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Alpe-Adria-Trail : Die kurze Reise vom Gletscher an den Badestrand

  • -Aktualisiert am

Heiligenblut ist am idyllischsten, wenn die Skihaserln fehlen. Den Großglockner aber sollte man besser nicht unterschätzen. Bild: picture alliance / Robert Hardin

Am Anfang Murmeltiere streicheln, am Ende Mittelmeermuscheln essen: Das kann man auf dem Fernwanderweg Alpe-Adria-Trail erleben, der vom Großglockner bis zum Golf von Triest führt. Und dazwischen wird es auch nicht gerade langweilig.

          Endlich macht das Murmeltier ein Männchen und stützt sich dabei mit einer Klaue auf unserem Knie ab. Doch die Entfremdung zwischen uns setzt sofort ein, als unsere Hand sein Fell berührt. Das Murmeltierfell ist nämlich nicht weich und kuschelig, wie man es von einem dicken, niedlichen Wesen wie diesem erwartet. Es ist ein borstiges, fettiges Wildtierfell. Das Murmeltier niest, läuft davon und bleibt in sicherer Entfernung stehen. Seine langen gelben Schneidezähne erscheinen uns auf einmal nicht mehr als witzige Mümmel-Accessoires, sondern als infektiöse Hauer. Dem Murmeltier geht es mit uns wohl ähnlich. Denn sooft wir auch mit dem Stanniolpapier des Schokoriegels rascheln, es ist nicht mehr zurückzubewegen. Insgeheim sind wir beide froh, dass wir wieder Distanz zueinander einnehmen können - naturentfremdete Großstädterin hier, niedliche Wildtierfellkugel dort.

          Unser Bergführer Gerald, ein durchtrainierter Neunzehnjähriger mit rosigen Wangen und blondem Bürstenschnitt, schüttelt über unsere plumpen Annäherungsversuche an die Wildnis nur den Kopf. Dann zeigt er mit ausgestrecktem Arm hinunter ins Tal auf die Pasterze, den größten Talgletscher Österreichs, den der Klimawandel arg in Mitleidenschaft gezogen hat - ein wenig anklagend fast, so als wolle er uns sagen: Hier seht ihr, was der Fortschrittswahn in der Natur anrichtet. Und was für eine Natur das ist! Wir stehen auf der Kaiser-Franz-Josefs-Höhe, von hier oben hat man hat den wunderbarsten Postkartenausblick auf den einsamen Reißzahn des Großglocknergipfels, der vor dem klaren Bergfrühlingshimmel aus der Kette der Glocknergruppe herausragt. In weiter Ferne am Horizont erhebt sich der angedetschte Zuckerhut des Johannisbergs.

          Ein ewiges Winterland wie aus der Wodka-Werbung

          Aus dem österreichischen Spätwinter werden wir auf dem Fernwanderweg Alpe-Adria-Trail in den italienischen Frühsommer wandern. Fast 700 Kilometer ist die Strecke lang, die vom Großglockner bis hinab an die Adria führt. Würde man alle 43 Etappen gehen, wäre man wochenlang unterwegs, deswegen müssen wir uns ab und zu mit dem Auto behelfen. Von Heiligenblut geht der Weg zunächst nach Osten über die Kärntner Seenlandschaften, dann weiter durch die slowenischen Waldschluchten bei der Quelle der Soča und schließlich hinunter nach Venetien und zum Golf von Triest. Der Alpe-Adria-Trail ist ein Gemeinschaftsprojekt von Slowenien, Österreich und Italien, im Sommer 2012 wurde er ausgeschildert. Er soll vor allem Wanderer aus aller Welt in die wilden, unberührten Waldlandschaften des touristisch wenig erschlossenen Sloweniens locken, aber auch ein Gefühl für die Dichte der Kultur- und Landschaftsräume in diesem Teil Europas vermitteln. Und dass wir am Ende unseres Weges am warmen Mittelmeer sein werden, können wir uns kaum vorstellen, jetzt, da wir mit Fellmütze und Winterjacke vor einer Murmeltierwiese stehen.

          Hier oben in Kärnten ist die Luft kalt und schneidend. Das bläuliche Nachmittagslicht auf der Kaiser-Franz-Josefs-Höhe und das grau geäderte Weiß der Bergwände geben uns das Gefühl, in einem ewigen Winterland aus der Wodka-Werbung zu sein. Unser frühzeitig aus dem Winterschlaf erwachtes Murmeltier posiert noch schnell auf einem Stein am Abhang im Abendsonnenschein. Wir machen ein Foto mit der Handykamera und wollen es mit einem doofen Til-Schweiger-Witz per Whatsapp an eine Freundin in Berlin schicken: „Guck mal, da ist der Keinohrhase.“ Murmeltiere sehen ja schließlich ein bisschen aus wie dicke Hasen mit zu großen Zähnen, und ihre runden Ohren liegen tief im Kopffell verborgen. Das Foto kommt nicht an, in 2369 Metern Höhe haben wir kein Netz.

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