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Choreograph Edward Clug : Loslassen, weiter reisen

Das Hessische Staatsballett mit „Le sacre du printemps“, choreographiert von Edward Clug Bild: Bettina Stöß

Der slowenisch-rumänische Choreograph Edward Clug ist international gefragt. Seinem Ensemble in Maribor aber bleibt er seit 30 Jahren treu. Jetzt ist er in Darmstadt zu Gast.

          5 Min.

          Wenn am 21. Mai am Bolschoi-Ballett in Moskau der Vorhang hochgeht zu „Meister und Margarita“, Musik von Dmitri Schostakowitsch und Alfred Schnittke, Choreographie von Edward Clug, wird die Ballettwelt auf ein Relikt aus Edward Clugs Kindheit blicken. Es hat ihn eingeholt, als er im vergangenen Sommer, nach beinahe 30 Jahren, zum ersten Mal wieder die Orte seiner Kindheit aufgesucht hat. Da kam sie wieder, die Erinnerung an lange Sommertage. Rund um ein heute verfallenes Freibad in einer winzigen Kunststadt im Westen Rumäniens, die einst von Russen gebaut worden war, um die nahe gelegenen Uranvorkommen auszubeuten. Auch das Schwimmbad von ¸Ştei hatten die Russen gebaut, überhaupt alles. Das meiste in Beton. „Das Glück des Kindes verdankt sich den Russen“, sagt Clug. Nun arbeitet das längst erwachsen gewordene Kind, lässiges Outfit, strahlender Teint, Haartolle über dem Auge, mit dem berühmten Bolschoi-Ballett und bringt den Russen Tanz zurück.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Es war ein langer Weg“, sagt Edward Clug. Ein langer Weg auch, als er 2019 für ein umjubeltes Gastspiel seines 40 Tänzer starken slowenischen Nationalballetts aus Maribor in seine alte Heimat Rumänien kam. Er traf Freunde aus der Kindheit wieder: Es sind weit mehr als die 700 Kilometer und praktisch die Längsachse Ungarns, die zwischen dem liegen, was er geschafft hat, und den ersten 18 Jahren seines Lebens. Den langen Weg hat jetzt ein slowenisches Filmteam begleitet, das eine Dokumentation über Clugs Leben und Werk dreht.

          „Le sacre du printemps“

          Sein Blick darauf aber ist immer auch einer, der aus der Distanz kommt. Vielleicht hat er auch deshalb manche Passagen aus „Sacre“ beinahe nicht mehr erkannt, als er jetzt am Staatstheater Darmstadt die Proben besucht hat. „Ich habe es angesehen wie ein Fremder“, sagt Clug. Obwohl er selbst 2012 die Fassung choreographiert hat, die das Hessische Staatsballett derzeit einstudiert, und obwohl seine eigene Compagnie am Nationaltheater in Maribor, die das Stück zur Uraufführung gebracht hat, es nach wie vor im Repertoire hat – acht Jahre lang schon.

          Für seinen Zugriff auf „Le sacre du printemps“, der von manchen als neuer Klassiker gefeiert wurde, hat er sich mit den Versionen von Nijinsky, Maurice Béjart, Pina Bausch auseinandergesetzt, um seinen eigenen Weg zu finden. Auch hier sieht sich Clug erst einmal als Betrachter – der dann selbst tätig wird. Tanzgeschichte ist ihm durchaus wichtig, auch in „Sacre“ sind die Anspielungen sichtbar. Nächstes Wochenende ist in Darmstadt Premiere, im Gespann mit einem Auftragswerk des Hessischen Staatsballetts an Bryan Arias, der mit „29 May 1913“ dem Uraufführungsdatum des einstigen Skandaltanzes „Sacre“ ein Stück widmet. Schon ganz am Anfang des neugegründeten Hessischen Staatsballetts hat Clug 2015 zu „Weltenwanderer“ eine Choreographie beigetragen, mittlerweile ist Clugs Stern womöglich noch ein bisschen gestiegen.

          „Das kam nicht über Nacht, es ist eher eine andauernde Reise. Und es kommt oft auch darauf an, die richtigen Leute zu treffen“, sagt Clug. 1973 in Beius geboren und im nahe gelegenen Stei aufgewachsen, hat er seine Familie im Alter von zehn Jahren verlassen. In den Zeiten des Ceauşescu-Regimes waren die nicht mal 200 Kilometer nach Cluj-Napoca, einst Klausenburg, eine große Reise. Und Edward, der seinen Vater als „lokalen Dissidenten“ bezeichnet und sich an die Sendungen von „Radio Free Europe“ erinnert, hatte oft das Gefühl, dass all der Mangel, das Dumpfe des Regimes, doch von irgendwoher kommen müsse. „Warum wurden wir hier geboren?“ An diese kindliche Frage erinnert er sich. Daran, dass er als Kind dachte, vielleicht müsse jemand etwas angestellt haben, um unter diesen Umständen leben zu müssen. Clug hat dem energisch den Rücken gekehrt.

          Ballettinternat als Befreiung

          Als er im vergangenen Sommer auch das frühere, längst aufgelassene Ballettinternat von Cluj-Napoca, ein marodes Kloster, aufsuchte, hat er ein fremdes Kind, ein fremdes Ich gesehen. „Ich konnte nicht glauben, dass ich dort gewesen bin. Es war so weit weg“, sagt Clug. „Ich habe dieses fremde Kind bewundert. Versucht, zu verstehen, warum es diese Entscheidung getroffen hat.“ 19 Kinder waren sie damals in dem kargen Schlafsaal mit eisernen Bettgestellen, tagsüber energischer Drill, Entbehrungen. „Ich würde es wieder tun“, sagt Clug. Für ihn war das Ballettinternat trotz aller Schwierigkeiten eine Befreiung. Auch wenn er in ¸Stei bisweilen gehänselt wurde, weil die anderen so ganz andere, „männlichere“ und akademische Berufsziele verfolgten.

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