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Im Gespräch: Dieter Graumann : „Bubis hatte für jeden Zeit“

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Ganz Ohr: Dieter Graumann ist nicht nur ein Mann der deutlichen Aussprache, er kann auch zuhören. Bild: Eilmes, Wolfgang

Seit anderthalb Jahren steht der Frankfurter Dieter Graumann an der Spitze des Zentralrats der Juden. Er lobt die Integrationsleistung der Gemeinden und tadelt Geschäftemacher.

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          Was schätzen Sie an Frankfurt?

          Dass hier so viele Menschen aus so vielen Ländern so selbstverständlich miteinander umgehen. Frankfurt rühmt sich seiner liberalen Geschichte, die hatte die Stadt allerdings auch nicht immer. Im 19. Jahrhundert hat sich Frankfurt nicht immer mit Ruhm bekleckert, wenn ich nur zum Beispiel an das jüdische Ghetto denke, und im Dritten Reich war es schon erst recht nicht weit her mit der Liberalität. Aber seit den fünfziger, sechziger Jahren ist Frankfurt ein Hort der Toleranz und Internationalität. Daher fühlt sich wohl auch die jüdische Gemeinschaft hier ganz besonders zu Hause.

          Ihr Vater hat sechs Konzentrationslager überlebt. Ihre Eltern lernten sich nach dem Krieg in Frankfurt-Zeilsheim im Lager für Displaced Persons kennen und gingen dann nach Israel. Dort kamen Sie zur Welt, Ihre Eltern verließen Israel bald wieder, weil Ihrem Vater das Klima nicht bekam. Warum gingen Ihre Eltern zurück nach Deutschland, in das Land der Mörder, warum nicht nach Frankreich, nach England, nach Amerika?

          Das wollten sie auch. Deshalb gingen Sie ja auch zunächst nach Israel. Wanderte man dann damals aus Israel aus, bekam man einen Pass mit rotem Stempelaufdruck: „Prat Germania“ - überall gültig mit Ausnahme Deutschlands. Mit diesem Pass gingen sie erst nach Frankreich, dann hatten sie auch zwei Mal die Green Card für Amerika. Aber schließlich wandten sie sich doch Deutschland zu, zunächst nur kurz, weil sie hier ihre Freunde aus Zeilsheim besuchten. Die waren angesichts der Vernichtung ihrer Angehörigen ja die gefühlte Familie, die sie hatten. Dann sind sie schließlich in Deutschland „hängengeblieben“, immerzu im gedachten und gefühlten „Provisorium“.

          Ihre Eltern haben einen Imbiss in der Innenstadt eröffnet und damit viel Geld verdient.

          Ja, das war der „Henninger Quick“, neben dem Cinema an der Hauptwache, da, wo heute ein Juweliergeschäft ist.

          Was gab es da im Angebot?

          Das war der erste Schnell-Imbiss in Frankfurt, da gab es Würstchen, Schaschlik, Fast Food im damaligen Sinne. Sie haben aber auch sehr hart gearbeitet, jeden Tag mehr als zwölf Stunden, und das sieben Tag die Woche. Daher waren sie auch wenig zu Hause und meist sehr angespannt, was für mich besonders schwer war, vor allem, da ich als Kind kaum helfen konnte.

          Dieser Imbiss bildete den Grundstein für das Vermögen Ihres Vaters?

          Ja, mein Vater, der heute 90 ist, war immer ein außergewöhnlich kluger Mann. Er hat es bald gewagt, einmal ein Grundstück zu kaufen, und hat darauf ein Wohnhaus oder ein Geschäftshaus gebaut. Von heute aus betrachtet tat er das mit kolossalem Mut, der Erfolg hat ihm recht gegeben.

          Sie besuchen Ihre Eltern jeden Tag?

          Es ist für mich morgens der erste Gang eines jeden Tages.

          Haben Ihre Eltern über ihre Erfahrungen aus den Konzentrationslagern gesprochen?

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