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Hollands Alpensee : Dann kurven wir eben durch Kärnten

  • -Aktualisiert am

Zum Skifahren liegt der Weißensee zu niedrig, zum Baden im Sommer ist er zu kalt. Optimale Bedingungen bietet er Eisläufern, die dafür sogar eine kleine Völkerwanderung in Kauf nehmen Bild: pixathlon / SoOe

Eislaufen ist auf der langen Strecke nichts für Weicheier. Und da es in den heimischen Grachten schon zu warm dafür geworden ist, fallen in jedem Winter zweitausend holländische Kufenverrückte in Kärnten ein.

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          Sieben Uhr früh, fünf Grad unter null, windstill und bewölkt. In der Morgendämmerung bereiten sich die Läufer mit Aufwärmübungen auf den Start vor. Ein perfekter Tag zum Eislaufen. Aus den Lautsprechern gibt der Ansager auf Niederländisch etwas pessimistischere Hinweise fürs Rennen: Sollte es zu schneien beginnen, immer hinter dem Besenwagen bleiben, der das Eis freifegt. Zweihundert Kilometer im winterlichen Wiegeschritt gebeugt gegen die Kälte, eine Herausforderung selbst für Trainierte. Hobbyläufer benötigen dafür acht Stunden, wer zu langsam wird, droht am Nachmittag in die Abenddämmerung zu geraten. Natürlich sind alle der mindestens zweitausend Sportler, die an diesem Wintertag die Herausforderung eines „Tourenrennens“ angehen, Holländer. Wir sind aber im Hochgebirge von Österreich.

          Nur noch der Weißensee, in einem Höhental im westlichen Winkel Kärntens gelegen, bietet mit seiner riesigen Eisfläche den niederländischen Eislaufverrückten eine Zuflucht gegen die Erderwärmung. Die endlosen Grachten unweit der Nordsee, auf denen das „Schaatsen“ - so der Fachausdruck - ab dem Mittelalter perfektioniert wurde, frieren selbst in strengen Wintern kaum noch tragfähig zu. Die Klimakatastrophe bedeutet keine existentielle Bedrohung wie auf den Malediven oder Vanuatu, aber auch die Holländer hinter ihren Deichen sehen sich bereits als Opfer eines Wasserspiegels, der zwar steigt, aber nicht mehr zufriert.

          Schlittschuhmigranten zog es sogar in die Mongolei

          Auf 930 Metern Meereshöhe hingegen sind die Chancen noch besser. In guten Jahren spurt der Eismeister dort in mehreren großen Schleifen eine fünfundzwanzig Kilometer lange Piste, und genau die lockt seit 1989 jedes Jahr Tausende holländische „Schaatsers“ in diesen abgelegenen Winkel Österreichs. Der „alternative Elfstedentocht“ findet am Weißensee immer Ende Januar statt und bezieht sich auf das Original: jene mythische Elfstädtetour, welche 1909 zum ersten Mal gelaufen wurde und seit 1997 nicht mehr ausgetragen werden konnte. Die knapp zweihundert Kilometer entlang der elf historischen Städte Frieslands schrumpfen auf dem Weißensee zu etlichen zähen Runden. Fast schon tragisch wirken da die elf am Start ins Eis gerammten Fahnenmasten, von denen die friesischen Stadtwappen schlapp in der Eisluft hängen: Leeuwarden, Bolsward, Franeker, Dokkum, Workum, Harlingen, Hindeloopen, Stavoren, Sloten, IJlst, Sneek? Weißensee!

          Eislaufen ist in Holland längst zum Indoor-Sport geworden. Doch welcher Athlet möchte schon sein Lebtag in der Halle im Kreis herumlaufen und beten, der kommende Winter möge endlich genügend Dauerfrost für den größten Tag im Schaatserleben bringen? Dann schon lieber mit dem Club in den Bus oder mit Freunden ins Auto und zwölf bis zwanzig Stunden in den Süden gebrummt, die Serpentinen von Spittal an der Drau herauf ins Kärntner Schlittschuhparadies. Die Österreicher haben die Initiative seit einem Vierteljahrhundert wie eine Segnung des Himmels begrüßt. Denn ihr wunderschönes Gewässer, dessen Ufer kaum bebaut und von keiner Durchgangsstraße begleitet werden, ist selbst im Sommer für ausgedehnte Badefreuden etwas zu kalt. Im Winter gibt es nur einen kleinen Skihang, ein paar Loipen, ein paar Wanderwege. Eigentlich ist der Weißensee vor allem fürs Eislaufen wie geschaffen.

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