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Jahresrückblick : Kulturskandale, die eigentlich keine waren

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Ich salutiere niemandem, außer mir selbst. Jonathan Meese darf Wagners „Parsifal“ bei den Bayreuther Festspielen doch nicht inszenieren. Bild: dpa

Heiß diskutiert wurde auch in diesem Jahr an vielen kulturellen Fronten. Vermeintliche Anlässe gab es genug. Es hätte Kraft gespart zu erkennen, worüber man sich von Anfang an nicht hätte aufregen müssen.

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          1. Rausschmiss von Jonathan Meese bei den Bayreuther Festspielen

          Es gibt Hochkultur und es gibt Unterhaltung, vereinfacht ausgedrückt. Interessant wird es immer dann, wenn jemand aus der Unterhaltungsindustrie – und als solcher galt der Künstler Jonathan Meese aus Gründen der Selbststiliseriung ja immer irgendwie –, wenn also jemand wie Meese rumtrampelt im Vorgarten der Hochkultur. Man war deshalb gespannt, was von Wagners Oper „Parsifal“ übrig bliebe, wenn Meese sie bei den Bayreuther Festspielen 2016 inszenieren würde. Leider wurde er noch im November dieses Jahres entlassen. Die offizielle Begründung lautete, Meese habe das vorgeschriebene Budget überschritten. War das ein Skandal? Nicht wirklich. Im Sattel der Bayreuther Festspiele saß noch niemand so richtig fest. (frei)

          Deutschland Beste? Oder eher: Deutschlands Beste, die das ZDF gerne hätte? Egal, die Ergebnisse braucht ohnehin niemand genau zu kennen.

          2. Umfragemanipulation bei „Deutschlands Beste“

          Wer hält eigentlich noch Ranglisten für relevant? Und damit meinen wir jetzt nicht solch bedeutsame Ranglisten wie diese hier. Wir meinen Listen, die aus Fernsehumfragen hervorgehen sollen, wie etwa „Deutschlands spannendste Seen“ im NDR oder auch „Deutschlands Beste“, für die das ZDF verantwortlich zeichnete. Letztere Umfrage manipulierten Mitarbeiter der öffentlich-rechtlichen Sender derart, dass, nur zum Beispiel, der Journalist Claus Kleber plötzlich „besser“ dastand als, nur zum Beispiel, RTL-Nachrichtenmoderator Peter Kloeppel. Wen aber interessiert das eigentlich? Wollen wir wirklich wissen, ob die Müritzer Seenplatte „spannender“ ist als das „Steinhuder Meer“? Ein kleiner Skandal war die Manipulation der Umfragen natürlich schon. Der eigentliche Skandal aber ist, dass es sie immer noch gibt. (frei)

          Da sahen die Lichter noch gut aus: Die diesjährigen Feierlichkeiten zum Mauerfall in Berlin.

          3. Berliner Mauerfalljubiläumsfeier

          Trotz vieler positiver Stimmen in den Medien wissen wir: Deutschland empfand die Feier zum Mauerfall als enttäuschend-unspektakulär. Die Lichtergrenze war eine super Idee, doch sah sie am Boden besser aus als in der Luft. Der Ärger einiger war groß. Doch bitte, es hätte noch Schlimmeres passieren können: Immerhin sind nicht auch noch David Hasselhoff und die Scorpions aufgetreten. (tota)

          Sind die Autoren hinter diesen Werken allesamt Akademiker? Florian Kessler glaubte es zu wissen.

          4. Arztsohn-Debatte

          An den Schreibschulen wurde die Gegenwartsliteratur-Arztsohn-Debatte, die Florian Kessler Anfang des Jahres in der „Zeit“ losgestoßen hatte, liebevoll #Kesslergate genannt und alle waren ganz aufgeregt. Ein prometheischer Skandal war das, für alle Beteiligten, über den man stets in Ausrufezeichen sprach oder schrieb. Das Problem war nur, dass es für die restliche, nichtliterarische Welt, die – nun, ja – den Großteil der realexistierenden Welt ausmacht, wieder nur eine belanglose Streiterei unter Wichtigtuern war. Kessler lieferte einen guten Text, doch auf einmal sollte skandalisiert werden, was seit Jahrhunderten kulturelle Praxis ist: Akademikerkinder interessieren sich mehr für Literatur als Kinder von Nichtakademikern. (tota; Schreibschüler, Nichtakademikerkind)

          Hat da jemand „Hitler“ gesagt? Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble.

          5. Schäuble vergleicht die russische Annexion der Krim mit Hitlers Annexion des Sudetenlands

          Wenn einer heute irgendwen mit „Hitler“ vergleicht, sollte er Historiker sein, Filmschauspieler oder Komödiant. Sonst wird die Sache so heikel, als betrete man ein Feld, in dem vor lauter Minen keine Erde mehr zu sehen ist. Schäuble ist kein Historiker, sondern Politiker, als solcher zwar auch ein bisschen Schauspieler, aber nicht unbedingt von der witzigsten Sorte. Als er im Frühjahr also die russische Annexion der Krim in eine wie auch immer geartete Beziehung zur Annexion des Sudetenlandes 1938 stellte und sagte: „Das kennen wir alles aus der Geschichte. Mit solchen Methoden hat schon der Hitler das Sudetenland übernommen – und vieles andere mehr“, lief die Ereiferungsmaschinerie heiß. In den Überschriften stand, Schäuble vergleiche Putin mit Hitler, in den Texten, Schäuble vergleiche Russland mit Nazi-Deutschland. Schäuble selbst beteuerte, er habe niemanden mit Hitler vergleichen wollen. Die Aufregung legte sich dann auch bald wieder. Man hätte sie sich gleich für den NSU-Skandal aufheben können. Der nämlich hätte noch viel mehr Empörung verdient. (frei)

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