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Video-Filmkritik : Die Insel des vorletzten Tages: Lars von Triers „Melancholia“

Bild: Concorde

Mit „Melancholia“ ist der einstige „Dogma“-Gründer Lars von Trier auf dem Gipfel der Schönheit angekommen. Die Kollision mit einem Planeten wird zum Sinnbild für einen depressiven Seelenzustand.

          Die ersten Augenblicke dieses Films möchte man so, wie sie sind, in ein Museum stellen. Denn schöner können Kinobilder nicht sein: schöner und abgründiger. Da ist ein Schloss, eine Villa am Meer, über der drei Gestirne stehen, hell wie der volle Mond. Die Sonnenuhr im Park zeigt keine Stunde mehr, die Taxushecken werfen doppelte Schatten. Über den unwirklich grünen Rasen schwebt ein kleiner Junge im Festtagsanzug zwischen zwei Frauen.

          Eine davon trägt ein Brautkleid; sie versucht zu rennen, aber dicke, dunkle, meterlange Wollfäden hemmen ihren Schritt. Als sie die Hände hebt, in einem neuen Bild, züngeln bläuliche Flammen aus ihren Fingern. Scharen toter Vögel fallen senkrecht vom Himmel. Ein Rappe bricht sterbend ins Knie. Ein riesiger blauer Planet, ein zweiter Saturn, nähert sich der Erde und verschlingt sie. Und als wäre das alles noch nicht genug, erklingt zu diesen schimmernden Delirien, diesen Stillleben des Weltuntergangs die Ouvertüre aus Wagners "Tristan und Isolde", das Hohelied des Liebestods.

          Vor sieben Jahren sollte Lars von Trier in Bayreuth den "Ring" inszenieren. Dann, plötzlich, stoppte der Regisseur das Projekt: Er fühle sich der Aufgabe nicht gewachsen. Aber Wagner ist, wie man sieht, aus von Triers Kopf nicht verschwunden. Man könnte sogar sagen, dass sein neuer Film "Melancholia" eine verspätete Antwort auf das Angebot aus Bayreuth darstellt. Er zeigt, wie sich der Däne den Sturz von Walhall vorstellt: nicht als Götter-, sondern als Menschheitsdämmerung.

          Die Halle der Gibichungen, bei Lars von Trier ein Landsitz neureicher Spekulanten, fährt zur Hölle, und die Welt fährt mit. Vorher jedoch haben wir sie alle noch einmal gesehen, die Odinssöhne, die keifenden Matronen, die Gierschlünde, die Betrüger, das ganze Repertoire der bürgerlichen Dekadenz. Nur eine Figur passt nicht ins Bild der letzten Tage: die Braut.

          Die luxuriöse Feier wird zum Debakel

          Der Film beginnt, nach dem Prolog, mit ihrer Ankunft. Justine (Kirsten Dunst) und ihr Bräutigam Michael haben für ihr Hochzeitsfest eine Stretchlimousine gemietet, aber das Riesengefährt bleibt in den engen Kurven der Auffahrt zum Seeschloss stecken. Der Abend beginnt mit einem Bild des Scheiterns, und in diesem Zeichen setzt er sich fort.

          Die luxuriöse Feier, die Justines Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg) und ihr Ehemann (Kiefer Sutherland) in ihrem Haus ausgerichtet haben, wird zum Debakel: Die Eltern der Braut (gespielt von Charlotte Rampling und John Hurt) geraten vor den Gästen einander in die Haare, der Bräutigam verpatzt seine Rede, und die Braut selbst beleidigt ihren Arbeitgeber (Stellan Skarsgard), lässt ihren frisch Angetrauten sitzen und hebt auf dem Golfplatz, der das Anwesen umgibt, für den nächstbesten Jüngling ihr Kleid. Als der Morgen graut, ist Justines Zukunft vorbei.

          Enthemmte Parodie auf „Das Fest“

          Man kann diese mit schwankender Handkamera gefilmten Szenen nicht anschauen, ohne an Thomas Vinterbergs Familiendrama "Das Fest" zu denken, mit dem vor dreizehn Jahren die von Vinterberg und von Trier aus der Taufe gehobene "Dogma"-Bewegung begann. Seit Jahren schon leisten Lars von Triers Filme Trauerarbeit um den großen Aufbruch, der nach kurzer Zeit zur filmgeschichtlichen Fußnote erstarrte; aber in "Melancholia" ist seine Wehmut über die gescheiterte Revolte zu beißendem Zynismus gereift.

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