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Album der Woche : Die schönen Schmerzen der Mutation

  • -Aktualisiert am

Arca, geboren 1990 als Alejandro Ghersi, lebt heute in London. Bild: Mute Artists Ltd.

Transhuman? Postgender? Die radikal neue Musik des venezolanischen Elektronik-Künstlers Arca klingt jedenfalls, als müsste ihr die Zukunft gehören.

          Die Musik der Zukunft ist Trauermusik. Diese Vorstellung haben uns Science-Fiction-Filme eingepflanzt. Der Soundtrack dieses Genres verlangt nach Klängen von erhabener Kühle und Weite. Elektronisch blinkend wie Raumschiffslichter, sonnenlos erfroren, galaxiengroß, in Relation zur Unendlichkeit allerdings klein und verloren, trudeln sie durch das All. Pompös schießt die Zukunftsmusik empor, um sich nach grünen Auen und Kaminfeuern zurückzusehnen. Sie fliegt schon lichtjahrelang, so dass der akute Verlustschmerz einer resignativen Schwermut gewichen ist - heimatlos für immer.

          Der Blick nach vorn entpuppt sich als in die Zukunft projizierter Rückblick. Das galt schon für den sanften Roboterpop von Kraftwerk, der vom expressionistischen Kino und konstruktivistischen Gemälden inspiriert war und deshalb im Nachhinein als „retrofuturistisch“ erkannt wurde. Andere Hersteller science-fiction-hafter Musik wie Tangerine Dream oder Vangelis griffen noch weiter zurück als Kraftwerk. Ihre Werke ähnelten den Berggipfelausblicken und Götterdämmerungsvisionen spätromantischer Komponisten, deren Musikrevolutionär Richard Wagner den Weltuntergang seinerseits retrofuturistisch, bei den alten Germanen, imaginierte.

          Arca - Vanity [Official Video] from Arca on Vimeo.

          Diese Gedanken zur Ästhetik der Zukunft vorausgeschickt, können wir uns nun der sensationell schönen neuen Platte des Elektronikkünstlers Arca zuwenden. Arca heißt eigentlich Alejandro Ghersi. Er ist 1990 geboren, stammt aus Venezuela und lebt mittlerweile in London. Sein zweites Album „Mutant“ erweckt, vielleicht noch stärker als das vorherige, den Eindruck: Das ist etwas Neues in der Popmusik, etwas Phantastisches und Radikales. Dies ist der Sound der Zukunft. Das Gleiche dachten offenbar Kanye West, Björk und FKA Twigs, die Arca als Produzenten für ihre jeweils experimentellen Neuformulierungen von Hip-Hop, Kammermusik-Pop und R&B auswählten, was der Popularisierung von Arcas noch avantgardistischeren Solokompositionen sicherlich zugutekommt.

          Als Zukunftsmusik erscheinen die zwanzig Stücke auf „Mutant“ zunächst insofern, als sie futuristisch und spätromantisch wirken: erhaben, einsam, elektronisch, trauernd. Mit lange hallenden Tönen, die sich in der Tiefe des Raums verlieren, und dem dumpfen Grollen von sehr weit entferntem Donnern. Aber das ist eigentlich nur der konventionelle, rückwärtsgewandte Aspekt von Arcas Musik.

          Die vertrauten Pop-Elemente fehlen

          Um zu erklären, warum dieses Werk Zukunftsmusik etwas Neuartiges ist, müssen wir sehr ins Detail gehen. Die vertrauten Elemente von Pop im weitesten Sinne fehlen: Songstruktur, Gesang, eine erkennbare Funktionalität als Tanz- oder Zuhör-Musik, ein klar definierter oder eindeutig abwesender Beat. Nur wenn man von Arcas clubkultureller Sozialisation weiß, kann man vielleicht noch einen abstrakten Hip-Hop-Groove erspüren. Auch gängige Vintage-Synthesizer-Timbres fehlen. Es gibt zwar piano- und streicherähnliche Instrumentierungen sowie verfremdete menschliche Stimmen, aber Arcas Tongebilde sind so stark verformt, dass die jeweiligen Erzeugungsmethoden mysteriös bleiben.

          Arca - EN from Arca on Vimeo.

          Seine Klänge sind schroff. Sie raspeln wie Metall, das in einer Mühle pulverisiert wird. Klangpartikel, die in hoher Geschwindigkeit vibrieren, schichten sich zu größeren, langsamen Strukturen. Melodien und Harmonien bilden sich kurz und zerfallen ohne Wiederkehr. Als Fragmente gleiten die einzelnen Stücke ineinander.

          Was diese Musik bei aller Unvorhersehbarkeit verständlich und sehr mitreißend macht, ist ihre emotionale Ausdruckskraft. Sie öffnet sich zu intimen Seelenlandschaften und intensiven Gefühlszuständen von Zärtlichkeit, Schmerz, Lust, Trauer und Wut. Arcas biographische Äußerungen, Live-Auftritte und Musik-Videos legen nahe, dass es thematisch eher um die Erweiterung von Geschlechtsidentitätsgrenzen als um posthumane Weltraumeinsamkeiten geht. Die Klangmutationen auf „Mutant“ als Toleranz-Manifest der queer culture zu deuten, wäre jedoch zu verengend. Vielmehr könnten Arca und andere Produzenten seiner Generation einen Aufbruch der Popmusik zu neuen Formensprachen einleiten. Die Epoche der „Retromania“, die Simon Reynolds in seinem vielzitierten Buch beschrieb, ist hoffentlich vorüber.

          Das heißt allerdings nicht, dass die Musik der Zukunft tatsächlich wie Arca klingen wird. Vielleicht erinnert sie eher an ZZ Top oder ist ganz anders. Gerade in den ästhetischen Details hat die Science-Fiction stets geirrt. Zum Beispiel hatte niemand vorausgesehen, dass die Menschen des dritten Jahrtausends statt futuristischer Unisex-Looks Waldschratbärte und Urgroßmutterdutts tragen würden.

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