eines Gutes, nicht groß ausdehnen. Die erste „Gartenlandvergabe“, so verzeichnet es die Chronik, gewährte 1800 der Gutsherr, Carl von Hessen. 1814 kam es zur Unterzeichnung des Pachtvertrages für 24 Parzellen Gartenland. Bedingungen und Vorgaben entsprechen dem Verein zufolge bereits in Grundzügen dem heute geltenden Bundeskleingartengesetz. Den höchsten Zuspruch verzeichnete der Kappelner Verein 1949 nach dem Krieg mit 819 Mitgliedern - „16 Prozent der Bevölkerung hatten einen Kleingarten“, sagt Samuelsen. „Die Gärten waren Grundlage der Ernährung für viele. Heutzutage hat er eine andere Bedeutung, das ist eine Wissensbank, ein Erholungsgebiet.“

          Urban-Gardening-Boom in den Ballungszentren

          Die Gärten seien „für die, die nicht so das dicke Portemonnaie haben, die einzige grüne Oase, die sie sich leisten können“. In Kappeln aber stehe bei den etwa 100 Mitgliedern immer noch der Anbau von Obst und Gemüse im Vordergrund. Beim Anbau gehe es heute aber nicht mehr wie früher um eine existenzielle Notwendigkeit, sondern um gesunde Lebensmittel, Nachhaltigkeit und Lebensphilosophie, erläutert Thomas Wagner, Sprecher des Bundesverbands Deutscher Gartenfreunde. „Die Wertigkeit von Nahrungsmitteln steigt durch Eigenanbau ganz massiv.“ Und auch die der dekorativen Elemente, glaubt Samuelsen: Einfach Blumen ausreißen, das würden Kinder, die mit Kleingärten vertraut sind, nicht machen. Zuspruch findet der Kappelner Verein bei vielen gesellschaftlichen Gruppen: Familien mit kleinen Kindern, Alleinstehende, auch „etliche, die sich einen Urlaub finanziell gar nicht leisten können“. Manche Vereine hätten allerdings einen sehr hohen Altersdurchschnitt, hat Samuelsen beobachtet, der dem Kappelner Verein seit 17 Jahren vorsteht. Die Menschen seien heute „nicht mehr so auf den Garten fixiert“, Freizeit bedeute eher Computer und Internet.

          Knapp eine Million Mitglieder haben die deutschen Kleingartenvereine, berichtet Thomas Wagner. In Ostdeutschland schlage der demografische Wandel schon zu: Dort gebe es viele Leerstände, die Anlagen würden rückgebaut. Das liegt auch an dem großen Angebot: „50 Prozent aller Kleingärten in Deutschland sind im Osten, aber dort leben nur 15 Prozent der Bevölkerung“, rechnet Wagner vor.

          Einen Boom gebe es dagegen in Ballungszentren und Städten: „Urban Gardening, Guerilla Gardening, Balkongärten“, nennt Wagner als Schlagworte. In Berlin gibt es ihm zufolge bei 80.000 Kleingärten eine Warteliste mit 10.000 Interessenten, München hat sogar einen Kleingartenentwicklungsplan. „Lange Zeit waren Kleingärten als spießig verschrien“, sagt Wagner. Doch das Gartenzwerg-Image sei von Zeitschriften zum Landleben und TV-Magazinen vertrieben worden. Jetzt begrüße man die „Latte-Macchiato-Generation“. Vertreten seien Patchworkfamilien, schwule und lesbische Pärchen ebenso wie Kleingarten-WGs von Studenten. Sie alle greifen zurück auf die „Erfindung“ aus Kappeln.

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