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Mittelstandsanleihen : Ramschanleihen aus Deutschland

Herrenhemden: Große Namen, aber Zweifel an den Erfolgsaussichten bestehen Bild: Hauri, Michael

„Mittelstandsanleihen“ ist ein Wort, das Solidität vermittelt. Doch tatsächlich geht es um sogenannte Ramschanleihen. Das zeigen die hohen Zinsen, viele schwachen Bilanzen und die schlechte Entwicklung der Ratings.

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          Der Markt für Mittelstandsanleihen hat in den vergangenen drei Monaten floriert. 16 neue Anleihen wurden begeben, so viel wie nie zuvor. Immer stärker wird der Markt dabei von Marken-Artiklern dominiert.

          Martin Hock
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Ein bekannter Name bürgt praktisch für den umgehenden und vollständigen Abverkauf der Schuldverschreibungen und fast durchweg für einen anschließend deutlichen Kursanstieg, wie etwa bei den regionalen Bierbrauern Karlsberg und Stauder.

          Bonitätseinschätzungen sinken deutlich

          Dabei ist die Bewertung der Bonität der Marken-Artikler durch die Rating-Agenturen tendenziell eine Note schlechter als die anderer Unternehmen. Auch die schlechtesten Ratings bekamen bekannte Namen. Die Luftfahrtgesellschaft Air Berlin und der Hemden-Hersteller Eterna werden von Scope mit der schlechtesten Note „CCC-„ bewertet, der Fußballverein Schalke 04 erhält sogar nur „CC“.

          Tobias Spies, Geschäftsführer des Vermögensverwalters Dr. Kohlhase, sieht die Ratings allerdings insgesamt skeptisch. Eine Note wie „BBB“ suggeriere eine ähnliche Kreditwürdigkeit, wie sie etwa der Deutschen Telekom zukomme: „Es werden Kreditsiegel vergeben, hinter denen nicht das steckt, was versprochen wird.“

          Doch nicht nur einzelne schwache Ratings geben Anlass zur Sorge. Auch die Entwicklung der Bonitätsbewertungen zeigt ein insgesamt negatives Bild. Seit der Erstvergabe von Noten wurden diese insgesamt 16mal nach unten angepasst, fast ausschließlich in diesem Jahr. Auch das Ausmaß war mit im Durchschnitt zweieinhalb Stufen drastisch.

          Dagegen gab es nur in zwei Fällen eine Anpassung nach oben. Hinzukommt, dass acht Ratings mittlerweile zurückgezogen wurden oder ausliefen. Auch gab es schon drei Insolvenzen, zwei davon noch vor der ersten Zinszahlung, eine weitere Pleite könnte bald folgen.

          Schwache Unternehmensentwicklung

          Hauptgrund ist die sehr durchwachsene Entwicklung der Bilanzen. Das gilt nicht nur für die krisengeschüttelten Solar-Unternehmen. Beispielsweise liegt die Eigenkapitalquote der unter Katjes International firmierenden Auslandsaktivitäten der Eigentümer der deutschen Katjes bei weniger als 3 Prozent. Schalke 04 und der Maschinenbauer Singulus verzeichneten in den ersten sechs Monaten Umsatzeinbrüche von rund 40 Prozent [siehe Fußnote unten]. Letzterer rutschte ebenso wie der Fruchtsafthersteller Valensina auch operativ, also vor Steuern und Abschreibungen, in die roten Zahlen.

          Per saldo hat sich die Unternehmensentwicklung im ersten Halbjahr 2012 deutlich verschlechtert. Wiesen für das Jahr 2011 fast 80 Prozent der berichtenden Emittenten ein Umsatzplus aus, so war es im ersten Halbjahr 2012 nur noch rund die Hälfte. Konnte 2011 noch mehr als die Hälfte der Emittenten den Gewinn steigern, waren es im ersten Halbjahr nur noch knapp 40 Prozent.

          Noch schwächer fällt die bilanzielle Entwicklung aus, die schon 2011 nicht übermäßig positiv war. Bei rund 55 Prozent der berichtenden Emittenten hat sich die Zinsdeckung durch das Betriebsergebnis 2011 verschlechtert. Im ersten Halbjahr 2012 war dies bei mehr als 60 Prozent der Fall. Nur rund die Hälfte der Unternehmen erwirtschaftet überhaupt Mittelzuflüsse.

          Bilderstrecke

          Spies nennt die Geschäftsentwicklung teilweise erschreckend: „Wir sehen Hemden-Hersteller mit dünner Eigenkapitalausstattung , die in den vergangenen Jahren kaum Geld verdient haben. Jetzt wollen sie mit teuer geliehenem Geld plötzlich international expandieren. Das ist doch fragwürdig, ob das funktioniert.“

          Berichterstattung lässt zu wünschen übrig

          Hinzu kommt eine bisweilen unzureichende Berichterstattung. So vermeldete etwa der Autozulieferer MS Spaichingen in seinem Halbjahresbericht kein Reinergebnis, der Online-Photoprodukte-Anbieter Poster XXL lieferte nur einige ausgewählte Zahlen und was der Sportartikelvermarkter Royalbeach als Halbjahreszahlen vorlegte, ist schwer nachzuvollziehen. Generell fehlt es an Mehrjahresüberblicken. Oftmals wurde unmittelbar vor Emission umfirmiert, bisweilen sind die Gründe dafür nicht ohne weiteres nachzuvollziehen.

          Vor allem von den Mittelzu- und abflüssen der Unternehmen – eine wichtige Kennzahl für Gläubiger - ist sich kein umfassendes Bild zu machen: Nur rund die Hälfte der Emittenten legte zur Jahresmitte eine Kapitalflussrechnung vor, noch weniger wiesen Vergleichszahlen aus. Das lässt böse Überraschungen in den ersten Monaten des kommenden Jahres befürchten.

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