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Zum Tod von Christo : Eine Verpackungskünstlerehe

  • Aktualisiert am

Christo und Jeanne-Claude. Bild: EPA

Der Verhüllungskünstler Christo ist am Pfingstsonntag im Alter von 84 Jahren gestorben. Seine monumentalen Werke machten ihn weltberühmt. Doch sein Werk wäre nicht entstanden ohne seine verstorbene Frau und Künstlerpartnerin Jeanne-Claude.

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          Der 13. Juni war immer ein besonderer Tag für den Verhüllungskünstler Christo: Der gebürtige Bulgare, der mit vollem Namen Christo Wladimirow Jawaschew hieß, hätte jetzt an diesem Tag seinen 85. Geburtstag gefeiert. Und seine 2009 verstorbene Frau und Künstlerpartnerin Jeanne-Claude war exakt am selben Tag und im selben Jahr geboren wie er. Am Pfingstsonntag aber starb Christo in seiner Wahlheimat New York.

          Auf Twitter unter der offiziellen Adresse „Christo and Jeanne Claude“ wurde nicht nur der Tod des Künstlers bekanntgegeben, sondern auch der Hinweis, dass das Werk weitergehen soll: „Christo und Jeanne-Claude haben immer klargemacht, dass ihre laufenden Kunstprojekte fortgesetzt werden sollen nach ihrem Tod: Das Arc-de-Triomphe-Projekt für Paris ist weiterhin geplant für 18. September bis 3. Oktober 2021.“ Auch hier wieder der Hinweis auf Jeanne-Claude und ihre Bedeutung für Christos Werk: Ihn und Jeanne-Claude Marie Denat, in Casablanca geborene Tochter eines französischen Soldaten, verband über denselben Geburtstag hinaus eine enge Künstlerehe. Sie schufen unzählige weltberühmte Installationen.

          Dabei begann die Liebe der beiden eher ungewöhnlich. Christo zog nach seinem Kunststudium in Sofia und Wien nach Paris. Während die „Porträtmalerei“, die er abwertend als seine Form der „Prostitution“ bezeichnete, ihn finanziell über Wasser hielt, widmete er sich in seiner Freizeit der Arbeit mit Textilien und seinen Verhüllungsideen. 1958 verpackte Christo seine erste Farbdose, die er mit harzgetränkter Leinwand umgab, verschnürte und mit Leim, Firnis, Sand und Autolack behandelte.

          Eine Attraktion, die wegen der Besuchermassen kurzzeitig zum Desaster zu werden drohte: Christos „Floating Piers“ auf dem  Iseosee Bilderstrecke

          Im selben Jahr erhielt Christo einen Auftrag für ein Porträt von Precilda de Guillebon, der Mutter von Jeanne-Claude. Jeanne-Claude und Christo wurden Freunde, zunächst platonisch. Nach einigen Wirrungen heirateten die beiden 1962 gegen den Willen ihrer Eltern.

          In den folgenden Jahren musste das Künstlerpaar für den Lebensunterhalt kämpfen. Von Anfang an finanzierten die beiden ihre kostspieligen Vorhaben durch den Verkauf von Vorzeichnungen, Projektskizzen und Objekten. Sponsorengelder lehnten sie ab.

          1964 zogen sie nach New York. Dort entwickelten sie die ersten großen Verhüllungsprojekte. Die beiden betonten immer wieder, dass hinter jedem Werk ihre Künstlereinheit stehe. Gemeinsam verhüllten sie weltweit Gebäude, Inseln, Bäume und mehr - immer temporär. Stets wurden alle Materialien im Anschluss recycelt.

          Von Beginn an verwirklichten Christo und Jeanne-Claude große Projekte in Deutschland. 1961 verhüllten sie Ölfässer im Kölner Hafen. Drei Jahre später entwarfen sie für die Documenta 1968 in Kassel das „5.600 Cubicmeter Package“, ein 82 Meter langes, mit 6.000 Kilogramm Luft gefülltes und verschnürtes Paket - nach ihren Angaben die größte aufblasbare Skulptur ohne Skelett oder Halterung. Zur 100-Jahr-Feier der Fertigstellung des Kölner Domes 1980 erstellte Christo eine Zeichnung, wie die verhüllte Kathedrale aussehen könnte.

          Das wohl bedeutendste Werk in Deutschland wurde die Verhüllung des Reichstags. Zwei Jahrzehnte zogen sich die Vorverhandlungen hin, bis es 1995 soweit war. Mit der Hilfe von 90 professionellen Kletterern und 120 Mitarbeitern hüllten sie das Berliner Wahrzeichen in rund 100.000 Quadratmeter dickgewebtem Kunststoff und umwickelten das Ganze mit rund fünfzehn Kilometern Seil. Für zwei Wochen ein Besuchermagnet.

          Bis zuletzt führte Christo das gemeinsame Werk fort. 2016 sorgte er am norditalienischen Iseosee für Furore mit einer drei Kilometer langen, schwimmenden und begehbaren Stoffbrücke. Die „Floating Piers“ aus 70.000 Quadratmetern gelbem Stoff wurden von 200.000 schwimmenden Kunststoffklötzen getragen.

          2017 sagte Christo sein Großprojekt „Over The River“ wegen der neuen amerikanischen Regierung ab. „Wir konnten nicht zulassen, dass unser neuer Vermieter, die Regierung Trump, vom Projekt profitiert“, sagte Christo damals. Er wollte den Arkansas River in Colorado auf einer Strecke von sechzig Kilometern auf mehreren Abschnitten mit insgesamt elf Kilometern silbrigem Stoff überspannen.

          Ebenfalls 2017 spendete Christo dem Papst ein Kunstwerk und sammelte damit gut 200.000 Euro für ein Kinderkrankenhaus in der Zentralafrikanischen Republik. Ursprünglich habe der Aktionskünstler die Vatikanischen Museen verhüllen wollen, schrieben Medien damals. Da dies nicht möglich gewesen sei, habe er stattdessen ein DVD-Set über die Vatikanischen Museen verpackt und für den guten Zweck verkauft.

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