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Plagiatsstreit Setlur/Kraftwerk : An Kreativität denkt mal wieder niemand

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Es geht um eine nur etwa zwei Sekunden lange Rhythmussequenz aus dem Kraftwerk-Lied „Metall auf Metall“ Bild: dpa

Das BGH-Urteil zu dem seit 1997 andauernden Plagiatsstreit zwischen Sabrina Setlur und der Band Kraftwerk hat mit Urheberschaft nichts zu tun. Es nutzt nur den Musikkonzernen.

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          Sabrina Setlur und ihr Produzent Moses P. sind sicher nicht die Sympathieträger der Musikindustrie, aber die nun vorliegende Begründung zum Urteil des seit 1997 andauernden Rechtsstreits um den Song „Nur mir“, der ein Sample des Kraftwerk-Songs „Metall auf Metall“ verwendet, hat Sprengkraft und verunsichert die Kreativen der Musikbranche: Sampling ist teilweise legal, innerhalb schwer zu bewertender Kriterien, aber nicht so wie bei Setlur! Das BGH-Urteil „Metall auf Metall II“ würgt Kreativität nicht nur ab, es enteignet eine ganze Generation und ihre Musikkultur. Kreatives Komponieren folgt nicht den starren Regeln einer realitätsfremden Rechtsprechung.

          Indes kommt das Verbot der Verarbeitung von mikroskopischen Klangschnipseln fremder Werke einer bisher ungekannten Zensur für Urheber gleich. Es beweist ein weiteres Mal, wie weit das Urheberrecht in erster Linie dem Interesse der Unterhaltungsindustrie und ihrer Verbände folgt. Anstatt aus dem Marktversagen neue Wege für die Zukunft einer modernen Kreativindustrie zu entwickeln, wird das Verharren in alten Denkmustern belohnt und das Kompensieren des Umsatzrückgangs durch Abmahnungen riesiger Verlagsrepertoires ermöglicht.

          Dabei sind gerade Original, Bearbeitung, Kopie und Plagiat musikhistorisch gewachsene Begriffe eines fließenden Übergangs, in den sich Sampling als eine der modernsten Kulturtechnologien einreiht. Noch in der klassischen Musik galt das Einflechten von Zitaten und die Bearbeitung in die eigenen Werke als eine besondere Disziplin und Kunstfertigkeit, die erst durch das Aufkommen des kommerziellen Notendruckes reguliert und sanktioniert wurde.

          Popkultur ohne Zitate gibt’s nicht

          Die Orientierung am Prinzip von Angebot und Nachfrage hatte so im siebzehnten Jahrhundert ihren Ursprung. Sie wurde im Zuge der Demokratisierung und Verbreitung durch Massenmedien wie Radio, Fernsehen, CD und Internet immer weiter auf die Produktions- und Vertriebsprozesse großer Oligopole optimiert. Die schöpferische Freiheit hingegen wurde aus vermarktungsrechtlicher Überlegung Schritt für Schritt eingeschränkt, wie jetzt wieder im aktuellen BGH-Urteil.

          Wenn heute aus kleinsten Klangschnipseln (Samples) neue Werke eigener Schöpfungshöhe entstehen, spiegeln Komponisten ihre Gegenwart, den gesellschaftlichen Wandel einer vernetzten Informationsgesellschaft, die im Link und der Indexierung die Beziehung und Verwandtschaft aller Kulturgüter zueinander ausdrückt.

          Ganz pragmatisch und spielerisch entstand Anfang der Achtziger mit dem Sampling eine neue Kultur der Collagenkunst. Der Prä-Industrial von Throbbing Gristle, SPK, Einstürzende Neubauten und Psychic TV experimentierte mit der neuen Technologie, die durch elektronische Bands wie Depeche Mode, OMD, Nine Inch Nails und Young Gods in die Popkultur des Techno von heute getragen wurde. Gangnam Style ohne Sampling ist so undenkbar wie Popkultur ohne Zitate. Undergroundstars des Gothic wie Wumpscut, Front Line Assembly und Skinny Puppy dürfen sich jetzt vor Abmahnanwälten fürchten. Wer sich die Rechte zur Durchsetzung von „dubbed dialogue samples“ sichert, kann eine ganze Musikszene zu Tode klagen, denn die aus Filmen entlehnten Sprachsamples wurden in den allerwenigsten Fällen offiziell lizenziert.

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