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Doku „Unfck the World“ : Harter Cringe

Mama, ich bin im Internet: Noch glauben Waldemar Zeiler (links) und Philip Siefer selbst an ihre große Idee. Bild: Joyn/INDI FILM

Zwei Gründertypen wollen das Berliner Olympiastadion zu Deutschlands größter „Bürgerinnenversammlung“ füllen, unterstützt durch die Follower-Power politisch bewegter Influencer. Was kann schiefgehen? Viel, wie diese Serie zeigt.

          3 Min.

          Für einen kurzen Moment scheint es so, als ließe sich dieser Marketing-GAU ganz einfach lösen: „Vielleicht haben wir auch alles überstürzt. Vielleicht ist das der Moment, abzubrechen“, sinniert der eine der beiden Macher. „Einfach stoppen?“, fragt der andere. Aber wir sind bereits in Folge vier von „Unfck the World“ und wissen: Selbstverständlich haben diese beiden Gründertypen nicht die Weitsicht, die Reißleine zu ziehen. Stattdessen befeuern sie alle Social-Media-Kanäle und hauen befreundete Influencer an, „um wieder in einen aktiven Moment zu kommen“. Weiter, immer weiter.

          Felix Hooß
          Verantwortlicher Redakteur für die Paywall bei FAZ.NET.

          Scheitern gehört zu einer richtig guten „Success Story“ und so ist es nur folgerichtig, dass Philip Siefer und Waldemar Zeiler weiter vor sich hin dilettieren. Eigentlich sind sie Gründer eines nachhaltigen Berliner Kondom-Start-ups, wissen also, wie man eine Geschäftsidee „skaliert“. Nun haben sie sich im Dezember 2019, beflügelt durch die „Fridays for Future“-Bewegung und die erfolgreiche Petition zur Mehrwertsteuersenkung für Hygieneprodukte, ein großes Ziel gesetzt: Sie wollen das Berliner Olympiastadion im Sommer 2020 zur größten „Bürgerinnenversammlung“ mit 90 000 Menschen füllen und diese live über Petitionen zu Nachhaltigkeitsthemen abstimmen lassen. Die Kosten von 1,8 Millionen Euro soll die bis dato größte deutsche Crowdfunding-Aktion decken. Unterstützt werden sie von einer breiten Allianz von B-Promis und Influencern, allen voran der Moderatorin Charlotte Roche und dem deutschen „FFF“-Gesicht Luisa Neubauer.

          Gegenwind von der Twitter-Blase

          Der erste Shitstorm lässt nicht lange auf sich warten. Dass die Veranstalter für ein Ticket 29,95 Euro quasi als Demokratieabgabe verlangen und damit viele weniger gut Betuchte ausschließen, provoziert beißende Kritik aus der eigenen linken Twitter-Bubble. Dass sie in einem Interview sagen, an dem historischen Ort (Olympiastadion!) dürften auch Nazis mitdiskutieren, sofern sie Konstruktives beizutragen hätten, ebenfalls. Das Erstaunen der Protagonistinnen und Protagonisten, die gar nicht verstehen, wie man sie denn so missverstehen könne, macht sprachlos. Zwischendrin muss der ursprüngliche Name des geplanten Events geändert werden: Mit „Unfck the World“ sind die eingespannten „Scientists for Future“- und „Fridays for Future“-Aktivisten nicht einverstanden – es sind Kinder anwesend. Der Name bleibt für die Doku. Diese entwickelt eine regelrechte Sogwirkung, man mag einfach nicht wegsehen. Die mit sechs Folgen vielleicht minimal zu lange Serie läuft seit Anfang Februar bei „Joyn+“ (Probemonat kostenlos).

          Schauplatz des (Nicht-)Geschehens: das Berliner Olympiastadion
          Schauplatz des (Nicht-)Geschehens: das Berliner Olympiastadion : Bild: Joyn/INDI FILM

          Irgendwann, und das kann man sich nicht ausdenken, durchbricht Philip kurz das Format und spricht über den anwesenden Dokumentarfilmer (Regie führte der niederländische Filmemacher Finbarr Wilbrink): Der wolle doch eh nur eine deutsche Version der Doku über das grandios gescheiterte Fyre Festival drehen. Immerhin fehlen den Kondomherstellern dann doch jene Hybris und Ruchlosigkeit, mit denen dessen Veranstalter das elitäre Musikfestival vor die Wand fuhren. Den gutgemeinten Rat, sie sollten doch froh sein, wenn das Crowdfunding-Projekt nicht zustande kommt, schlagen sie in den Wind. Und so kommt es, wie es kommen muss: Das Crowdfunding-Ziel von 1,8 Millionen Euro wird erreicht, und dem Duo ist die Furcht anzusehen, dass sie dieses absurde Event nun wirklich durchziehen müssen. Aber dann gibt es ja 2020 bekanntlich noch eine Pandemie, die der Veranstaltung endgültig den Stecker zieht. Alle Beteiligten sollten dem Coronavirus dafür ewig dankbar sein.

          Bis zuletzt bleibt vage, was genau im Olympiastadion eigentlich geschehen, wie das mit den Petitionen funktionieren, was hier politisch verhandelt werden soll. Das ist aber irgendwie auch egal. Letztlich wird hier eine leere Hülle promotet, darunter ist nichts; ob politische Beteiligung verkauft werden soll oder eben Kondome, spielt keine Rolle. Die Reichweite der Influencer wirkt dabei wie ein Steroid. Nie war es leichter, sich ein bisschen politisch, ein bisschen weltverbessernd zu fühlen, ohne auch nur das Geringste am eigenen Lebensstil zu hinterfragen.

          All das mit ansehen zu müssen ist mit dem Wort Fremdscham nur unzureichend benannt und mit sehr, sehr hartem, körperlich fühlbarem „Cringe“ (Zusammenzucken) wahrscheinlich am besten umschrieben. Wer Berlin als Konzept mit seiner Pseudo-Nonkonformität, seiner Prenzlberghaftigkeit, seinen bärtigen Hipstern und weinerlichen Millenials schon immer verachtet hat, bekommt hier frisches Futter. Der entlarvendste Moment der gesamten Doku ist der, in dem Philip erzählt, wie es ihn fertigmacht, dass er jetzt neuerdings immer genau überlegen muss, was er den Menschen da draußen via Social Media sagt. Normalerweise drückt er auf Instagram und Snapchat einfach immer direkt auf Absenden. Ohne nachzudenken.

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