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Rammsteins neuer Song : Lieben und verdammen

Die Mitglieder von Rammstein im umstrittenen Video XXVIII.III.MMXIX Bild: Youtube

Der kalkulierte Aufruhr um Rammsteins neuen Song „Deutschland“ ist gelungen. Die einen finden ihn geschmacklos, die anderen feiern seine Ironie. Aber was will er eigentlich?

          Rammstein hat eine neue Single veröffentlicht, und obwohl da schon alle Alarmbässe wummern hätten sollen, weil es sich eben um Rammstein handelt – die Band, die seit ihrer Gründung 1995 Inzest, Missbrauch und Kannibalismus zum Portfolio ihrer Provokationen zählt, die Songzeilen wie „Wer wartet mit Besonnenheit, der wird belohnt zur rechten Zeit“ raunt und überhaupt die Mehrdeutigkeit liebt – war die Aufregung um die Inszenierung ihrer Rückkehr nach zehn Jahren groß.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Genau so groß, wie sie sich die Band gewünscht hatte. Auf Instagram gab es vorher Frauen mit Mordlust im Blick und abgehackten Köpfen unter dem Arm zu sehen. Und als zwei Tage vor der Veröffentlichung am Donnerstag ein Videoschnipsel mit dem Namen „Deutschland“ herauskam, der die Musiker mit Stricken um den Hals in gestreifter Gefangenenkleidung auf einem Galgen zeigte, wobei auf der Brust von Gitarrist Paul Landers ein Judenstern prangte, war die Falle perfekt. Geschmacklos, hallte es durchs Land, das Spiel mit der deutschen Erinnerung bei einer Band, für die alles Show und Schein ist. Genau das war es, und so war es auch gedacht. Die jüdischen Verbände empörten sich, die „Bild“-Zeitung befragte den Antisemitismus-Beauftragten der Bundesregierung, der von der Überschreitung einer roten Linie sprach, die Provokationsmaschinerie kam in Gang und noch Stunden vor der Veröffentlichung warteten bereits Tausende bei YouTube auf den Song.

          Das, was schließlich zu sehen und zu hören war, hat mit KZ-Symbolik wenig zu tun, es ist eine martialisch-wollüstige Reise durch die Geschichte der deutschen Abgründe in Form von Filmzitaten, von den Schlachten der Germanen über die Kreuzzüge bis zur Bücherverbrennung und dem hausgemachten Terrorismus. Dazu deklamieren die Bandmitglieder „Deutschland, mein Herz in Flammen, will dich lieben und verdammen“ sie dürfen mal Krieger, mal Mafiosi, mal Opfer spielen, Hauptsache Pathos, Hauptsache Uniform, und am Ende den Nazis in die Köpfe schießen.

          Sagt uns dieser Song mit seiner für Rammstein ungewöhnlich klaren Aussage („Im Geist getrennt, im Herz vereint“) etwas über das Deutschland von heute? Hält er uns den Spiegel vor, wie es Fans jetzt begeistert behaupten? Nein. Spielt er mit faschistischen Motiven? Schon im Video zu ihrem Song „Stripped“ waren Ausschnitte aus Leni Riefenstahls NS-Propagandafilm über die Olympischen Sommerspiele von 1936 zu sehen. „Deutschland“ ist eine episch-überladene, stellenweise peinliche Jungsphantasie, aber kein Flirt mit den Rechten.

          Was will das Video dann? Die Antwort liegt weiter entfernt. Auf die Deutschen ist die Erfolgsmaschinerie Rammsteins gar nicht ausgelegt – und war es noch nie. Diese international überaus erfolgreiche Band will die Erwartungen der Fans bedienen, die in Paris, in Montreal und St. Petersburg sitzen, denen es wohlig den Rücken hinunter läuft, wenn sie an dieses ferne, alte, düstere Deutschland denken, an seine bellende Sprache und seine tiefen Zweifel. Das ist um ein Neues gelungen.

          Aber irgendwo in dem Zirkusspektakel um die Veröffentlichung steckt auch noch ein kleiner Wink. Der lässt sich in etwa so übersetzen: So einfach ist das mit den vorschnellen Urteilen eben nicht. Nicht hier, in Deutschland, und auch nirgendwo sonst.

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