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Negativrekord in Italien : So wenig Neugeborene wie noch nie

Ingesamt kamen im vergangenen Jahr kamen in Italien 420.170 Kinder zur Welt. Bild: Reuters

Ist Italien ein „Land ohne Zukunft“? Die Zahl der Geburten hat im vergangenen Jahr einen neuen Tiefstand erreicht. Die Demographen rechnen damit, dass wegen der Corona-Krise 2020 abermals deutlich weniger Kinder geboren werden.

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          Es ist schon zum Ritual geworden: Wenn das nationale Statistikamt in Rom seine neuesten Daten zur demographischen Entwicklung Italiens veröffentlicht, wird die Klage vom „Land ohne Zukunft“ angestimmt. Das ist in diesem Jahr nicht anders. Aber der Ausblick ist nun noch düsterer: 2020 werden nach Überzeugung der Demographen wegen Coronakrise und Rezession noch weniger Kinder geboren werden.

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Im vergangenen Jahr kamen in Italien 420.170 Kinder zur Welt. Das ist ein historischer Negativrekord: Noch nie seit Erlangen der nationalen Einheit durch die Schaffung des Königreichs Italien im Jahre 1861 wurden im Belpaese in einem Jahr so wenige Kinder geboren – nicht einmal zu Kriegszeiten. Im Vergleich zu 2018 kamen im vergangenen Jahr gut 19.000 weniger Kinder zur Welt, das entspricht einem Rückgang von 4,5 Prozent. Dagegen suchten abermals mehr Italiener ihr Glück in der Ferne: 182.154 Italiener meldeten ihren Wohnsitz in Italien ab, das waren 16,1 Prozent mehr Auswanderer als im Vorjahr.

          Am 31. Dezember 2019 waren in Italien nach Istat-Angaben genau 60.244.639 Menschen wohnhaft, das waren 188.721 weniger als im Vorjahr. In den vergangenen fünf Jahren hat Italien fast 551.000 Einwohner verloren. Der Rückgang wäre ohne den Anstieg ausländischer Einwohner noch stärker ausgefallen. Am Stichtag, dem 31. Dezember, wohnten in Italien 5.306.548 ausländische Staatsbürger. Das entspricht einem Anteil an der Gesamtbevölkerung von 8,8 Prozent. Aber auch bei der Einwanderung ist der Trend rückläufig: Das Wachstum bei der legalen Migration nach Italien schwächt sich seit Jahren kontinuierlich ab und könnte angesichts der Wirtschaftskrise vollends abflachen.

          Leichte Zuwächse in wirtschaftsstarken Regionen

          Auch bei der inneren Bevölkerungsverteilung hat sich ein Trend fortgesetzt: Der Süden des Landes und Mittelitalien schrumpfen weiter – der Rückgang betrug 2019 dort rund ein Prozent –, während in den meisten norditalienischen Regionen die Bevölkerung in etwa stabil bleibt. In den wirtschaftsstarken Regionen Lombardei und Emilia Romagna konnte 2019 sogar eine leichte Zunahme der Bevölkerung registriert werden. Wie schon in den vergangenen Jahren wurde auch 2019 in der autonomen Provinzen Südtirol und Trentino in Norditalien der landesweit stärkste Bevölkerungszuwachs verzeichnet: um 0,3 und 0,27 Prozent.

          Nach jüngsten Erhebungen der EU-Kommission wird die Wirtschaft Italiens in Folge der Corona-Krise in diesem Jahr um 11,2 Prozent schrumpfen. Das ist der stärkste Rückgang in der EU. Rom, Brüssel und auch Berlin verbreiten gemeinsam das Narrativ, Italien sei unverschuldet als erstes europäisches Land und dazu so schwer wie kaum ein anderer EU-Staat von der Pandemie getroffen worden – mit bisher rund 35.000 Toten. Bei der Bekämpfung des Virus habe die Regierung unter Führung von Ministerpräsident Giuseppe Conte dann aber alles richtig gemacht – mit dem längsten und strengsten Shutdown in ganz Europa.

          Doch inzwischen wird in Italien die offizielle Version weithin angezweifelt, wonach dank des entschlossenen Handelns der Regierung das Schlimmste überstanden sei. Vielmehr komme das schlimme Ende erst noch, heißt es vermehrt. Die Statistiker des Istat jedenfalls gehen davon aus, dass sich der Bevölkerungsrückgang in diesem und im kommenden Jahr weiter beschleunigen wird. Die tiefe Rezession, die steigende Arbeitslosigkeit und die verbreitete Zukunftsangst dürften dazu führen, dass in den kommenden Jahren nochmals gut 10.000 Babys weniger geboren würden, heißt es im Jahresbericht der Statistiker. 2021 könnte die Zahl der Geburten erstmals unter die Schwelle von 400.000 sinken, so die Prognose.

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