Friaul : Der Traum des Schwergewichtsboxers

Die Villa der italienischen Boxlegende Primo Carnera im Friaul kündet von Weltmeisterruhm und vergangenen Zeiten. Nach Anmeldung darf man sie sich anschauen.
Das Haus des Riesen ist nicht zu verfehlen. Es springt sofort ins Auge, wenn man in das Dorf Sequals hineinfährt, ist es doch so ganz anders als die anderen Häuser in dieser ländlichen Gegend des Friaul. Mit seiner eleganten Fassade, den steinernen Löwen, die den Treppenaufgang bewachen, und den Buchsrabatten wirkt es, als habe sich da jemand den persönlichen Traum von einer Villa hingestellt. „Il gigante buono“, der gutherzige Riese, nennen die Italiener heute noch ihren ersten und einzigen Weltmeister im Boxen, den zwei Meter und fünf Zentimeter großen Primo Carnera, der auszog, um es in der Welt zu etwas zu bringen, und doch immer wieder heimkehrte in sein Dorf. Im Garten der Villa steht Carnera heute in Lebensgröße als Mosaik, zu seinem hundertsten Geburtstag angefertigt von Schülern der Mosaikschule im nahen Spilimbergo, die Oberarme in Kampfpose nach oben gereckt und doch mit einem seelenvollen Blick aus dunklen Augen.
Antonella sperrt die Eingangstür auf und zieht die Jalousien an den Fenstern hoch. Ein Schwarm Mücken, die im Licht tanzen, fällt über uns her. Nur nach Anmeldung ist die Villa zu besichtigen, dann kommt Antonella aus dem Rathaus herübergefahren, lässt den Besuch ein und führt ihn durch das Haus. Heute noch sieht es hier so aus wie im Jahr 1932, als es entstand, ein wilder Mix aus klassischer italienischer Villa, Jugendstil, viktorianischem Landhaus und rationalistischer Architektur. Carnera war damals schon ein in Europa und den Vereinigen Staaten berühmter Boxer; ein Jahr später, 1933, wurde er Schwergewichts-Weltmeister, als er den Amerikaner Jack Sharkey im Madison Square Garden in New York besiegte. Das Haus kündet still von seinem Ruhm: Mosaiken mit Lorbeer- und Eichenzweigen schmücken die Eingangshalle, im Salon hängen Landkarten, in denen alle Städte eingezeichnet sind, in denen Carnera siegte. Seine eigene, zum Kampf geballte Faust, ebenfalls ein Mosaik, ließ der Boxer von einem der Mosaikenmeister aus dem Dorf anfertigen; es soll ihm besonders am Herzen gelegen haben.
Das kleine und auf den ersten Blick unscheinbare Sequals nämlich ist so etwas wie das Epizentrum der Mosaikkunst, die hier seit vielen Jahrhunderten Tradition hat. Die Männer des Dorfes sammelten an den Ufern der wilden Flüsse Tagliamento und Meduna Steine, die sie dann mit dem Hammer zertrümmerten und als Material für Mosaike verwendeten – überall dort, wo diese gefragt waren. Viele von ihnen verließen die arme Gegend als Emigranten; die Männer aus Sequals brachten ihre Kunst nach England, Frankreich und Russland, nach Dänemark, Deutschland, in die Vereinigten Staaten und nach Kanada.
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