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Emma Bonn : Geschichte einer kämpfenden Seele

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Villa Bonn: Das imposante Gebäude an der Siesmayerstraße ist seit 1923 Sitz der „Frankfurter Gesellschaft“. Bild: Frank Röth

In New York geboren, kehrt Emma Bonn nach Frankfurt zu den Wurzeln der Familie zurück und wendet sich der Schriftstellerei zu. Die Nazis plündern sie aus, heute ist sie weitgehend vergessen.

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          Mit 82 Jahren ist Arthur von Weinberg wegen seiner jüdischen Wurzeln von München aus ins Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt worden. Dort starb der Frankfurter Chemiker, Industrielle und Mäzen, der 1930 zum Ehrenbürger seiner Vaterstadt ernannt worden war, bald darauf nach einer Gallenblasenoperation. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Weinberg auf dem Transport in das „Vorzeigelager“ im besetzten Böhmen oder in dem Lager selbst seine Cousine Emma Bonn getroffen hat.

          Auch sie, die seit Jahren bettlägerig war, wurde ohne Rücksicht auf ihren schlechten Gesundheitszustand nach Theresienstadt verbracht. Die 63 Jahre alte Schriftstellerin ist wahrscheinlich am 4. Juni dort angekommen und zwei Wochen später gestorben. Das hat ihre Großnichte Angela von Gans, die jetzt das Buch „Emma Bonn 1879 – 1942. Spurensuche nach einer deutsch-jüdischen Schriftstellerin“ veröffentlichte, in der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem herausfinden können.

          Vor ihrer Deportation sind sowohl Arthur Weinberg wie auch Emma Bonn von den Schergen des Regimes ausgeplündert worden. Im Falle Weinbergs soll sich der damalige Frankfurter Oberbürgermeister Friedrich Krebs persönlich Einlass in dessen Villa Haus Buchenrode in Niederrad verschafft haben und Weinberg mit den Worten „Der Jud muss raus!“ in den Park geschickt haben, um ungestört die Dokumente für einen Zwangsverkauf des Anwesens vorbereiten zu können. Dabei war der Ehrenbürger evangelisch getaufter Christ – doch das ist eine andere Geschichte.

          Ausgeplündert bis auf die letzte Mark

          Auch Emma Bonn wurde ihrer Villa in Feldafing am Starnberger See und ihres sonstigen Vermögens beraubt. Der SS-Mann und Münchener Ratsherr Christian Weber zwang die seit 16 Jahren ans Bett gefesselte Emma, ihr Anwesen für 160.000 Reichsmark zu verkaufen, wofür ihr dort eine Wohnrecht auf Lebenszeit versprochen wurde. Alles war freilich nur Lug und Trug. Emma wurde nicht nur bis auf die letzte Mark ausgeplündert, sondern auch im Mai 1942 zwangsweise abgeholt und nach München in das Israelitische Kranken- und Schwesternheim transportiert, ihrer letzten Station vor der Deportation.

          Vermutlich nicht alle Herren und – mittlerweile per Gerichtsurteil zugelassen – Damen der „Frankfurter Gesellschaft für Handel, Industrie und Wirtschaft“ dürften wissen, dass Emma Bonn einst in der Villa Bonn, dem am Palmengarten gelegenen Domizil dieses elitären Clubs, gewohnt hat. Zusammen mit ihrem Bruder Max hatte sie das vom Hofarchitekten Ernst Eberhard von Ihne entworfene repräsentative Haus auch besessen und 1923 an die „Frankfurter Gesellschaft“ verkauft. Ironie des Schicksals: Cousin Arthur von Weinberg, der einige Jahre lang Vizepräsident des Clubs war, wurde 1935 zusammen mit mehr als 100 Mitgliedern mit jüdischem Hintergrund zwangsweise aus der „Gesellschaft“ ausgeschlossen.

          Bettlägrig: Eine rätselhafte Krankheit schwächte Emma Bonn schon seit den Zwanzigerjahren.
          Bettlägrig: Eine rätselhafte Krankheit schwächte Emma Bonn schon seit den Zwanzigerjahren. : Bild: STROUX edition

          Beide, Weinberg und Emma Bonn, gehörten jenem jüdischen oder jüdisch geprägten Frankfurter Großbürgertum an, dessen männliche Vertreter als Bankiers oder Industrielle die Mainmetropole um die Jahrhundertwende und während der Weimarer Zeit entscheidend vorangebracht haben. Die Familie Bonn ist ein Beispiel dafür, allen voran Emmas Vater Wilhelm Bernhard Bonn, der die „Villa Bonn“ an der heutigen Siesmayerstraße zwischen 1895 und 1897 hatte erbauen lassen. Das Geld dafür hatte er, der 1843 in Frankfurt geboren und im Philanthropin im Nordend zur Schule gegangen war, allerdings in Amerika verdient.

          Frankfurter Buben haben in New York ihr Glück gemacht

          Dorthin, nach New York, war er nach einer Ausbildung bei Lazard Speyer-Ellissen, einem damals führenden Bankhaus in Frankfurt, mit 19 Jahren umgezogen, um bei der Schwesterbank Speyer & Co. anzufangen. Vier Jahre später war er schon Geschäftsführer des Finanzinstituts und finanzierte den Bau der Eisenbahnlinien „Central & Southern Pacific“ und „Union Pacific“ – mit Geld, das zu einem Gutteil jüdische Frankfurter Banken bereitgestellt hatten.

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