https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/nft-kunst-erc-721-steht-auf-platz-1-der-power-100-von-art-review-17661549.html

Krypto-Kunst : Influencer aus der Blockchain

  • -Aktualisiert am

Schwer zu fassen: Wirklich etwas in der Hand haben Besitzer von NFT-Kunstwerken wie etwa der „Cryptopunks“ von Larva Labs nicht, können aber auf die Sammelwut anderer in der Blockchain spekulieren. Bild: Bloomberg

NFT sind die neuen Celebrities im Kulturbetrieb. Kein Wunder, dass Art Review ein Blockchain-Protokoll, das dem boomenden Handel mit den digitalen Token zugrunde liegt, zum einflussreichsten Player in der Szene kürt.

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          Was haben Harry und Meghan, Gerhard Richter und ERC-721 gemeinsam? Sie führen Listen an, auf denen die mächtigsten Mitspieler im Kunst-, Kultur- oder Weltbetrieb versammelt werden. Zum Jahresende, wenn Realität und Projektion beim Rückschauhalten und Wunschzettelschreiben aufeinandertreffen, kann man sich derlei stimmungsvoll zu Gemüte führen.

          Man denke an die „100 Most Influential“ des Time Magazine, das die Sussexes zur Top-„Ikone“ promotete: Einfluss haben heißt Wirbel machen und sich gut verkaufen – durchaus zutreffend in Zeiten der mit Social Media geboosterten Aufmerksamkeitsökonomie. Konservativ geht es im „Kunstkompass“ der Zeitschrift Capital zu, die Gegenwartskünstler nach Resonanz im Kulturbetrieb sortiert: Zum achtzehnten Mal in Folge steht Gerhard Richter oben. Das Magazin Monopol sieht dagegen die Philo­sophin Donna Haraway vorn.

          NFT eröffneten auch ihm ein neues Spielfeld: Damin Hirst mit Arbeiten auf Papier aus seinem Projekt „The Currency“, die vernichtet werden, wenn man die zugehörigen Blockchain-Token kauft.
          NFT eröffneten auch ihm ein neues Spielfeld: Damin Hirst mit Arbeiten auf Papier aus seinem Projekt „The Currency“, die vernichtet werden, wenn man die zugehörigen Blockchain-Token kauft. : Bild: Damien Hirst and Science Ltd. Ph

          Es ist tatsächlich viel in Bewegung geraten in den pandemiegeprägten Monaten. Was Marktpreise angeht, bleiben zwar Jeff Koons und David Hockney top, doch quasi aus dem Nichts rückte Beeple auf den dritten Rang. Seine krude Digitalcollage „Everydays“ erzielte 69 Millionen Dollar bei Christie’s: Kein Mensch würde so viel für eine leicht zu vervielfältigende Bilddatei zahlen. Doch verbunden mit einem Non-Fungible Token (NFT), einer nicht kopierbaren, verschlüsselten Besitzanzeige auf der Blockchain, schloss das Werk die Spekulationswut der Kryptoanhänger mit dem Kunstmarkt kurz – und es knallte. Gezahlt wurde, wie Christie's der New York Times sagte, in Kryptowährung.

          Eine nicht-menschliche Entität gibt den Ton an

          Seither versuchen Auktionshäuser, Galerien, Museen, bildende Künstler, Musiker, Regisseure und natürlich Betrüger ihr Glück mit NFT, verbriefen physische oder digitale Objekte als Eigentum und handeln damit. Es ist ein wahres Beben. Die Art Review hat daraus den Schluss gezogen, dass der Top-Rang auf ihrer gerade veröffentlichten Liste der „Power 100“ ERL-721 gebührt. Die Zeichenfolge steht für die Spezifikation von NFT auf der Blockchain Ethereum, wo Kunst bevorzugt tokenisiert wird.

          2019 stand noch der Direktor des Museum of Modern Art, Glenn D. Lowry, auf Platz eins, 2020 die „Black Lives Matter“-Bewegung. Nun ist erstmals eine nichtmenschliche Entität den humanen Playern voraus. Ist das die nächste Kränkung der von Digitalsystemen kreativ herausgeforderten Menschheit? Ganz so arg ist es nicht: Ein NFT ist nichts weiter als ein Registereintrag, der für etwas steht, an das man glauben muss. Ein immaterielles Konzept aus der Krypto-Finanz.

          Kann sein, dass der Absturz folgt, das Platzen der Blase – die Repräsentation von Eigentum als NFT ist rein virtuell. Aber welcher Rang oder welcher Wert bemisst sich schon an Fassbarem, ob im Feudalismus, der Celebrity-Industrie, der Hochkultur oder nun eben unter Blockchain-Kapitalisten? Ob NFT oder die Sussexes, der Erfolg hängt ab von der Überzeugungskraft auf emotional oder pekuniär Investitionswillige. Im nächsten Jahr werden wir sehen, welche bleibenden Fakten die gerade gehypten Fiktionen schaffen. Die Wunschzettel können geschrieben werden.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

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