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Silicon Valley : Das Tal der gebrochenen Versprechen

  • -Aktualisiert am

Warren (vorne) betreibt eine Software Firma in einem Bungalow in Palo Alto, nur ein Block von der berühmten Garage von Hewlett-Packard entfernt. Bild: Mary Beth Meehan / „Seeing Silicon Valley“, University of Chicago Press, 2021

Wo ist die Zukunft geblieben? Ein Fotoband zeigt die anderen Gesichter und Geschichten des Silicon Valley.

          5 Min.

          Wer längere Zeit im Silicon Valley lebt, der sieht sie mit zugvogelhafter Regelmäßigkeit: Delegationen aus dem fernen Europa. Gruppen von Ministern, Staatssekretären, verschiedenen Vertretern der Wirtschaft, die etwas desorientiert die wenig imposanten Pilgerstätten entlang der US 101 abklappern: die Universität Stanford, ein paar Firmensitze, einen Start-up-Incubator, danach geht es zurück zum Konsulat in San Francisco. Was genau sie suchen, bleibt mysteriös. Wo sie danach suchen, ist immer ziemlich vorhersagbar.

          Wenn man die Entourage fragt, dann bekommt man etwas in der Art zu hören, dass man sehen wolle, was man vom Valley lernen könnte. Von diesem Valley sehen sie natürlich nur einen winzigen, sorgsam kuratierten Ausschnitt. Und sie wollen vom Valley genau genommen auch nur diesen winzigen Ausschnitt sehen. In ihrem beeindruckenden Fotoband „Seeing Silicon Valley“ konfrontieren die Fotografin Mary Beth Meehan und der Kommunikationswissenschaftler Fred Turner dieses selektive Bild der zukunftsträchtigen, erfolgsverwöhnten Region mit der komplexeren Realität.

          Die Narben des Aufstiegs

          Meehan ist auf Porträtfotografie spezialisiert und lebt sich in den Communitys ein, deren Geschichten ihre Kamera dann sensibel einfängt. Turner, der als Historiker gleich in mehreren Büchern den Aufstieg der Region nachgezeichnet hat, hat Meehan nach Nordkalifornien eingeladen, um das andere Silicon Valley einzufangen. Das Buch, das die beiden jetzt vorstellen, sucht nach den Narben, die der scheinbar unaufhaltsame Aufstieg hinterlassen hat in der Landschaft und ihren Menschen. Das Buch ist zuerst 2018 auf Französisch als „Visages de la Silicon Valley“ erschienen, und das Hauptaugenmerk gilt tatsächlich individuellen Gesichtern und Schicksalen in dieser Region. Die landschaftliche Schönheit der Gegend oder Klischeebilder schrulliger Valley-Nerds sucht man in dieser Physiognomik des Silicon Valley vergeblich. Das Buch, so der Untertitel, will nichts Geringeres als das „Leben in einem auseinanderbrechenden Amerika“ nachzeichnen.

          Gee und Vriginia sind erfolgreiche Unternehmer­ und leben in einer möbellosen Villa in Los Gatos. Bilderstrecke
          Gesichter des Silicon Valley : Von Not, Sorgen und Perspektivlosigkeit

          Wahrscheinlich ist das Buch daher auch zuerst in Europa erschienen und kommt erst jetzt in den USA heraus, denn dass das Silicon Valley Schattenseiten hat, ist ja keine Neuigkeit. Aber Meehan und Turner konfrontieren uns auch mit der Frage, warum wir uns so bereitwillig mit Ausschnitten zufriedengeben. Ihre Frage ist nicht, was die Außenwelt fälschlicherweise im Silicon Valley sieht, sondern was sie partout in ihm sehen will. Die wenigen Firmensitze, die wenigen Villen, die darin vorkommen, wirken umso substanzloser, weil sie umgeben sind von den so viel dynamischeren Gesichtern und Geschichten der Vergessenen des Silicon Valley. Wie ungewohnt diese Bilder trotzdem sind, das zeigt wohl, wie bereitwillig wir uns alle haben abspeisen lassen mit der etablierten Ikonographie dieser Region.

          Insignien der Obdachlosigkeit

          Es geht diesen Bildern allerdings weniger um Entlarvung als um Entgrenzung. Meehans Silicon Valley konfrontiert die Bilder, die wir mit den Technologiefirmen assoziieren – die Richtfeste für schicke Firmensitze, die luxuriösen Villen, die teuren Teslas –, mit Motiven, die dem diametral entgegengesetzt sind. Meehans Bilder widmen sich nicht der Armut an sich, sondern zeigen Not, Sorgen und Perspektivlosigkeit, die nicht nur parallel laufen zu den prophetischen Versprechen der Unternehmen, sondern diese überhaupt erst möglich machen.

          Den Irak-Veteranen Cristobal zum Beispiel lichtet Meehan in seiner kleinen Hütte in einem Garten in Mountain View ab – und nicht vor dem Firmensitz von Facebook, vor dem er tagtäglich den Verkehr regelt. Elizabeth, die für eines der großen Tech-Unternehmen arbeitet, aber gleichzeitig obdachlos ist, fotografiert Meehan in der Natur vor dem weiten kalifornischen Himmel. Wohnmobil und Zelt, Insignien der Obdachlosigkeit, denen die megareichen Städte des Silicon Valley seit Jahren unbarmherzig den Kampf ansagen, stehen dezent im Hintergrund. Der Fokus liegt auf diesen Menschen und ihrem Leben, nicht auf dem obszönen Reichtum, den sie demaskieren.

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