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Doku „KGB – Schild und Schwert“ : Wenn Schlapphüte den Staat übernehmen

  • -Aktualisiert am

Das offizielle Emblem des Geheimdienstes KGB: Schild und Schwert Bild: Clover Films

Über Staatsagenten macht man besser keine Witze: Der Dreiteiler „KGB – Schild und Schwert“ beleuchtet Russlands jüngere Geschichte anhand seiner Geheimdienste.

          Einmal vermisst Josef Stalin seine Pfeife, findet sie aber gleich darauf wieder. Inzwischen hat sein Geheimdienst NKWD schon hundert Leute verhaftet, von denen 99 die Tat gestanden haben. Als man dies dem Führer der Sowjetunion hinterbringt, ist er verstimmt. Nur 99? „Weiter ermitteln!“ In einem Moskauer Comedy Club erzählt eine junge Schauspielerin Geheimdienstwitze. In einer Diktatur, einem Terrorregime hat der Witz andere Funktionen, als lustig zu sein. Er ist oppositionell und subversiv. Er entlarvt die Herrscher und ihr Unrecht durch Lächerlichmachen. Er ist politisches und gesellschaftliches Ventil. Und er ist lebensgefährlich.

          Soll der Auftritt bedeuten, dass man in Putins Russland heute alles sagen darf, im Land des „lupenreinen Demokraten“ (Gerhard Schröder)? Gegen Ende des dritten Teils dieser Trilogie des staatlichen Schreckens und Massenmords mit Millionen Opfern, wenn nach fast drei Stunden informierender Geschichtslektion auch der gegenwärtige kritische Journalismus Russlands, die Rolle der Oppositionszeitung „Nowaja Gaseta“ und der Mord an der Putin-Kritikerin Anna Politkowskaja beleuchtet werden, wird man das Geheimdienstwitz-Comedyprogramm wahrscheinlich für einen mutigen Akt des aktuellen Widerstands halten. Der Geheimdienst FSB, dem Putin früher selbst vorstand, hat nicht an Macht und Einfluss verloren, im Gegenteil. Die Dokumentation „KGB – Schild und Schwert“ des irischen Filmemachers Jamie Doran legt umfassend dar, wie sich seit den Neunzigern Oligarchen, Mafia und FSB angenähert haben. Die These: Mit Putin ist der Geheimdienst selbst zum Staat geworden. Seine Methoden und die Interessen der Mitarbeiter sind zwar andere als zu Zeiten Lenins, der die damals „Tscheka“ genannte Organisation 1917 zur Verteidigung der russischen Revolution gründete. Die Namen änderten sich, aber der Grundgedanke bleibt: „Wer nicht für mich ist, ist gegen mich.“

          Freimütig berichten sie aus dem Zentrum ihrer Taten

          Dass es auch in der Familie der Comedy-Künstlerin Opfer gab, erfährt man erst nach einiger Zeit. Dorans materialreicher, mit ZDF und Arte koproduzierter Dreiteiler („Dschersinski & Co.“; „Berija & Co.“; „Putin & Co.“) entfaltet hundert Jahre sowjetische und russische Geschichte im Spiegel der Historie ihrer Geheimdienste. Er lässt Opfer zu Wort kommen und Täter. Chronologisch zeigt er Ereignisgeschichte zusammen mit aussagekräftig geschnittenem Archivmaterial und vielen Zeitzeugen-Erinnerungen – und er kehrt in Zwischenstücken immer wieder in den Moskauer Club und zu den Witzen zurück.

          Der Coup des Films ist sein Zugang zu vielen Ex-Geheimdienstmitarbeitern. Freimütig, so scheint es, berichten sie aus dem Zentrum ihrer Taten. Doch auch hier, wie in ähnlichen Filmen etwa über den israelischen Geheimdienst „Mossad“, gibt es kein persönliches Schuldbewusstsein. Man war Befehlsempfänger und hat das Land verteidigt. Entspannt plaudern sie im zweiten Teil über die Chuzpe der „Cambridge Five“ und ihren notorischen Starspion Kim Philby, der noch in den achtziger Jahren Vorträge vor Stasimitarbeitern hielt, wie man hier zu sehen bekommt. Bei Liebesfallen, attraktiven Spioninnen und Zielpersonen, die im Bett ihr Land verraten, werden diese Männer redselig. Das ist der abenteuerliche Teil der KGB-Geschichte. Dass sich aber trotzdem kein nostalgisches Gefühl oder James-Bond-Bewunderung einstellen mag, ist ein Verdienst des Filmemachers, der seine Ex-Geheimdienstler auch durch die Anordnung der Bilder und Kontrastierung der Szenen als Schwadroneure entlarvt. Zum inneren Kreis der KGB-Nachfolgeorganisation FSB gehören diese Zeitzeugen nicht oder schon lange nicht mehr.

          Planwirtschaftlich organisierte Ermordungen

          6000 Witze über den sowjetischen Geheimdienst hat ein zeitgenössischer russischer Historiker gesammelt. Für Millionen Opfer der „Säuberungen“ der stalinistischen Ära genügte weniger als ein Witz, um ermordet zu werden. Zum Beispiel gar kein Verdacht. Die zuständigen Stellen hatten Order, in einem Bezirk 50.000, in einem anderen 30.000 Staatsfeinde umzubringen, oder 20.000, je nach Vorgabe. Planwirtschaftlich organisierte Ermordungen, denen sich vor allem der erste Teil widmet. Als Josef Stalin 1953 stirbt, macht sich auch sein Geheimdienstchef Lawrenti Berija berechtigte Hoffnungen auf das höchste Amt der Sowjetunion. Berija, ein berüchtigter Schlächter, ist unter anderem verantwortlich für das Massaker von Katyn. Nikita Chruschtschow, sein Parteifunktionärskollege, lässt ihn kurzerhand als Spion verhaften und exekutieren. Die Revolution frisst ihre Kinder, immer wieder. Chruschtschow zerschlägt den Geheimdienst, damals NKWD genannt, und gründet ein neues „Zentralkomitee für Staatssicherheit“ (KGB). 1967 wird Juri Andropow unter Breschnew dessen neuer Chef. Kein Tauwetter, wie manche erwarten. Im August 1968 lässt die Sowjetunion ihre Panzer durch Prag rollen. Zeiten ändern sich (nicht). Politische Gefangene gibt es schon seit Anfang der Sechziger im Grunde nicht mehr, denn im Moskauer Institut für Psychiatrie hat man die „schleichende Schizophrenie“ erfunden. Eine Diagnose zur Einweisung in die Geschlossene und Verschickung ins Lager exklusiv für Dissidenten. Wer nicht an die sowjetischen Werte glaubt, muss verrückt sein und „geheilt“ werden, so wird behauptet.

          „KGB – Schild und Schwert“ zeichnet die Ausläufer seiner Geheimdienst-Geschichte weiter bis zu Vorgängen rund um die Brexit-Abstimmung und die letzte Präsidentenwahl in Amerika. Bei der Darstellung von Hackerangriffen und der Rolle der russischen Dienste in den sozialen Medien wird die Faktenlage dünn. Aber auch das gehört zur Qualität von Dorans Dokumentation. Wo die Spurensuche schwierig wird und die Faktenlage uneindeutiger, hält sich der Film mit Bewertung zurück. Das spricht für sich.

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