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Frankfurts Zerstörung im Weltkrieg : Luftangriff als gerechte Strafe?

Zerstörtes Frankfurt: Der verwüstete Römerberg, aufgenommen 1945. Bild: dpa

70 Jahre nach dem ersten schweren Luftangriff erinnert das Institut für Stadtgeschichte in der Ausstellung „Heimat/Front“ an die Zerstörung Frankfurts.

          Jeder in Deutschland weiß, dass die deutschen Städte im Bombenkrieg große Zerstörungen hinnehmen mussten. Selbst junge Leute, für die die Kriegszeit eine ferne Vergangenheit darstellt, bekommen einen Eindruck von den Verlusten, wenn sie im Urlaub in Italien oder Frankreich weitgehend intakt gebliebene Altstädte bewundern und sie mit den Innenstädten deutscher Metropolen vergleichen.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Erstaunlicherweise ist der Luftkrieg der Alliierten mit seinen unzähligen Toten unter der Zivilbevölkerung und der Zerstörung so vieler historisch gewachsener Viertel mit unersetzbarer Architektur lange Zeit ein Tabuthema gewesen. Die Linke sah in der Zerstörung etwa der Frankfurter Altstadt gerne eine gerechte Strafe für die Verbrechen des NS-Regimes. Ihr Mitgefühl für die Bombenopfer hielt sich in Grenzen. Die Konservativen ihrerseits, die nach dem Krieg die Westbindung der Bundesrepublik und deren Eintritt in die Nato durchgesetzt hatten, wollten die neuen Freunde in Amerika und England nicht durch eine zu häufige Erwähnung des Themas Bombenkrieg brüskieren.

          Erinnerung ist oft unausgewogen, von Leid geprägt

          In dieses Vakuum sind die Rechtsradikalen gestoßen und haben mit Aufmärschen am Jahrestag der Zerstörung Dresdens zeitweise das Thema Bombenkrieg besetzt. Mittlerweile hat ein Umdenken eingesetzt. Dresden etwa wehrt sich gegen die Vereinnahmung der Erinnerung durch Neonazis und hat bürgerschaftliche Formen des Gedenkens und Mahnens entwickelt. In Frankfurt wiederum hat jetzt das Institut für Stadtgeschichte mit seiner Ausstellung „Heimat/Front“ den Bombenkrieg seriös historisch aufgearbeitet und ihn in einer Schau im Karmeliterkloster sichtbar und nachvollziehbar gemacht.

          Wie anderswo in der Republik ist auch in Frankfurt die Erinnerung an den Bombenkrieg oft einseitig ausgefallen. Jene, die damals Mutter, Geschwister, Verwandte oder Bekannte verloren haben und oft darüber hinaus ihre Wohnung oder ihr Haus, konnten nur das Leid sehen, das ihnen angetan wurde. Diese Opfer waren oft doppelt bestraft: Sie hatten Tote zu beklagen oder den Verlust ihres Besitzes, manchmal auch beides. Doch sie konnten darüber im öffentlichen Diskurs nicht ohne weiteres sprechen, ihr Leid mussten sie privat verarbeiten. Manch einer lastete sein Unglück ganz dem Feind an und konnte keine Schuld beim NS-Regime, geschweige denn beim eigenen Volk oder gar bei sich selbst sehen. Wiederum andere dachten zuerst an die Luftattacken des NS-Regimes und der deutschen Luftwaffe, also an Guernica, Warschau, Rotterdam, Coventry oder die Angriffe auf London. Der alliierte Luftkrieg gegen Deutschland war für sie nur die legitime Antwort auf deutsche Luftschläge.

          Ausstellung nimmt historische Einordnung vor

          Mittlerweile ist die Sicht auf den Luftkrieg weniger stark von Emotionen geprägt, eine nüchterne historische Einordnung setzt sich durch. Die Schau im Institut für Stadtgeschichte etwa begibt sich zurück in die Vorgeschichte des Luftkriegs und verweist auf den Versailler Vertrag, demzufolge Deutschland keine Luftwaffe besitzen durfte. Die angebliche Wehrlosigkeit Deutschlands wollten die Nationalsozialisten beenden. Nach ihrer Machtübernahme überzogen sie das Land mit einer Fülle von Luftschutzmaßnahmen, deren Ziel nicht zuletzt darin bestand, das Volk auf einen Krieg einzustimmen.

          Thematisiert wird in der Ausstellung ferner der Ausschluss der Juden aus den Luftschutzeinrichtungen und ihre spätere Ausplünderung, wobei ihre Wohnungen, ihre Möbel und ihr Hausrat häufig Ausgebombten zur Verfügung gestellt wurden. Die Besitztümer der deportierten niederländischen Juden etwa wurden als Geschenk des holländischen Volkes an die deutsche Bevölkerung deklariert und in nicht wenigen Fällen an Bombenopfer im Reich verteilt.

          Den Luftkrieg mit seinen vielen getöteten Kindern, Frauen und Alten missbrauchte das Regime gezielt für seine Propaganda. Die Toten durften oft nicht in Familiengräbern bestattet werden, sie erhielten „Ehrenbegräbnisse“, bei denen gerne hohe NS-Funktionäre sprachen.

          Die Ausstellung Heimat/Front

          Dauer: bis zum 23. März 2014
          Ort: Karmeliterkloster Frankfurt, Münzgasse 9
          Veranstalter: Institut für Stadtgeschichte
          Eintritt: 6 Euro / 3 Euro ermäßigt

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