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Lars von Trier wird sechzig : Ein sehr sensibler Hammer

Lars von Trier Bild: Frank Röth

Sein Kino macht keine Gefangenen, vor allem Schöngeister müssen büßen. Dem dänischen Schmutz-, Schund-, Kunst- und Wackelkamerafilmfacharbeiter Lars von Trier zum sechzigsten Geburtstag.

          3 Min.

          Am allerdreckigsten geht es der Besserwisserei in seinen Filmen immer dann, wenn sie ausnahmsweise wirklich mal was besser weiß: Die astronomischen Kenntnisse, auf die sich Kiefer Sutherland als John in „Melancholia“ (2011) gegen die Weltuntergangsmeise seiner Umgebung beruft, sind so solide, dass er sich zur Strafe umbringen muss. Und nicht obwohl, sondern gerade weil der Seelenkundige, den Willem Dafoe in „Antichrist“ (2009) darstellt, mit seiner Traumabewältigungsstrategie der behutsamen Aufarbeitung völlig recht hat, frisst ihn der Film moralisch (wenn schon nicht physisch) ratzeputz auf. Das lebende Lesezeichen schließlich, dem Stellan Skarsgård in „Nymph()maniac“ Gesicht und Haltung leiht, büßt für seine keusche Selbstinszenierung als fußnotenseliger Mietskasernen-Prospero mit dem ihn selbst wie sein vorgesehenes Opfer entwürdigenden Misslingen eines täppischen Vergewaltigungsversuchs, bevor diesen alten Schmierlappen ein Schicksal ereilt, das die Regie nicht mal mehr explizit macht; so wenig Mitleid hat sie mit Büchermenschen.

          Dietmar Dath
          (dda.), Feuilleton

          Wen meint der Regisseur Lars von Trier mit diesen fiesen Karikaturen? Abhängig Beschäftigte in Lebenshilfe-, Lehr- und Vermittlerberufen? Sagen wir: Psychoanalytiker, Literaturprofessorinnen oder am Ende Filmkritiker, die den lieben langen Tag nichts anderes zu tun haben, als mit verworrenem, schöngeistigem Geschwätz von den Vorgängen am Immobilienmarkt, der Bildungsmisere, Merkels Formtief und Hillary Clintons Fracking-Plänen abzulenken? Ob unsereins nun mit den Zeigefingertrotteln in den Werken Lars von Triers tatsächlich direkt gemeint ist oder nicht: Wir, die von Zufalls Gnaden mehr oder weniger Kommentarbefugten, misstrauen ihm jedenfalls und weisen ihm daher gerne immer wieder nach, mit seinem Anspruch darauf, innovatives und kühnes Kino hervorgebracht zu haben, sei’s bei genauerer Betrachtung nicht sonderlich weit her.

          Video-Filmkritik : „Melancholia“

          Ist „Breaking the Waves“ (1996) nicht einfach ein Kitschdrama, „Dogville“ (2003) nicht bloß Stadttheater mit Weltstars, „Antichrist“ etwas Besseres als ein Horrorfilm, die „Europa“-Trilogie – „The Element of Crime“ (1984), „Epidemic“ (1987) und „Europa“ (1991) – eigentlich klüger als typische Science-Fiction? Und was genau reicht an „Dancer in the Dark“ (2000) über ein – zugegeben: ergreifend todtrauriges – Popmusikvideo hinaus?

          Wer Lars von Trier damit abwerten will, der Mann sei gar nicht der Gattungserschütterer, als den ihn die Abwerter paradoxerweise abwechselnd zum Gemoser dann doch immer wieder feiern, sondern erfülle vom Musical bis zum Schauerstück bloß Genrekonventionen, benimmt sich wie der törichte Geliebte, der dem Menschen, der ihn liebt, in einem alten Witz vorhält: „Du willst ja nur meinen Körper!“ und dafür völlig zu Recht die Antwort kassiert: „Was heißt denn hier ,nur‘?“ Man nehme den Menschen ihre Körper, dem Kino seine Genres und sehe zu, wo man dann bleibt.

          In Dänemark, wo Lars von Trier gelernt hat, aus der Schwererziehbarkeit seines bockig empfindsamen Gemüts einen formneugierigen Trotz zu pressen, der ihn spätestens ab der regelförmigen Mittelverarmung des „Dogma“-Manifests dem Rest der Welt interessant machte, hat man für vieles Verständnis – schon seit 1989 werden dort gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften juristisch anerkannt, und energiebewusst, europazugewandt sowie gemäßigt wohlfahrtsstaatlich dachten dort, als von Trier anfing, seine Filme zu drehen, selbst Konservative.

          Trailer : Dogville

          Dass er darauf mit Arbeiten reagierte, die dem liberalen Gemeinwesen, das ihn hervorgebracht hatte, allerlei Heucheleien samt Sauereien zutrauten und in jeder Musternachbarschaft ein Dogville vermuteten, war, sozialästhetisch gesehen, nicht allein sein Recht, sondern seine Pflicht als Repräsentant jener heimatlosen Weltbagage, die der modernen Humanitätsverwaltung per Kunst Scherereien macht, damit diese Verwaltung nicht vergisst, dass sich per Gespräch und Bestechung eben doch nicht alle Probleme dieser Erde wegfrömmeln lassen.

          Heute ist die Gefahr, von etablierten Wohlmeinenden zu Tode umarmt zu werden, eine verblassende Erinnerung – „we’ve got a bigger problem now“, wie die Dead Kennedys schon 1981 sangen, als das ihnen verhasste Hippietum dem Ungeheuer Ronald Reagan weichen musste. Lars von Trier aber reagiert nicht auf sozialpolitische Zeitenwenden, sondern, wie alle Kunstschaffenden mit ein paar Berufsringen um den Bauch, auf die Binnenprobleme seiner Werkspur.

          Das ist in Ordnung, oft sogar immer noch interessant: Wo ihm mal Nachdenklichkeit ins Bild läuft, wirft er sofort tapfer Musik nach ihr, wo sich konventionell-realistische Gesellschaftskritik hervorwagen will, ersäuft er sie in scheeläugig fotografiertem Angeberlicht. Kompromisse mit dem Feind, dem blöden Weltabbildungskrampf der gegenwärtigen Hervorbringungen seines alten Weggefährten Vinterberg etwa, werden nach wie vor nicht gemacht, Gefangene auch nicht, und Ruhepausen sind sowieso verboten: Bevor Lars von Trier sich an einen seiner Einfälle gewöhnen kann, zum Beispiel den, die Künstlichkeit eines Handlungsraums offensiv auszustellen, um damit der Gemütlichkeitsfalle zu entgehen, kippt er den Ansatz auch schon wieder und versucht sich am Gegenteil – imposanten Illusionen von Weltraumnatur, erzwungen mit teurer Computertechnik.

          Soll heißen: Dieser Regisseur schaut nie lange zurück in die eigene Vergangenheit oder die des Kinos, und wenn, dann nur, um sich zu vergewissern, dass da eine Wüste ist, der er entkommen muss, ein Knochenfeld, wo die Überreste von Komödien und Tragödien, Action und Stimmung im unzuverlässigen Licht der Nostalgie bleichen. Heute wird Lars von Trier sechzig Jahre alt.

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