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Spezialeffekte aus Frankfurt : Apokalypsen aus der Lindleystraße

  • -Aktualisiert am

Verborgene Welten. Bild: Pixomondo

Der Planet, der in Lars von Triers aktuellem Film auf die Erde zurast, stammt aus Frankfurt.

          3 Min.

          Es ist die perfekte Katastrophe. Ein riesiger Planet steuert auf die Erde zu. Regisseur Lars von Trier schickt freilich nicht Bruce Willis in den Weltraum, um das Unheil abzuwenden. Er lässt in seinem aktuellen Kinofilm „Melancholia“ die letzten Tage der Menschheit anbrechen. Es ist ein anderer Weltuntergang als bei Roland Emmerich, in dessen Film „2012“ ganze Städte in rasanten Sequenzen vom Erdboden verschluckt werden. Doch beide Apokalypsen stammen aus Frankfurt.

          Tim Kanning
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Es ist ein unscheinbares Betongebäude in der Lindleystraße, von dem aus eine Armada von 670 Spezialisten für Visual-Effects auf der ganzen Welt gelenkt werden. Elf Standorte zählt die Pixomondo Studios GmbH & Co. KG, von Schanghai über London bis nach Los Angeles, der Umsatz liegt bei 45 Millionen Euro. Ein rasanter Wachstumszug, wenn man bedenkt, dass der Pfungstädter Thilo Kuther das Unternehmen erst 2001 mit sechs Mitarbeitern gegründet hat.

          Die Luftschlachten beeindruckten

          Die Geschichte klingt selbst wie aus einem Film. In einer Hotellobby traf Kuther, der bis dahin vor allem Industrie- und Werbefilme nachbearbeitet hatte, während der Berlinale 2007 den Regisseur Nikolai Müllerschön, kurz bevor dieser mit seinen Arbeiten zum Kinofilm „Der rote Baron“ anfing. Der bis dato teuerste deutsche Film, dessen Produktionskosten auf 18 Millionen Euro geschätzt werden, öffnete Pixomondo den Weg in die Vereinigten Staaten.

          Denn auch wenn „Der rote Baron“ kommerziell wenig erfolgreich war - die Luftschlachten aus dem Ersten Weltkrieg beeindruckten viele in der Branche. Zumal das Budget für die Effekte von Rauchschwaden bis zum Feuerball, die an Frankfurter Computern entstanden, mit 2,8 Millionen Euro vergleichsweise klein war. Müllerschön brachte Kuther bald darauf mit Roland Emmerich zusammen. Auch der Starregisseur, der mit Spektakeln wie „Godzilla“ und „Independence Day“ international berühmt geworden ist, war schnell von den Frankfurtern überzeugt, so erzählt Geschäftsführer Christian Vogt heute. Er spannte Kuther und seine Leute für „2012“ ein - unter der Bedingung, innerhalb einer Woche ein Büro in Los Angeles einzurichten. Gesagt, getan. Am nächsten Tag flogen sechs Leute Richtung Amerika, stellten zwei Hotelzimmer in L.A. mit Computern voll - fertig war der erste Auslandsstandort.

          „Ein solches weltumspannendes Netz ist einmalig“

          Los Angeles ist inzwischen aufgrund der Nähe zu Hollywood das größte Studio, doch gearbeitet wird rund um die Welt - und vor allem rund um die Uhr. Denn Pixomondo hat sich eine Art eigene Rechnerwolke aufgebaut. Sämtliche Computer an allen Standorten sind miteinander verbunden. Schließlich bedarf es riesiger Rechnerkapazitäten, um in hochauflösenden Kinobildern Flugzeuge explodieren oder ganze Welten untergehen zu lassen.

          Mit der neuen 3D-Technik, in der Pixomondo gerade Effekte für den Martin-Scorsese-Familienfilm „Hugo Cabret“ erstellt, muss jedes Bild sogar aus zwei Blickwinkeln bearbeitet werden. Wenn in Schanghai ein Mitarbeiter Feierabend macht, schaltet sich sein Computer daher automatisch in die Wolke ein und berechnet zum Beispiel Bilder oder Filmsequenzen mit, die gerade in Frankfurt erstellt werden. „Ein solches weltumspannendes Netz ist einmalig“, sagt Vogt.

          Im Frankfurter Studio arbeiten 55 Personen

          Doch es muss nicht immer das große Spektakel sein. Auch ohne Weltuntergang und Explosionen kommen heute Komödien und Werbefilme kaum noch ohne die Spezialeffekte aus dem Rechner aus. „Früher waren Visual Effects ein Luxus, mit dem besonders teure Produktion veredelt wurden“, erzählt Vogt. Heute würden sie oft eingesetzt, um Kosten zu sparen. Denn die rasante Fortentwicklung der Technik hat ihren Einsatz deutlich verbilligt. So werden heute auch schlichte Café-Szenen im Studio gedreht, mit grün abgeklebten Fensterscheiben, die später am Computer durch eine Londoner Straßenszene ersetzt werden. „Das ist billiger als den ganzen Set in einem Londoner Café aufzubauen“, sagt Vogt.

          Im Frankfurter Studio arbeiten 55 Personen. Ein Mitarbeiter ist gerade dabei, ein Dinosaurierskelett zu gestalten, das ein Ei anstubst. Sein Nachbar entwickelt das Dino-Baby, das in der nächsten Szene aus dem Ei schlupfen soll. Alles für eine Wissenssendung des ZDF.

          Ein Auftrag kann dabei durchaus den nächsten begünstigen. Dinosaurier haben die Pixomondo-Entwickler schließlich gerade für Stephen Spielbergs Fernsehserie „Terra Nova“ programmiert. Und auch für die Darstellung abstürzender Zeppeline ist Pixomondo inzwischen bekannt. Der erste fiel in „Der rote Baron“ vom Himmel, später gestalteten sie ein solches Spektakel für den Kinofilm „Sucker Punch“ und darauf für den RTL-Film „Hindenburg“.

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