Rechte Kulturpolitik : Die AfD weiß, was sie mit der Kultur vorhat

Museen, Theater, Schulen und Buchhandlungen betrachtet Matthias Helferich als Kampfarenen. Sein Auftritt in Düsseldorf zeigt, wie langfristig der AfD-Politiker denkt und was er sich von Kunst und Kultur verspricht.
Kunst und Kultur, sagt der Redner auf dem Podium des Palais Wittgenstein, seien nicht die Waisenkinder der Politik, Kunst und Kultur seien „lebensnotwendig“. Eigentlich müssten die etwa zweitausend Menschen, die sich an diesem Montagnachmittag aufgemacht haben, um in Düsseldorf für Demokratie, Meinungsfreiheit und die Freiheit von Kunst und Kultur einzutreten, einem solchen Satz Beifall spenden. Aber sie sind gar nicht da, keiner von ihnen sitzt im spärlich besetzten Saal, um dem Vortrag des als rechtsextrem geltenden AfD-Politikers Matthias Helferich zum Thema „Kulturpolitik von rechts“ zu folgen.
Das sei auch nicht nötig, könnte man jetzt einwenden, man wisse mittlerweile nun wirklich genug über die AfD und ihre Ziele. Aber stimmt das auch? Eine Kulturpolitik von rechts, hatte Andreas Karlaganis zu Beginn der Gegenveranstaltung mit dem Titel „Düsseldorfer Kultur für Demokratie“ vor einigen Hundert Teilnehmern gesagt, könne es ebenso wenig geben wie eine von links, denn beides sei mit dem Grundgesetz nicht vereinbar. Es ist zu befürchten, dass sich der Intendant des Düsseldorfer Schauspielhauses noch wundern wird. So wie wir alle.
Die Atmosphäre wurde immer aufgeheizter
Der Düsseldorfer Kreisverband der AfD hatte interessierte Bürger zu einem „Kulturspaziergang“ über die Düsseldorfer Kulturmeile geladen, der am Goethemuseum im Schloss Jägerhof beginnen und mit Helferichs Vortrag im Palais Wittgenstein enden sollte. Gegen siebzehn Uhr steht eine Gruppe von etwa zwanzig bis dreißig Menschen seitlich vor dem Schlosseingang. Bereitschaftspolizisten schirmen das Trüppchen ab. Wer sich ihm nähern will, muss sich erklären. Kurz darauf stoßen Matthias Helferich und Marco Vogt dazu. Vogt, ehemaliges SPD-Mitglied und stellvertretender Kreissprecher der Düsseldorfer AfD, hat ein Megaphon dabei. Es wird ihm nicht viel nutzen.
Dann geht es los. Einsatzkräfte formieren sich zu menschlichen Schutzwällen, zwischen denen die vermeintlich kulturinteressierten Spaziergänger sich vorantasten. Manche von ihnen blicken ungläubig oder ängstlich, andere geradezu stolz auf die zahlreichen Demonstranten, die dicht an dicht ihren Weg säumen und Sprechchöre skandieren: „Nazis raus“ oder auch „Ganz Düsseldorf hasst die AfD“. Vermummte laufen kampfeslustig den menschlichen Schutzwall auf und ab, wie im Rausch, schreiend, gestikulierend, um zu provozieren, wer auch immer sich provozieren lässt. Ab und zu kommt es zu einem kleinen Handgemenge mit den Einsatzkräften, aus dem man sich aber jedes Mal schleunigst wieder zurückzieht. Die Antifa ist jung und schnell auf den Beinen.
Der Lärm ist ohrenbetäubend, die Atmosphäre wird immer aufgeheizter. Gewalt liegt in der Luft, Wut und Hass. Zwischen Nächsten- und Fremdenhass existiere ein unaufgeklärter Zusammenhang, hat Hans Magnus Enzensberger 1993 konstatiert: „Wahrscheinlich ist es nicht die Ausnahme, sondern die Regel, dass der Mensch vernichtet, was er hasst, und das ist gewöhnlich der Rivale auf dem eigenen Territorium. Der verabscheute Andere ist ursprünglich wohl immer der Nachbar.“ Enzensberger stellte seine Überlegungen damals unter den Titel „Aussichten auf den Bürgerkrieg“.
Alles beginnt mit einem Heine-Zitat
Die abgeschirmten Spaziergänger werden jetzt immer öfter von Polizisten oder den an ihren Armbinden erkenntlichen AfD-eigenen Ordnern sanft vorwärts geschoben und zur Eile ermahnt, vor allem aber dazu, aufzuschließen, zusammenzubleiben, nicht den Anschluss zu verlieren. Aber die Reihen, sie sind nicht fest geschlossen. Plötzlich ein kräftiger Stoß von Polizistenhand in die Seite, denn jetzt gilt es, schnell Platz zu machen für ein gutes Dutzend Einsatzkräfte, die im Laufschritt an die Spitze des Zuges eilen. Was mag da los sein? Unter die Handvoll Spaziergänger haben sich ein knappes Dutzend Livestreamer und Videoblogger gemischt, die ihre Mobiltelefone auf Stativen vor sich hertragen und unablässig in ihre Mikrophone sprechen: gemurmelte Monologe mit der Blase, vorgetragen von den neuen Schamanen des Desinformationszeitalters, den Vorfeld-Dealern der Droge Netzaufmerksamkeit.
Der Weg führt am Schauspielhaus vorbei, über eine Einkaufsstraße, vorbei an Kunsthalle und Kunstmuseum. Zwischen dem Rathaus und einer kleinen Gasse, die zum „Haus des Karnevals“ führt, wird es eng. Ein regelrechtes Nadelöhr. Der Zug stockt, es geht nicht mehr weiter. Jetzt sind die Vermummten im Vorteil. Der menschliche Schutzwall der Bereitschaftspolizei wankt, aber er hält stand. Disziplin und Gelassenheit der Polizistinnen und Polizisten sind zu bewundern.
Nach etwas mehr als einer Stunde hat der sogenannte AfD-Rundgang Düsseldorfer Kulturmeile das Palais Wittgenstein erreicht. Es ist ein Ausweichquartier, denn ursprünglich war das Heinrich-Heine-Institut für die Veranstaltung vorgesehen, was für Empörung gesorgt hatte. Man dürfe nicht zulassen, dass die AfD mit Heine einen der größten Söhne der Stadt für sich vereinnahme.

Die Veranstaltung beginnt mit einem Heine-Zitat. Die AfD erkennt eine Vorlage, wenn sie ihr geliefert wird und weiß sie zu nutzen. Ihre Rhetorik ist eine der schlichten Umkehr, des „Argumentum inversum“, mit dem im Handumdrehen aus Tätern Opfer werden und aus der Erinnerungskultur ein „Schuldkult“. Ihr Kampfesmodus ist jener der konsequenten Negation, ihre Ideologie eine Art Retro-Idealismus: das Versprechen der Rückkehr in eine Zeit, in der alles besser war. Wann das war? An jedem Tag der Vergangenheit, wenn er nur weit genug zurückliegt.
Eigentlich habe er einen Parforceritt als Überblick über die Kulturpolitik der Bundesregierung und die Gegenpositionen der AfD bieten wollen, sagt Helferich. Aber Europa brenne: „Linke und Migranten erheben sich gegen das Alte Europa“, das immer mehr von „Gewalt und Bürgerkrieg erfasst“ werde. Nationale Denkmäler würden zerstört, eine „Symbiose von Migranten und Linksradikalen“ finde statt, und die Theorien des Postkolonialismus seien der gemeinsame Nährboden.
Helferich, ein Rechtsanwalt, der aus der CDU ausgeschlossen wurde und ein Ausschlussverfahren der AfD im vergangenen Jahr nicht ohne Mühen abwenden konnte, beruft sich auf zahlreiche vermeintliche Gewährsleute: Joseph Beuys, Sartre und Frantz Fanon, der senegalesische Historiker Tidiane N’Diaye, der ehemalige SPD-Politiker Brodkorb und andere. Er sieht einen „sanften Totalitarismus“ am Werk, der abweichende Meinungen unterdrücke, bezeichnet Nancy Faeser und Ursula von der Leyen als die „neuen Metternichs“ und möchte einen Weg aus dem „postkolonialen Sündenstolz“ weisen: „Das linke Establishment will den Schuldvorwurf gegen das eigene Volk zementieren, um seinen Plan von der Abschaffung unserer aller Heimat durchzusetzen.“
Vor etwa hundert Zuhörern benennt Helferich die wichtigsten Kampfarenen seiner rechten Kulturpolitik: Völkerkundemuseen und Kunstsammlungen, Schauspiel- und Opernhäuser, Schulen, Verlage, Buchhandlungen. Er definiert die Werke rechter Künstler als „Dissidenten-Kunst“ und empfiehlt als Weihnachtsgeschenke rechte Bücher aus rechten Verlagen, gekauft in rechten Buchhandlungen.
Das Volk braucht starke Nerven
Seine Wagenfeld-Lampe will er dem Parteifreund Tillschneider zum Trotz auch künftig nicht ausknipsen, auch das Bauhaus gehört für Helferich zur deutschen Kultur. So geht es eine halbe Stunde lang. Benin-Bronzen und Herero-Aufstand, das „Volksbad“ für schwarze Kinder vor der Berliner Volksbühne und Marina Abramović im Gropius-Bau oder ein postkoloniales Kunstwerk im Leipziger Grassi-Museum: Helferich weiß, wovon er spricht, und er weiß, worum es geht. Den Kulturkampf gegen die Linken, den zu führen die Konservativen jahrzehntelang versäumt hätten, will nun er führen. Er ist siegesgewiss, hält Kunst und Kultur für „sehr, sehr wirksam“ und weiß, dass kulturelle Weichenstellungen über Jahrzehnte hinweg wirksam sein können.
Der Mann, der sich selbst einmal als das „freundliche Gesicht des NS“ bezeichnet hat, wenn auch nur im Scherz, wie er heute sagt, hat einen langen Atem. Mit Konzepten aus der Vergangenheit will er Deutschlands Zukunft gestalten, denn das deutsche Volk soll aus seiner Kunst und Kultur wieder Kraft schöpfen dürfen. Kraft durch Kultur?
KdF, Kraft durch Freude, war der Name der Unterorganisation der „Deutschen Arbeitsfront“, mit der die Nationalsozialisten Leistungsfähigkeit, Nationalstolz und Gemeinschaftsgefühl der Deutschen stärken wollten. Laut Robert Ley, dem Leiter der Deutschen Arbeitsfront, hat Hitler persönlich angeordnet, dass die Deutschen reichlich Gelegenheit zur Erholung erhalten: „Ich wünsche das, weil ich ein nervenstarkes Volk will, denn nur allein mit einem Volk, das seine Nerven behält, kann man wahrhaft große Politik machen“. Zurzeit sieht es allerdings so aus, als bräuchten die Deutschen schon für eine halbwegs ordentliche Politik ziemlich gute Nerven.





