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Vorentscheid im Fall Suhrkamp : Von Richtern und Denkern

Lesen Sie schon oder suchen Sie noch aus? Der Stand des Berliner Suhrkamp Verlags auf der letzten Frankfurter Buchmesse. Bild: Waldner, Amadeus

Eine entscheidende Hürde ist genommen: Die Suhrkamp-Aktiengesellschaft kommt. Der Kampf zwischen Ulla Unseld-Berkéwicz und Hans Barlach geht in eine letzte Runde. Wer gewinnt und wer verliert?

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          Das Konfliktpotential in dieser Auseinandersetzung ist beispiellos, und nicht alle Beteiligten hielten dem immer stand. Da wurden Mediatoren verschlissen, die sich um eine Einigung der Kontrahenten bemühten, und Anwälte ausgetauscht, sofern sie keine Ergebnisse lieferten. Es traten Richter in Berlin und in Frankfurt auf den Plan, die sich mit konkurrierenden Urteilen widersprachen. Zuletzt wurden die höchsten Gerichte des Landes, der Bundesgerichtshof wie das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, in der Sache bemüht: Indem die Verfassungshüter jetzt den Eilantrag einer Einstweiligen Anordnung des Minderheitsgesellschafters Hans Barlach ablehnten - und eine Verfassungsklage von ihm als Gesellschafter gleich mit -, ist der Krieg im Hause Suhrkamp, die spektakulärste Auseinandersetzung im deutschen Verlagswesen der vergangenen Jahrzehnte, vorläufig beendet. Die Erleichterung im Haus ist groß, hört man aus Berlin, denn dieser eminent wichtige Verlag wäre dem Konflikt zuletzt beinahe selbst zum Opfer gefallen.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Mit der jüngsten Entscheidung kann das Insolvenzgericht Charlottenburg nun das von ihm genehmigte Insolvenzverfahren aufheben und den Suhrkamp Verlag von einer Kommandit- in eine Aktiengesellschaft umwandeln. Der Verlag trifft entsprechende Vorbereitungen. Gegen ebendiese Umwandlung hatte Hans Barlach Beschwerde in Karlsruhe einlegen wollen: weil sich der Hamburger Medienunternehmer durch den Insolvenzplan von Suhrkamp nach wie vor in seinen Rechten beschnitten sieht, denn seine Rolle in der Suhrkamp AG wird künftig ebenso geschwächt sein wie die der Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz; beide müssen für diese Lösung Federn lassen. Den obersten Richtern konnte der Neunundfünzigjährige aber nicht überzeugend darlegen, dass er „unmittelbar in eigenen Rechten betroffen sei“. Eine Folgenabwägung wurde in Karlsruhe zu seinen Ungunsten ausgelegt.

          Fordern die höchsten Richter heraus: Ulla Unseld-Berkéwicz, Hans Barlach

          Ergehe die Anordnung, so befanden die Richter, drohe die Umsetzung des Insolvenzplans und damit die beabsichtigte Sanierung des Verlags endgültig zu scheitern. Suhrkamp habe glaubhaft gemacht, dass das Haus bei einer weiteren Verzögerung des Insolvenzplans „spätestens ab dem Monat Juni 2015“ nicht mehr in der Lage wäre, die Verbindlichkeiten zu begleichen. Damit bestand die Gefahr, dass die Rettung des Verlags misslingen oder er gar zerschlagen werde.

          Ein Kampf des Prinzipiellen

          Nun dürfte dem Plan, Suhrkamp in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln, nichts mehr im Weg stehen. Und wenn alles nach Plan läuft, wird die Umwandlung wohl schon Anfang 2015 über die Bühne gehen. Dann ist es nur noch eine Frage von Tagen und Wochen, bis das Insolvenzverfahren beendet und der Verlag im neuen rechtlichen Gewand in eine Zukunft als AG entlassen wird - mit einem vorläufigen Aufsichtsrat, der aus dem Suhrkamp-Autor Hans Magnus Enzensberger, dem FDP-Politiker und einstigen Innenminister Gerhart Baum sowie der Ärztin Marie Warburg bestehen soll. Das vom Verlag benannte Gremium wird als eine der ersten Aufgaben den neuen Vorstand bestimmen.

          Der Kern dieser langjährigen Auseinandersetzung liegt in der Unvereinbarkeit der Charaktere, Temperamente und konträren Zugänge zur Welt. Dass der Bildhauer-Enkel und die Witwe des legendären Suhrkamp-Verlegers Siegfried Unseld nicht dieselbe Sprache sprechen, war immer offensichtlich. Ihr Kampf um den Verlag hatte deshalb zuletzt die Form des Prinzipiellen angenommen. Angesichts der aggressiven Vorgeschichte war eine Verständigung unmöglich.

          Seit Hans Barlach 2006 mit seiner Schweizer Medienholding AG Winterthur in den 1950 von Peter Suhrkamp gegründeten und später von Siegfried Unseld weitergeführten Verlag einstieg, hatte er mit allen Mitteln um die Macht im Haus gekämpft. Von Beginn an stritten die Parteien vor Gericht, unermüdlich überzog Barlach sowohl den Verlag als auch die Geschäftsführer und die von Ulla-Unseld-Berkéwicz geführte Unseld-Familienstiftung (die 61 Prozent am Verlag besitzt) mit zahlreichen Prozessen in Berlin und Frankfurt am Main.

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