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Wiener Vorschau : Stierkampf auf dem Markusplatz

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Wien wartet mit exquisiten Auktionen auf. An zwei Tagen bieten die Auktionshäuser Kinsky und Dorotheum Alte Meister und Werke aus dem 19. Jahrhundert. Eine Blick auf das Angebot.

          Knapp hundert Jahre befand sich die exquisite „Madonna mit Kind und Johannesknaben“ in einer österreichischen Privatsammlung, erst vor kurzem erfuhren die Besitzer, dass es sich um ein Werk von Lucas Cranach d. Ä. handelt: Im Wiener Auktionshaus Kinsky wurde das bisher unbekannte Gemälde mit zwei Gutachten als Werk des Renaissancemeisters identifiziert. Die 76 mal 59 Zentimeter messende, sorgfältig restaurierte Holztafel, von den Experten auf die Zeit um 1512 datiert, gelangt am 24. April zur Auktion.

          Der neuentdeckte Cranach tritt mit einem Schätzwert von 350 000 bis 700 000 Euro an und krönt die Auktion zum 25. Jubiläum des Kinskys. In die Entstehungszeit der Cranach-Madonna fallen wohl auch die fast einen Meter hohen Pendants des heiligen Christophorus und des heiligen Rochus, die der oberitalienische Künstler Francesco de’ Tatti so lebendig ins Bild gesetzt hat (Taxe 60 000/120 000 Euro). Von Lavinia Fontana stammt die „Darbringung im Tempel“, um 1583 entstanden, an der noch viel Einfluss ihres Vaters zu erkennen ist: Ein Fresko von Prospero Fontana für die Bologneser Farnese-Kapelle könnte das Vorbild sein (45 000/90 000). Köstlich rot stechen der Hummer und die Himbeeren aus dem Prunkstillleben von Jan van Kessel d. Ä. hervor, hellblaue Trauben bilden den farblichen Kontrapunkt (50 000/100 000). Ein feines Bouquet im Henkelkorb hält ein Blumenstück von Jan Brueghel d. J. um 1630 bereit (80 000/ 160 000). Bei den Niederländern findet sich auch eine harmonische und detailreiche „Allegorie der Vier Elemente“ von Adriaen van Stalbemt (70 000/140 000).

          Im Dorotheum fallen die beiden Altmeister-Kataloge in diesem Frühjahr wieder dick aus. Das Toplos am 24. April bildet ein von Pieter Brueghel d. J. in Szene gesetztes Trinkgelage, welches das Dreikönigsfest darstellt. Ausgelassen feiert das Volk den „Bohnenkönig“, der durch eine zufällig im Kuchen gefundene Bohne erkoren wird. Das mit vielen satirischen Facetten gespickte Winterbild soll zwischen 700 000 und 900 000 Euro bringen. Zum Spektakel des venezianischen Karnevals entführt der Antwerpener Sebastian Vrancx; kurioserweise findet in der Szenerie auf dem Markusplatz ein Stierkampf statt: Rot gekleidete Akrobaten laufen mit Lanzen auf einen Bullen los, während im Vordergrund adlige Herrschaften parlieren. Es könnte sich um Erzherzog Ferdinand II. von Tirol und Prinz Ferdinand von Bayern handeln, die 1579 in die Serenissima reisten (180 000/220 000). Hoch her geht es auch auf dem Querformat von David Vinckboons, das einen Sankt-Georgs-Kirtag darstellt. Das in pastelligen Tönen und unzähligen Einzelheiten um 1604 geschaffene Bild führt seine Staffage im großen Reigen vor (170 000/200 000).

          Vor einem Jahr konnte das Dorotheum mit einer Hochzeitstruhe einen Volltreffer landen – jetzt soll ein solcher „Cassone“ an den Erfolg anschließen. Die mit Gold und Silber verzierte Truhentafel ziert die Temperamalerei des Florentiner Meisters des Carlo III di Durazzo, der um 1400 die Geschichte von Lukrezia in drei Szenen illustriert hat (180 000/200 000). Die zweithöchste Taxe trägt ein Früchtestillleben von Balthasar van der Ast, das seit den dreißiger Jahren in holländischem Familienbesitz war. Der Maler folgt seinem typischen Chiaroscuro, in dem er die ausgelegten Pfirsiche graugrün von spiegelnden Tellern leuchten lässt (300 000/500 000).

          Unheimlicher Blickfang beim „Ausbruch des Vesuvs“

          Die Malersippe Brueghel ist nicht nur mit dem Spitzenlos im Dorotheum vertreten: Von Jan Brueghel d. J. liegt ein bestens erhaltenes Ölbild einer Landstraße mit Reisenden und Rindern im Vordergrund vor (180 000/240 000) sowie eine leuchtende Winterlandschaft, gemeinsam mit Joos de Momper, durch die Wagen ziehen (120 000/180 000). Von der Renaissancemalerin Sofonisba Anguissola kommt das „Porträt eines Goldschmieds“ zum Aufruf, das einen jungen Mann 1566 stolz mit seinen Pretiosen zeigt (40 000/ 60 000). Auf einer mehr als zwei Meter hohen Leinwand verewigte der Spanier Sebastián Herrera Barnuevo den jungen König Carlos II. von Spanien. Während im Hintergrund eine Schlacht tobt und der Himmel voller schwarzer Wolken hängt, erscheint der blonde Jüngling auf seinem Schimmel als Lichtgestalt (60 000/80 000).

          Zu den attraktivsten Werken des 19. Jahrhunderts, die am 25. April im Dorotheum versteigert werden, zählt „Der Ausbruch des Vesuvs“, den Oswald Achenbach 1890 effektvoll festhielt: Der Blick fällt da auf die Via Ponte della Maddalena, über die die neapolitanische Bevölkerung flieht; ein maskierter Bettler bildet neben dem feuerspuckenden Berg einen unheimlichen Blickfang (150 000/ 200 000). „Die milde Gabe“ heißt ein Genrebild von Ferdinand Georg Waldmüller, das in Wien schon mehrfach zur Auktion kam: Die Darstellung eines armen Alten samt Spenderin tritt nun mit einer Taxe von 150 000 bis 250 000 Euro an; im Jahr 2009 wurde das Werk im Dorotheum noch für 250 000 bis 350 000 Euro angeboten. Das üppige Gruppentableau „Phryne beim Fest des Poseidon in Eleusis“ kommt aus der Werkstatt des polnischen Historienmalers Henryk Siemiradzki. Das 126 mal 225 Zentimeter große Ölbild, gemalt um 1889, mutet wie ein antiker Striptease an (120 000/180 000).

          Unter den Vedutenmalern hat sich Giovanni Grubas im 19. Jahrhundert hervorgetan; im Angebot ist seine Ansicht von Santa Maria della Salute und Punta della Dogana (60 000/80 000). Von Anton Romako, der in Wien gerade mit einer Ausstellung im Leopold Museum gewürdigt wird, stammt das melancholische „Italienische Mädchen“ mit Nelke (25 000/ 35 000). Auch im Kinsky zählt beim 19. Jahrhundert ein Kinderbildnis von Romako zu den Highlights: Die bislang unbekannten „Zwei Kinder mit Schmetterlingsnetz“ hat der Wiener 1873 in Rom geschaffen (50 000/100 000). Und die österreichische Stimmungs-Impressionistin Olga Wisinger-Florian widmet sich in „Aupartie“ um 1897 dem sommerlichen Licht- und Schattenspiel unter Bäumen (45 000/90 000).

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