Nach Konferenzeinladung :
Plagiatsjäger Weber im Nahkampf mit der AfD

Von
Jochen Zenthöfer
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Da war er der AfD noch zu Diensten: Stefan Weber bei der Pressekonferenz zur Vorstellung eines Plagiatsgutachtens zur Doktorarbeit von Thüringens Ministerpräsident Voigt.
Da war er der AfD noch zu Diensten: Stefan Weber bei der Pressekonferenz zur Vorstellung eines Plagiatsgutachtens zur Doktorarbeit von Thüringens Ministerpräsident Voigt.dpa

Kürzlich gab er noch eine Pressekonferenz mit Björn Höcke. Nun wirft er der AfD „Cancel-Culture“ vor: „Plagiatsjäger“ Stefan Weber wendet sich von der Partei ab. Und macht eine Ansage zur Doktorarbeit von Alice Weidel und ihrem Lebenslauf.

Der Salzburger Kommunikationswissenschaftler Stefan Weber ist als Plagiatsjäger bekannt. Seine Analysen brachten diverse Politiker zu Fall. Webers Motivation ist vielschichtig. Aus seiner eigenen Doktorarbeit wurde plagiiert; zugleich verdient er seinen Lebensunterhalt als Auftragsarbeiter gegen Honorar. Gelegentlich macht er Fehler. Ein schwerwiegender Fehler war sein Beitrag zu den unbegründeten Vorwürfen gegen einen Münchner Rechtsmediziner, der Opfer einer perfiden Intrige wurde.

Doch Weber belässt es längst nicht mehr bei Analysen zu Plagiaten und KI. Zuletzt wurde er immer politischer. Er marschierte Richtung FPÖ und AfD und unterstützte beide Parteien auf der Plattform X. In Erfurt wurde er zum Kronzeugen der Plagiatsvorwürfe gegen den Ministerpräsidenten Mario Voigt (CDU). Die AfD hatte ein Gutachten bestellt und Weber konnte liefern. Ersichtlich genoss er die gemeinsame Pressekonferenz mit dem AfD-Politiker Björn Höcke, auf der er seine Ergebnisse präsentierte. Auf X wetterte Weber gegen das Establishment, Wokeness an Hochschulen und Falschdarstellungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. AfD-nahe Kreise jubelten, seine Tweets wurden massenhaft befürwortet.

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Weber war eine Waffe der AfD

Für die rechtspopulistische Bubble war Weber ein unerwartetes Geschenk, jemand, der Vertreter etablierter Parteien piesacken und gelegentlich zu Fall bringen konnte. Ob Voigt, die Richterkandidatin Frauke Brosius-Gersdorf oder Annalena Baerbock: Webers Analysen waren eine Waffe. Man versprach sich noch viel davon für künftige Wahlkämpfe. Was die AfD nicht bedachte: Eine Waffe kann sich auch gegen einen selbst richten. Weber war sich seiner steigenden Bedeutung bewusst und erwartete eine gewisse Professionalität im Umgang mit ihm. Daran mangelt es indes immer noch in der AfD, deren Truppen nach außen hin zwar sektenartig zusammenstehen, intern aber zerstritten sind und kaum administrative Fähigkeiten aufweisen. Inzwischen ist Weber genervt von der Unprofessionalität der AfD und tut dies kund. Auf seinem „Blog für Ehrlichkeit“ sind die neuesten Beiträge überschrieben mit: „Amateure für Deutschland? So geht es halt auch gar nicht, liebe AfD!“ oder „Krasse Cancel Culture nun auch im AfD-Umfeld: Referent wurde wegen Kritik an nicht stattgefundener Tagungsvorbereitung des Veranstalters von Rednerliste gestrichen“.

Was war der Auslöser? Von einem AfD-Politiker wurde Weber als Redner bei einem Symposium vom 29. Oktober bis 1. November 2026 in Venedig gebucht. Veranstalter ist die „Sovereignty Foundation“. Präsident dieser Stiftung ist der deutsche AfD-Europaabgeordnete Alexander Sell. Die Stiftung erhält, wie der „Spiegel“ im April berichtete, 1,1 Millionen Euro für das laufende Jahr aus dem EU-Haushalt.

Konferenz mit dreizehn Referenten, nur Männer

Aufmerksamkeit erregt die Stiftung bislang nicht. Auf ihrer Website sind viele Informationen veraltet. Die erste und bislang einzige Pressemitteilung stammt vom Juli 2025, sie hat sieben Sätze und ist auf der Stiftungswebsite mit einem Datum von 2024 versehen. Man mag also konstatieren, Professionalität gehört nicht zur Stärke der „Sovereignty Foundation“. Die Tagung in Venedig sollte wohl der erste hörbare Paukenschlag werden. Und so kam es auch, aber anders, als sich die AfD das vorstellte.

Auf der Website der Konferenz standen zunächst 13 Redner, alles Männer. Einer von ihnen war Weber. Doch was er dort, unter welchem Konferenztitel, in welcher Sprache und in welcher Länge, vortragen sollte, wurde ihm nie mitgeteilt. So machte er seinem Unmut auf der Plattform X Luft: „Das ist einfach nur ein schlechter Witz und mir in 30 Jahren Vortragstätigkeit noch nie passiert. So kann man mit Vortragenden nicht umgehen.“ Daraufhin rief Sell Weber an. Weber berichtet, Sell habe in eiskalter Stimme gesprochen und gesagt: „Sie machen gegen uns auf Twitter Stimmung. Jetzt kann ich Sie nicht mehr einladen.“ Wenige Minuten später verschwand Weber von der Konferenzwebsite. Nun stehen nur noch zwölf Redner darauf, weiterhin ausschließlich Männer.

Zur F.A.Z. sagt Weber: „Ich bin maßlos empört vom Dilettantismus der AfD. Ein Parlamentarier lädt zu einer Konferenz, dann hört man von ihm nichts mehr. Die Konferenzwebsite muss ich als Vortragender erst über ChatGPT finden. Der Tagungsort, eine ehemalige Irrenanstalt auf einer Insel, scheint eine heruntergekommene Herberge zu sein. Was treibt die AfD mit EU-Steuergeld?“ Zunächst fragt man sich, ob Weber nur deshalb mit einer Partei bricht, weil eine Tagungsinformation verschlampt wurde. Doch gegenüber der F.A.Z. sagt Weber, es sei nicht das erste Mal, dass ihm Dilettantismus der AfD auffällt: „Schon zuvor versackten immer wieder Entscheidungen vor der Führungsspitze. Mitarbeiter berichten von schwerfälligen, bürokratischen Strukturen. Ich denke, die sind nicht regierungsfähig. Ich musste meine Meinung über die AfD in den vergangenen Tagen radikal ändern.“

Manche Fans der AfD bei X glauben, Webers Account sei gehackt worden. Warum sonst sollten da Postings gegen die AfD stehen? Ein Bundestagsabgeordneter der Partei versucht auf X vergeblich, ihn zurückzuholen. Andere wenden sich von ihm ab. Währenddessen zelebriert Weber den Bruch mit der blauen Bubble. Er twittert: „Die Rechten entfolgen mir, die Linken kehren wieder.“ Die Reaktionen sind deutlich: „Wenn Linke folgen, hat man sehr vieles falsch gemacht, da kann man nicht stolz drauf sein, dass ist eher peinlich. Was ist auf einmal los?“, oder: „Ich habe Sie mal bewundert. Nun bekomme ich schlechte Laune, wenn ich Zeilen von Ihnen lese.“ Weber präsentiert ein mit KI erstelltes Buchcover: „Mein Ausstieg aus der AfD“ und schreibt dazu: „Ab morgen im gut sortierten Buchhandel.“ Manche Follower verstehen zunächst gar nicht, dass das Buchcover ein Fake ist. Eine Nutzerin schreibt: „Ganz anscheinend ging es Ihnen nie um Aufklärung, sondern nur um: sich selbst.“ Zur F.A.Z. sagt Weber, er habe seine inhaltlichen Positionen nicht geändert, sondern nur seine Bewertung der AfD.

Scherz über einen russischen Geldkoffer

Nun schreibt Weber: Bei den Linken werde man von Symposien gecancelt, „wenn man Vortragsabstracts in nicht-gegenderter Sprache einreicht.“ Wie läuft es im AfD-Dunstkreis? „Da wird man kurzerhand gecancelt, weil man auf X kritisiert, als Vortragender überhaupt nichts über die bevorstehende Tagung erfahren zu haben.“ An der Tagung in Venedig wird Weber nicht teilnehmen. Wohl im Scherz schreibt er auf eine Leserreaktion in seinem Blog, somit könne ihm auch „der neue russische Geldkoffer nicht diskret übergeben werden“.

Man merkt: Wenn Weber einmal in Fahrt ist, hört er nicht auf. Genau das hatte ihn in der AfD so populär gemacht. Kurz darauf legt Weber nach mit einem Text, der folgende Überschrift trägt: „Medienbericht: Von der AfD mitgegründete Europapartei ESN um den Venedig-Desorganisator Alexander Sell soll bereits 2025 eine Million Euro versenkt haben.“ Bei der ESN handelt es sich um die Partei „Europa der Souveränen Nationen“, der auch die AfD angehört. Tatsächlich hatte sie einige Geldmittel nicht ausgegeben und muss diese zurückzahlen. Die F.A.Z. berichtete im Juli, dass das EU-Parlament ein Prüfverfahren gegen die Partei eingeleitet; sie könnte einen Millionenbetrag verlieren.

Schließlich macht Weber noch eine ominöse Ansage auf X: „Ich hätte wirklich große Lust, das GANZE Plagiatsgutachten zu Alice Weidel und die Analyse ihrer Lebenslauf-Lücke zu droppen – nach dem ganzen Bullshit, den mir dieser Club in den vergangenen Wochen angetan hat.“

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