19.05.2009 · Alle hatten erwartet, dass Lars von Trier den Schocker des Festivals von Cannes abliefern würde. Doch „Antichrist“ ist verkünsteltes, aufgeblähtes Genrekino, das Kalauer mit Gruselkitsch mischt.
Von Verena Lueken, CannesMeistens bringt es ja nichts, die Regisseure zu fragen, was sie selbst von ihrem Werk halten. Im Fall von Lars von Triers Wettbewerbsfilm „Antichrist“ aber ist, was er zu sagen hat, doch erhellend: „Wenn ich Koch wäre, wäre das ein Schweinebraten.“ Deftig geht es zu, das kann man sagen. Unsubtil. Und etwas langweilig. Dabei hatten doch alle erwartet, dass von Trier den Schocker des Festivals abliefern würde.
Das Plakat zeigt eine Filmszene: ein kopulierendes Paar auf den Wurzeln eines riesigen Baumes, in denen offenbar auch andere Paare herumliegen, jedenfalls sieht man Hände, Arme, ein Stück Rücken wie aus einem Käfig hervorragen. Und von sich selbst brachte von Trier ein Porträt in Umlauf, das ihn ganz in Schwarz auf einem Sessel sitzend zeigt, den Kopf ins Profil gedreht, zu seinen Füßen ein toter schwarzer Vogel.
Sturz in Superzeitlupe
Sex und Horror also waren versprochen, und mit dem Sex fing es an. Schwarzweiß, nah, pornographisch, immens verlangsamt sehen wir ein Paar erst unter der Dusche, dann im Bett, und parallel zu ihrer anschwellenden Lust wird gezeigt, wie ihr Kind aus dem Bettchen steigt, einen Blick ins Schlafzimmer wirft, die Eltern sieht und hört, sich abwendet, auf den Tisch klettert und aus dem Fenster ins Schneetreiben eher gleitet als stürzt, Superzeitlupe eben.
Getragen wird das von einem Requiem, und dass vom Tisch drei Figuren auf den Boden fallen, die „Schmerz“, „Trauer“ und „Verzweiflung“ heißen, zeigt, was wir noch vor uns haben. Dennoch ist dieser Prolog das Beste am Film. Denn dann folgt in Farbe erst mal eine dreiviertel Stunde Langeweile. Das Paar ist inzwischen in einer Hütte im Wald angekommen, um mit der Trauer fertig zu werden, Eicheln prasseln aufs Dach, ein Reh, aus dem ein halbgeborener Fötus hängt, kreuzt den Weg des Mannes, während die grüne Natur die Frau bedroht, wenn nicht gerade Nebel über den Farnen wabert.
Aufgeblähtes Genrekino
Ein neugeborenes Vögelchen fällt vom Baum und wird sofort von Ameisen skelettiert, ein Wolf, dem die Eingeweide aus dem Bauch hängen, faucht „chaos reigns“, und dann fängt es tatsächlich an zu regnen. Das sind so die Bilder, zwischen Kalauer und Gruselkitsch, immer wieder mit Sexszenen vermischt und mit allem möglichen katholischen Kram, mit Hexengeschichten und dem Satan natürlich. Wobei, wer von Triers Arbeit kennt, nicht überrascht sein wird, dass bei ihm Satan eine Frau ist.
Was der Regisseur da macht, ist verkünstlerischtes, aufgeblähtes Genrekino, das mehr sein will als Genre, und das seine beiden furchtlosen Hauptdarsteller, Willem Dafoe und Charlotte Gainsbourg, ohne guten Grund in einer schauspielerischen Tour de force verheizt. Einzig, dass Lars von Trier nicht mehr Kreidestriche auf den Studioboden zieht und in diesen Kästchen Text aufsagen lässt wie in „Dogville“ und „Manderley“, ist unbedingt zu begrüßen.