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Alte Kunst und Moderne : Zustände eines Schlafwandlers

Die Schrecken des Krieges und industrielle Rhein-Romantik: Vorschau auf die Auktionen mit Alter Kunst und Moderne bei Bassenge in Berlin.

          Francisco Goyas Schilderungen unfassbarer Greuel in den „Desastres de la Guerra“ und den „Caprichos“ zählen zu den Spitzenlosen der Versteigerung von Alter und Moderner Kunst, zu der das Berliner Auktionshaus Bassenge vom 29. November bis zum 1. Dezember bittet. Mit 80.000 Euro beziffert sind Goyas, 1863 postum von der Kunstakademie in Madrid herausgebrachte, „Schrecken des Kriegs“ beziffert; 45.000 Euro erbringen sollen die - neben Blättern von Goltzius, Piranesi und Hogarth - aus dem Nachlass des vielseitigen Theatermanns Ivan Nagel eingelieferten „Caprichos“, in der zweiten Auflage von 1855.

          Camilla Blechen

          Freie Autorin im Feuilleton.

          Den Bedarf an Werken von Gerhard Richter bedient Bassenge mit der Offerte des 1962 entstandenen Gemäldes „Rheinhausen“ (Taxe 150.000 Euro): Die in nächtliches Dunkel gehüllte Silhouette des Stahlwerks der Firma Krupp, norddeutschem Privatbesitz entstammend, entging jenem spektakulären Autodafé, dem Anfang der sechziger Jahre eine Vielzahl von Richters frühen Ölbildern zum Opfer fiel.

          Die überraschend aufgetauchte Fabrik am Ufer des Rheins dürfte auf eine motivisch identische Postkarte zurückgehen, die belegt, dass der 1961 von Dresden nach Düsseldorf übergesiedelte Künstler sich entschlossen hatte, nach fotografischen Vorlagen zu arbeiten. Eine kleinformatige Kupfertafel des „Ecce Homo“ vom Manieristen Bartholomäus Spranger soll 35.000 Euro einspielen: 1916 als Teil der Kollektion des Wiener Porträtmalers Friedrich von Amerling im Dorotheum versteigert, verlor sich die Spur der Darstellung des rastenden Christus, bis sie vor kurzem in einer österreichischen Sammlung wiederentdeckt wurde. Der venezianische Barockmaler Antonio Carneo visualisierte das biblische Sujet der Begegnung zwischen dem israelischen Feldherrn Jephtha und seiner todgeweihten Tochter Judith mit theatralischem Impetus (24.000).

          Im Angebot von Druckgraphik des 15. bis 17.Jahrhunderts übernimmt Rembrandt mit einem an die Bathseba des Louvre erinnernden weiblichen Akt die Führung: Schätzpreis 60.000 Euro. Dürers flott galoppierender „Kleiner Kurier“ soll 13.500 Euro einspielen, das „Wappen mit dem Totenkopf“ 10.000 Euro. Mit 60.000 Euro hoch angesetzt ist das Rarissimum eines Kupferstichs nach Hieronymus Boschs verschollenem Triptychon des Jüngsten Gerichts. Lucas van Leydens schwarzweiß gedruckte „Bekehrung des Saulus“ gewinnt durch Kolorierung und Goldhöhung unikaten Charakter, der den Preis von 9000 Euro rechtfertigt.

          Eine „Bucklige“ von Karl Hofer

          Das 19. Jahrhundert bietet zur Schätzung auf 20.000 Euro ein Widmungsexemplar der 1810 in Hamburg erschienenen Farbenlehre Philipp Otto Runges. Für Carl Blechens Radierung „Kloster im Walde“ verlangt man 9000 Euro. Dem Nachlass des Kunsthändlers Ernst Beyeler entstammen zehn Zustandsdrucke von Jean Dubuffets Litho „Le Noctambule“: Die sukzessive Gestaltwerdung des Schlafwandlers, eine museumswürdige Delikatesse, hat mit 60.000 Euro ihren Preis.

          Absolute Marktfrische genießt Emil Noldes aquarelliertes „Bildnis einer blonden Dame im Halbprofil“, eingeliefert aus nordrhein-westfälischem Privatbesitz und für 60.000 Euro abrufbar. Durch zahlreiche Ausstellungen bekannt geworden ist Karl Hofers „Bucklige“ vor der Kulisse kriegszerstörter Häuser (40.000). Paul Klees brillant gedruckter „Seiltänzer“ von 1932 kostet 35.000 Euro, Andy Warhols vierfarbige Serigraphie der vergöttlichten Marilyn Monroe 50.000 Euro. Der rheinische Expressionist Heinrich Campendonk ist mit zwei surreal inspirierten, späten Aquarellen vertreten: Eine mysteriöse „Figur mit Fahrrad“ steht bei 15.000, ein heikles Arrangement mit Leda und dem Schwan bei 18.000 Euro.

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