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Filmemacher Jamal Joseph : „Die Polizei benimmt sich wie eine Besatzungsarmee“

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Die Vereinigten Staaten sind zur führenden Gefängnisnation aufgestiegen, sagt Jamal Joseph von der Columbia-Universität. Bild: Getty

Jamal Joseph wurde vom inhaftierten „Black Panther“ zum Professor. Ein Gespräch über amerikanische Polizeibrutalität, die Gefängnis-Industrie und eine Renaissance der politischen Protestkultur.

          In Baltimore herrschte jüngst nach dem gewaltsamen Tod eines schwarzen Mannes in Polizeigewahrsam bürgerkriegsähnlicher Aufruhr. Können Sie die wütenden Menschen auf der Straße verstehen?

          Ja, ich kann die sogenannten Krawallmacher verstehen. Martin Luther King Jr. sagte, dass „Krawalle die Stimme der Ungehörten sind“. Armut und Gewalt rauben den Menschen in gewissen Vierteln jede Hoffnung auf eine Zukunft, während sie auf der anderen Seite ihrer Stadt Menschen sehen, die offensichtlich sehr viel bessere Chancen haben. So sieht es heute auch in meiner Heimat Harlem aus: Du überquerst von deinem teuren Eigenheim die Straße und steckst mitten in einem Sozialblock.

          Sind Gewaltausbrüche alles, was den Menschen bleibt? Gibt es heute keine organisierte Bewegung, die sich politisch für die Rechte der armen Afroamerikaner einsetzt?

          Doch, wir haben landesweit eine Bewegung namens „Black Lives Matter“. Ein Ende der Polizeigewalt ist nur eines unserer Anliegen: Schwarze Leben zählen auch dort noch nicht, wo Schwarze nur die schlechtesten Schulen besuchen können, ihre Wohnungen zerfallen und sie nur Jobs im Gefängnis bekommen. Die Cops sind da nur Erfüllungsgehilfen einer Ideologie, die suggeriert: Es ist okay, arme Schwarze zu erschießen, verhungern zu lassen, ihnen medizinische Hilfe zu verweigern.

          Sie zählen gerade dieselben Missstände auf, die schon die Black Panther Party vor 40 Jahren kritisierte.

          Zwei der Gründer der „Black Panther Party“: Bobby Seale (l.) und Huey Newton

          Wir sehen gerade die Wiedergeburt einer nationalen Bewegung angesichts der Probleme, die dieses Land seit der Sklaverei plagen: Polizeigewalt, legale Lynchjustiz, Diskriminierung der Armen. Ob Harry Belafontes gegen Polizeigewalt eintretende „Sankofa“-Vereinigung oder all die Studenten, die Druck auf ihre Universitäten ausüben, kein Geld mehr in die Gefängnisindustrie zu investieren: Sie führen die Arbeit der Black Panther Party fort. Wir patrouillierten damals mit Gewehren und Gesetzbüchern. Aber uns ging es nicht um Krieg. Wir versuchten vielmehr, all das zu organisieren, was der Staat nicht auf die Reihe brachte: Etwa ambulante Gesundheitsfürsorge oder Küchen, die armen Schulkindern täglich ein Frühstück boten.

          Hat sich in Amerika seitdem nichts verändert?

          Die Black-Panther-Gründer Huey Newton und Bobby Seale formulierten vor 49 Jahren ihr Zehn-Punkte-Programm. Und wenn ich es heute lese, stutze ich: Denn es klingt wie eine aktuelle Reaktion auf unsere innenpolitische Situation. Unglücklicherweise ist keiner der Punkte bisher umgesetzt worden. Ein Ende der Polizeibrutalität. Geschworene, die sich aus der Umgebung der Angeklagten rekrutieren. Anständige Wohnungen. Vollwertige Bildung. Die Entlassung unnötig Inhaftierter. In den letzten Jahrzehnten haben wir vielmehr eine Zeit des politischen Schlafs erlebt. Man protestierte nur noch durch das Teilen von Mails. Jetzt merken die Menschen, dass es wichtig ist, physisch zu demonstrieren und nicht nur virtuell, sondern vor Ort zu diskutieren.

          Sie haben als junger Black-Panther-Anführer Polizeibrutalität am eigenen Körper erlebt. Später wurden Sie mit den sogenannten „Panther 21“ unter dem Vorwurf, einen bewaffneten Überfall geplant zu haben, ins Gefängnis gesteckt. Hat sich die Häufigkeit und die Art der Gewalt gegen Schwarze seit den siebziger Jahren verändert?

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