Lisa-Marie Koroll :
„Als Frau bewegst du dich in einer Männerwelt einfach anders“

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Lisa-Marie Koroll spielt in „Drive – The Pretenders“ eine junge Mechanikerin, die um ihren Platz im Rennstall kämpft.
Lisa-Marie Koroll spielt in „Drive – The Pretenders“ eine junge Mechanikerin, die um ihren Platz im Rennstall kämpft.Amazon Prime

In „Drive – The Pretenders“ spielt Lisa-Marie Koroll eine Mechanikerin in der Rennsportszene. In dem Film geht es nicht nur um schnelle Autos, sondern um eine gesellschaftspolitische Botschaft, meint die Schauspielerin.

Frau Koroll, Ihr neuer Film „Drive – The Pretenders“ folgt einer Mechanikerin, die sich in der internationalen Rennsportszene durchsetzen will. Wann wussten Sie: Diese Rolle interessiert mich, das will ich drehen?

Ich hatte letztes Jahr im April eine Casting-Einladung dafür bekommen. Zu dieser Zeit war jedoch alles noch vage. Bei derart großen Produktionen kriegt man nicht sofort den Originaltitel oder die Originalnamen der Rollen mitgeteilt, auch das Drehbuch lag mir zu dem Zeitpunkt noch nicht vor. Nichtsdestotrotz hat die Projektmappe meine Neugier geweckt. Ungefähr zu dieser Zeit erschien auch der Trailer des Films „F1“. Mir war klar, wenn man einen Rennsportfilm richtig macht, kann das gelingen.

Wie haben Sie sich auf Ihre Rolle als Rennpilotin vorbereitet?

Es gab für uns alle ein Gokart-Training, genauso verläuft für viele Fahrer auch der Einstieg in den Sport. Wir hatten auch die Möglichkeit, uns ein Rennen am Nürburgring anzuschauen. Dort konnten wir auch einen Racing-Simulator ausprobieren. Hinter das Steuer eines echten DTM-Autos durften wir leider nicht, weil das, ehrlich gesagt, einfach saugefährlich ist. Das Spannende an meiner Figur ist aber, dass sie nicht nur diese Rennfahrerkomponente hat, sondern auch Mechanikerin ist. Mit der „Pit-Crew“ von Mercedes gab es deshalb ein eigenes Training. Allerdings musste ich mir einen sehr entscheidenden Aspekt selber erarbeiten ...

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Inwiefern?

Es gab Schwierigkeiten, eine Mechanikerin bei Mercedes zu finden. Denn die gab es einfach nicht. Schon um zu erfahren, was eine Frau in einer Boxen-Crew im Alltag wahrnimmt oder wie sich ihr Alltag von dem ihrer männlichen Kollegen unterscheidet, wäre das interessant gewesen. Als Frau bewegst du dich in einer Männerwelt einfach anders, das ist ein Fakt.

Um das Thema geht es in „Drive – The Pretenders“ des Öfteren. Wir sehen Sarah Jenkins dabei zu, wie sie versucht, sich in einer Männerdomäne durchzusetzen. Dafür geht sie etwa mit dem Skandalfahrer Dante einen Pakt ein und wird selbst zur Trophäe. Der Film bedient Klischees, bricht sie aber auch zugleich. Was machen Sie aus dieser Ambivalenz?

Das ist interessant, so habe ich Sarah selbst nämlich nie gesehen. Ich habe sie immer als Mitspielerin in einem Spiel betrachtet, als eine Athletin, die auf Augenhöhe mit Dante agiert. Zur Trophäe wird Sarah meiner Meinung nach schon deshalb nicht, weil sie sich weder dazu macht noch machen lässt. Es gibt in meinen Augen viele Szenen im Film, in denen Sarah sehr viel disziplinierter, ambitionierter und professioneller ist als Dante, weil ihr an ihrem Traum so viel liegt. Nichtsdestotrotz ist Sarah nicht nur eine fokussierte Sportlerin, sondern auch ein empathischer Mensch. Und wird trotzdem nie zu Dantes „Spielerfrau“. Wobei allein schon der Begriff sexistisch ist.

Der Film würde den sogenannten Bechdel-Wallace-Test dennoch nicht bestehen, der prüft, wie autonom weibliche Rollen in Filmen wegkommen.

Das stimmt, der Anteil an weiblichen Figuren ist zu gering. Und trotzdem: Sarah ist sehr taff und hat sich ihre Position erarbeitet. Sie ist nicht aufgrund einer Frauenquote zur ersten Mechanikerin im Rennteam geworden. Womit ich hier keinesfalls die Frauenquote kritisieren möchte. Wir können uns leider nach wie vor nicht darauf verlassen, dass Frauen wegen ihrer Leistung in die Positionen kommen, in die sie oft gehören. Wenn und vor allem wie sich eine Frau in einer Männerdomäne bewegt, ist immer auch ein politischer Akt. Ich hätte den Film nicht gemacht, wenn er nur eine Liebesgeschichte gewesen wäre. Mit unserem Regisseur Sergej Moya hatte ich allerdings die Chance, gemeinsam die Rolle zu erarbeiten, um eine moderne, zielstrebige Frau zu erzählen. Mir war das sehr wichtig.

Auch über Ihre Branche liest man zuweilen, dass sie eine Männerdomäne sei.

Sicherlich, und das hat auch seine Gründe. Nach wie vor höre ich von männlichen Kollegen, dass sie besser bezahlt werden. Oder dass Frauen, die Dinge für sich fordern, als schwierig oder zickig abgewertet werden. Ich weiß von Kolleginnen, die für sich eingestanden sind und deshalb jetzt nicht mehr in der Filmbranche arbeiten können. Das kann man schönreden, aber beide Geschlechter erfahren deswegen nicht das Gleiche.

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Der Film reißt gleichzeitig noch eine andere Frage an: Um die fingierte Romanze zwischen Dante und Sarah öffentlich zu machen, wird im Film jeder Schritt der beiden auf Social Media hochgeladen und von Fans und Influencern kommentiert. Sollten wir alle weniger voneinander wissen?

Wäre ich keine Schauspielerin, hätte ich vermutlich keinen Social-Media-Account. Mich faszinieren die Menschen, die davon komplett wegbleiben. Denen fehlt nichts im Leben. Die eigene Reichweite ist aber auch für das Bewerben eines Films ein Bonus. Ich bin das Gesicht für alles, was ich mache. Als ich das erste Mal wirklich PR-Arbeit gemacht habe und wir „Bibi und Tina“ (2014; Anmerkung d. Red.) promotet haben, hatten wir noch zwei oder drei klassische Pressetage. Social Media gehörte aber schon damals dazu, auch wenn es gerade erst anfing. Wenn ich jetzt mit Journalisten und Creatoren spreche, wird das Gespräch häufig nur noch mit dem Handy aufgenommen, damit es direkt als „Reel“ veröffentlicht werden kann. Alles ist viel direkter und augenblicklicher geworden. Man lernt, damit umzugehen. Aber das war ein Prozess. Damals hatte ich das Gefühl, ich sollte das Image von Tina langsam hinter mir lassen. Und auch öffentlich zeigen, dass ich erwachsen werde. Heute entscheide ich viel bewusster, wofür ich meine Reichweite einsetze.

Schrauberkunst: Lisa-Marie Koroll in „Drive - The Pretenders“.
Schrauberkunst: Lisa-Marie Koroll in „Drive - The Pretenders“.Prime Video
Nutzen Sie Social Media auch wegen dieser Erfahrungen nun bewusster? Sie positionieren sich dort jedenfalls auch politisch, haben sich dort zu den Opfern des Hanau-Attentats ebenso geäußert wie zu Collien Fernandes.

Ich habe gemerkt, dass ich eine Reichweite habe, die ich nutzen kann. Der Fall von Collien hat mich zutiefst erschüttert. Gleichzeitig kenne ich leider zu viele Geschichten, in denen Kolleginnen Dinge erlebt haben, die für den Täter keine Konsequenzen hatten. Entweder weil ihnen nicht geglaubt oder keine Beachtung geschenkt wird oder andere Gründe vorgeschoben werden. Wenn Betroffene in den wenigen Fällen Erlebtes öffentlich machen, muss man sich doch auch fragen, was für ein Umfeld solche Erlebnisse möglich macht und deckt. Ich möchte nicht nur jemand sein, die danebensteht und ruhig ist. Als Frau trifft und betrifft mich der „Fall Fernandes“. Was mir aber am wichtigsten ist, ist klarzustellen, dass ein Wandel nicht allein von uns Frauen kommen kann. Wir brauchen dafür auch männliche Kollegen.

Sie haben sich von der Rolle als Tina emanzipiert, aber auch als Schauspielerin. Wie ist Ihnen das gelungen?

Das war zu Beginn meiner Zwanzigerjahre immer wieder schwer. Ich ziehe einen Großteil meines Selbstwerts aus meiner Arbeit. Nach der Corona-Pandemie gab es zwei Jahre, in denen ich fast gar nicht gedreht habe. Ich habe nicht die Castings bekommen, die ich gerne gewollt hätte. Das war eine harte Zeit für mich, in der ich an mir gezweifelt habe und mich gefragt habe, ob die Schauspielerei für mich das Richtige ist. Ich war kurz davor, mich neu zu orientieren und ein Praktikumsjahr einzulegen, um mich auszuprobieren. Ich glaube, vor dieser Sinnkrise stehen alle Schauspieler an einem bestimmten Punkt in ihrer Karriere. Mittlerweile weiß ich aber, was ich mitbringe. Dass ich extrem gut vorbereitet bin, dass ich sehr viel Tiefe und eigene Perspektive einfließen lasse, dass ich eine gute Schauspielerin bin.  Wenig später habe ich die Casting-Anfrage für die ZDF-Serie „Die Düsteren“ bekommen. Und dann folgte „Drive – The Pretenders“.

Es klingt, als nähmen Sie wieder Fahrt auf. Sarah düst in einem roten Corrado-Sport-Coupé durch die Gegend. Was fahren eigentlich Sie? 

Den Corrado zu fahren, hat auf jeden Fall sehr viel Spaß gemacht. Ich habe einerseits meinen NIU-Roller. Das ist meiner Meinung nach ohnehin das beste Fortbewegungsmittel in Berlin. Ansonsten fahre ich seit Kurzem ein Mercedes-Cabriolet, das ist im Sommer natürlich Premium. Früher bin ich ähnlich wie Sarah im Film damit sehr gerne schnell gefahren. Bis ich einmal vor mir einen fatalen Unfall miterlebt habe, bei dem jemand unter einen Lkw gekommen ist. Seitdem fahre ich wie eine Omi. Schneller als 130 oder 140 Stundenkilometer wird es bei mir nicht mehr.

Drive - The Pretenders startet am Mittwoch bei Prime Video.
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