Susan Chois „Leuchtzeichen“ :
Im Verschweigen vereint

Von
Susanne Klingenstein
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Wer schwimmt, kann Nordkorea entkommen – wie eine der Hauptfiguren in Susan Chois Roman: Szene am Grenzfluss nach China.
Wer schwimmt, kann Nordkorea entkommen – wie eine der Hauptfiguren in Susan Chois Roman: Szene am Grenzfluss nach China.AFP

Susan Choi schafft in ihrem in den USA gefeierten Roman „Leuchtzeichen“ zwei große Leseerlebnisse. Doch die Geschichte zerfällt.

Der Amerikaner Walt, ein Veteran des Koreakriegs, kocht für seine Nachbarin Anne ein koreanisches Abendessen: „‚Man sieht gleich, dass es einem Land nicht gut geht, wenn die immer noch Blätter benutzen, um ihr Essen aufzugreifen‘, bemerkte Anne mit habitueller Gemeinheit … Walt kicherte, während er genau das tat: ‚Es gibt eben bestimmte Gerichte, die man mit der Hand isst. So wie bei uns Burger und Hotdogs. Wenn man sich’s genau überlegt, ist Essen mit den Händen durch und durch amerikanisch, und unserem Land geht’s doch ganz gut.‘“ Sagt Walt.

Susan Choi: „Leuchtzeichen“. Roman
Susan Choi: „Leuchtzeichen“. RomanVerlag

Die habituelle Gemeinheit der drei Hauptfiguren in „Leuchtzeichen“, dem sechsten Roman der Amerikanerin Susan Choi, das tiefe selbst befriedigende und selbst erhöhende Bedürfnis von Vater Seok und Tochter Louisa, die Mutter Anne durch schneidende Bemerkungen zu erniedrigen und fertigzumachen, ist auf den ersten dreihundert Seiten des Romans von solcher Intensität, dass es einem das Atmen erschwert und man sich auf die winzigen Inseln entspannter Güte rettet, die die Autorin in Nebenfiguren wie Walt ihren Lesern gelegentlich bietet. Eines der beiden großen Leseerlebnisse des Romans ist die Wucht dieser kalten, bewusst peinigenden Gemeinheit, die schließlich auch für Anne habituell wird – virtuos dargestellt von Susan Choi und gewandt übersetzt von Tanja Handels und Katharina Martl.

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Aus Frust nach Nordkorea

Das andere Leseerlebnis ist die allmähliche Verdeutlichung der Lebenserfahrung von Koreanern, die während der japanischen Kolonisierung ihrer Heimat (1910 bis 1945) als ökonomische Migranten nach Japan kamen und nach 1945 dann dort blieben. Seok, aus dem in Amerika Serk wird, ist der älteste Sohn einer Familie von „Zainichi“ (in Japan lebenden Koreanern), die als ethnische Minderheit rechtlich und sozial diskriminiert werden. Chois Lektorin muss einen Zusammenhang vermutet haben zwischen Serks unbeugsamer Härte und seiner Kindheit: Sie bat Choi, ein Kindheitskapitel in Japan hinzuzufügen. Das ginge nicht, sagte Choi. „Versuchen Sie es“, sagte die Lektorin. In Amerika ist es so, dass relativ, aber nicht absolut erfolgreiche Autoren sich Empfehlungen ihrer Lektoren eher nicht widersetzen. Doch in dem Kindheitskapitel umschifft Choi die Klippe einer geradlinigen Psychologisierung von Seok. Sie zeigt stattdessen, wie bittere Armut und Marginalisierung als „Zainichi“ dessen Eltern für die Versprechen des Arbeiterparadieses in Nordkorea empfänglich machen.

Während die Eltern sich mit den drei jüngsten Kindern nach Nordkorea absetzen und dort in Arbeitslagern verschwinden, gelingt Seok der Sprung nach Amerika, wo er Mathematik studiert. Er trifft auf Anne, das siebte Kind einer erfolglosen Familie aus dem Mittleren Westen. Sie gebiert mit neunzehn Jahren einen Sohn, dessen Vater sie zwingt, ihm allein das Baby Tobias zu überlassen. Seok (jetzt Serk) und Anne heiraten, weil beide im anderen eine Stärke vermuten. Doch sie verschweigen jeweils dem anderen ihre Familiengeschichte und wer sie selbst eigentlich sind. In dieses Gerüst, das keine Gemeinschaft ist, wird 1968 die gemeinsame Tochter Louisa geboren.

Wer schwimmen kann, behält seine Chance

Serk, der inzwischen an einem kleinen College in Michigan lehrt, was er als Fehlschlag wertet, ist ein obsessiver Vater. Er versucht, seine Tochter vor jeder Gefahr zu schützen. Er wird nicht nur extrem kontrollierend, sondern wertet auch alles ab, was Anne als Louisas Mutter tut. Sie kann nicht so perfekt sein wie er. Denn da sie ihn, einen Gescheiterten, geheiratet hat, muss sie selbst drittklassig sein. Sieht er sich so, weil er es in der japanischen Gesellschaft nicht geschafft hat? Möglich. In dieser privaten Diktatur solidarisiert sich Louisa mit dem Unterdrücker, stellt sich gegen Anne, die allmählich zu Negativität konditioniert wird. Auch ihre Gemeinheit wird habituell.

Als Louisa zehn Jahre alt ist, wird der Vater für ein akademisches Jahr an eine drittklassige Universität nach Japan geschickt, weil er als Zainichi Japanisch spricht. Louisa schickt er völlig unvorbereitet auf eine japanische Schule: „Sink or swim!“ Er erwartet, dass Louisa schwimmt. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Schwimmen ist die zentrale Metapher des Romans. Nur einmal hat Anne sich über Serk hinweggesetzt, als sie Louisa schon als Kleinkind das Schwimmen beibrachte. Serk selbst kann nicht schwimmen. Auch das ist eine Metapher.

In Japan assimiliert sich Louisa sprachlich und sozial, um Distanz zur Mutter aufzubauen, und Serk nimmt heimlich Kontakt mit seiner Schwester Soonja auf, die sich geweigert hatte, mit den Eltern nach Nordkorea zu gehen. Serk und Louisa teilen Anne nichts mit; deren Isolation ist total. Das Versagen von Annes Körper wird nicht ernst genommen, ihre beginnende Multiple Sklerose nicht diagnostiziert. Der japanaffine Tobias taucht auf als zerlumpter Streuner, der in lokalen Klöstern niedrige Arbeiten verrichtet, Anne aber seelisch aufrichtet.

Wenn das Zentrum der Qual verschwindet

Anne, die nicht mehr gehen kann, wartet auf die Rückkehr von Mann und Tochter vom Strand. Sie werden nicht zurückkommen. Louisa wird erschöpft mit Sand im Mund und verrenktem Kinn am Strand gefunden; Serk bleibt verschwunden. Ertrunken, heißt es. Das ist metaphorisch und von der Handlung her die zentrale Szene des Romans: Serk versinkt, Louisa schwimmt. Als Witwe kehrt Anne mit Louisa nach Amerika zurück.

Das enigmatische Geschehen, auf das bereits die erste Seite anspielt, teilt das Buch in zwei Hälften – vor und nach Serk. In der zweiten Hälfte wird das Rätsel des „Versinkens“ gelöst und die weitere Geschichte jener Zainichi erzählt, die wie Serks Eltern freiwillig nach Nordkorea gingen oder – Spoiler-Alarm! – wie Serk dorthin verschleppt wurden.

Damit aber beginnen die strukturellen Probleme des Romans, denn mit Serk verliert diese Familie, die durch das Verschweigen tiefster Geheimnisse zusammengeschweißt worden war, das Zentrum ihrer Qual. Die nächsten zehn Jahre werden auf drei Seiten zusammengefasst, und die Erzählung fährt fort mit Anne, die auf Walt trifft. Das emotionale Zentrum der zweiten Hälfte jedoch ist Serks Erzählung seiner Gefangenschaft in und der Flucht aus Nordkorea. Er rettet sich über einen Fluss nach China.

Es gibt im Weiteren viele sehr gut und sogar witzig erzählte Szenen um Louisa oder Tobias, aber der Roman fällt auseinander und langweilt mit einem forcierten Ende. Als wahres Leuchtzeichen des Buchs ragt aus den Trümmern der Handlung die amerikanische Anne hervor, die Louisa das Schwimmen lehrte.

Susan Choi: „Leuchtzeichen“. Roman.
Aus dem Englischen von Tanja Handels und Katharina Martl. Piper Verlag, München 2026. 576 S., geb., 28,– €.
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