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Autobiographie von Ai Weiwei : Wie man ein Ich erkämpft

Ai Weiwei 1995 mit seinem Vater, dem Dichter Ai Qing, in ihrem Pekinger Haus Bild: Penguin Verlag

In seinen beeindruckenden Erinnerungen schildert der chinesische Künstler Ai Weiwei die Erfahrungen, die ihn vom westlichen Blickwinkel trennen.

          6 Min.

          Bevor Ai Weiwei nach Europa kam, galt er als unser Mann in China: nicht nur als Vertreter der westlichen Werte, sondern auch als lebender Beweis der Annahme, dass die sogenannte zeitgenössische Kunst, die eine Kunst der westlichen oder wenigstens westlich dominierten Welt ist, nun auch China umfasse. In seinen gerade in vierzehn Sprachen gleichzeitig veröffentlichten Memoiren verrät Ai Weiwei, wie sich dieser Anspruch von seiner Seite her ausnahm, und nennt dafür ein symbolisches Datum: den 23. Mai 2006, zufälligerweise der Tag, an dem genau 64 Jahre zuvor Mao verkündet hatte, die Kunst müsse den Volksmassen dienen und damit der Partei, die als deren Sprecher auftritt.

          Mark Siemons
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Nun aber hielten zwei Busse mit mehr als siebzig Sammlern, Museumsbeiräten und Stiftungsräten, die das New Yorker Museum of Modern Art nach Peking gebracht hatte, auch vor Ai Weiweis Atelier. Ai schildert den Besuch als eine Art Besitzergreifung, wie die elegant gekleideten Herrschaften da „gemütlich“ über den Rasen flanierten, wobei sie, ohne dass sie das wussten, von vier in den Ecken des Hofs versteckten Überwachungskameras aufgenommen wurden. Damals sei er für China-Reisende aus der westlichen Kunstwelt zu einer Attraktion wie die Terrakotta-Armee geworden, und auch wenn er die Gäste meistens empfing, sei er sich „der Andersartigkeit unserer jeweiligen Erfahrungen und der unterschiedlichen Blickwinkel, die uns trennten, zutiefst bewusst“ gewesen.

          Umformung der Gedanken

          Dass die Widerspenstigkeit des Künstlers, seitdem er in Europa lebt, nicht mehr so gut ankommt, hat womöglich viel mit dieser nicht eingestandenen Erfahrungskluft zu tun, die verhindert, ihn aus seinen eigenen Bedingungen heraus zu verstehen und nicht bloß als Stellvertreter einer kollektiven Selbstbestätigung. Das Großartige an der Autobiographie Ais ist, dass sie es schafft, diesen blinden Fleck aufzuhellen, dass sie bewusst zu machen vermag, welche Art Erfahrung da in den vermeintlich globalen Kunstkosmos hineinragt, ohne von ihm aufgesogen oder neutralisiert werden zu können – nicht durch großflächige Behauptungen und auch nicht bloß durch die Schilderung der geschichtlichen Rahmenbedingungen, unter denen sich das Leben seiner Familie abspielte, Bedingungen, die vom Bürgerkrieg bis zur Kulturrevolution ja auch im Westen nicht unbekannt sind. Was das Buch so besonders macht, ist vielmehr seine Fähigkeit, den Geruch und die Farbe, gewissermaßen das emotionale Substrat eines Lebensabschnitts oder eines historischen Augenblicks in einer knappen lakonischen Wendung festzuhalten.

          Der chinesische Künstler Ai Weiwei
          Der chinesische Künstler Ai Weiwei : Bild: Getty

          Als im Mai 1967 sein Vater nach zehn Jahren Verbannung in eine noch abgelegenere paramilitärische Produktionseinheit am Rande der Wüste von Xinjiang verschickt werden sollte, hatte die Mutter keine Kraft mehr, mitzugehen; mit dem kleinen Bruder kehrte sie nach Peking zurück. Ai Weiwei, der damals zehn Jahre alt war, erinnert sich daran so: „Ich blieb stumm, weder verabschiedete ich mich, noch fragte ich, ob sie zurückkehren würde. Ich weiß nicht mehr, wie lange es dauerte, bis sie aus dem Blick verschwanden, als wir aufbrachen. Für mich war bleiben nicht anders als gehen; wie auch immer, es war nicht an uns, das zu entscheiden.“

          Es begann eine Zeit, in der er mit dem immer gründlicher gedemütigten Vater allein war, der ihm zeitlebens fremd bleiben sollte. Erst viele Jahre später, als er 2011 selber an einem geheimen Ort von der Polizei gefangen gehalten wurde, fasste Ai den Entschluss, sich über den Vater und die Erfahrungen des eigenen Lebens klarer zu werden, damit nicht auch sein damals zwei Jahre alter Sohn ihn jemals für fremd halten müsste. Schon eingangs stellt er heraus, dass dieses Sich-Erinnern in China eine Mühe verlangt, die fast einem Akt des Widerstands gleichkommt: „In der Ära, in der ich aufwuchs, setzte uns die ideologische Indoktrinierung einem intensiven, alles durchdringenden Licht aus, das unsere Erinnerungen wie Schatten verschwinden ließ.“

          So durchsetzt er die Erinnerungsbruchstücke aus der Verbannungszeit, die bis zu seinem siebzehnten Lebensjahr andauerte, mit der Rekonstruktion der 47 Jahre im Leben des Vaters, die seiner Geburt vorausgingen. Ai Qing war in der frühen Volksrepublik ein berühmter Dichter, der den rebellischen Geist und die Hoffnungen der jungen Generation nach dem Untergang des Kaiserreichs verkörperte. 1910 geboren, löste er sich innerlich früh vom Vater, ging nach Paris, verehrte Apollinaire und Majakowski, wurde in Schanghai 1932 als Mitglied der „Liga linker Schriftsteller“ verhaftet und landete nach unruhigen Jahren mit wechselnden Arbeitsstellen und Familienkonstellationen schließlich in Yan’an, das bis 1948 die politische und militärische Bastion der Kommunisten war.

          Dort stieß seine ungebärdige, auf die Autonomie der Kunst pochende Haltung bald mit den immer offener auftretenden Ansprüchen der Partei zusammen, deren Mitglied er wurde. „Ich bin loyal gegenüber der Epoche, opfere mich ihr“, schrieb er Ende 1941 in einem Gedicht, „und bleibe doch stumm.“ Er spürte, dass seine literarische Kraft versiegte, was ihm die Partei dann wiederum zum Vorwurf machte.

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          1957, kurz nach der Geburt Ai Weiweis, holte den inzwischen geehrten und auch international von Kollegen wie Pablo Neruda anerkannten Schriftsteller die Disziplinierung von Yan’an wieder ein, als er selber zu einem Opfer der von Mao initiierten Kampagne gegen Rechtsabweichler wurde und zur „Umformung der Gedanken“ in die nordwestlichste Ecke Chinas verbannt wurde; in der Kulturrevolution musste er dann zehn Jahre später in ein Erdloch in Xinjiang umziehen. Ai Weiwei hält die Momente der Erniedrigung mit äußerster Kühle fest, was das Grauen, das sie auslöste, nur um so intensiver fühlbar macht.

          Der Vater musste bei den Mahlzeiten am Eingang des Speisesaals stehen, auf eine alte Waschschüssel schlagen und verkünden, dass er ein Rechter sei. „Unser Leben war eine Bühne“, schreibt Ai Weiwei, „auf der alle automatisch die ihnen zugewiesenen Rollen spielten: Tauchte Vater einmal nicht an seinem üblichen Platz am Saaleingang auf, so könnte das heißen, dass sich ein größeres Unglück anbahnte, und die Leute werden nervös.“

          Lebt in der Fülle

          Am meisten frappiert, dass ausgerechnet die traumatischsten Erlebnisse auf den Jungen einen paradoxen Effekt zu haben schienen. Nachdem die Roten Garden ihre Behausung gestürmt hatten, musste Ai Weiwei seinem Vater dabei helfen, die geliebten Bücher zu verbrennen: „In dem Moment, als sie zu Asche wurden“, erinnert er sich, „erfasste mich eine seltsame Kraft. Von da an sollte diese Kraft nach und nach ihre Kontrolle über meinen Körper und Verstand ausweiten, bis sie zu einer Form heranreifte, die selbst der stärkste Gegner als einschüchternd empfinden sollte.“

          Diese Kraft wird dann zum beherrschenden Leitmotiv der Memoiren. Gerade ihr ruhiger, ungerührter Ton, der sich so sehr vom oft provokativen Stil Ais späterer Interventionen unterscheidet, lässt den Quellen seines Künstler-Aktivismus in diesem frühen Erleben ohnmächtiger Passivität nachspüren. „Die Entfremdung und Feindseligkeit, denen wir von den Menschen um uns begegneten“, heißt es an einer Stelle, „ließen in mir ein klares Bewusstsein entstehen, wer ich war, und prägten mein Urteil darüber, wie gesellschaftliche Stellungen entstehen.“

          Dort hat wohl auch seine Aversion dagegen, eingeordnet zu werden, ihren Ursprung – eine Aversion, die er auch in Deutschland zum Ausdruck brachte, ohne Rücksicht darauf, dass ihn das viele Sympathien kostete. Die Auf- und Abwertungen aus vermeintlich gesicherten gesellschaftlichen Stellungen heraus erscheinen ihm angesichts seiner frühen Erfahrungen geradezu verächtlich. „Ihr, die ihr lebt, lebt in der Fülle, / hofft nicht, dass die Erde Erinnerung bewahrt“ zitiert er als Prolog ein Gedicht seines Vaters. Und den jungen Pekinger Künstlern, die in den Neunzigerjahren seinen Rat suchten, sagte er immer nur eines: „Sie sollten sich nicht bemühen, anderen Menschen zu gefallen, sondern sich nur darauf konzentrieren, ihre Energie zu bewahren.“

          Als Ai Weiwei nach zwölf Jahren in New York, wo er sich als Straßenmaler verdingte und Marcel Duchamp für sich entdeckte, ohne genaue Vorstellungen nach Peking zurückkehrte, spürte er erst, als er auf dem Platz des Himmlischen Friedens seinen ausgestreckten Mittelfinger fotografierte, dass er zu Hause angekommen war: „Diese unmissverständlich höhnische Geste war meine Art, die Existenz meines Ichs zu bestätigen. Mein Foto war weniger ein Kunstwerk als ein Manifest aus dem Stegreif, aber es war hart erkämpft.“

          Zur gleichen Zeit hatte er im Pekinger Antiquitätenviertel unverhofft einen neuen Kontinent für sich entdeckt: In jeder Axt oder Vase aus alten chinesischen Dynastien, auf die er dort stieß, fand er „eine moralische Ordnung und Sinn für Schönheit“, die dann zusammen mit den frühen Erfahrungen und der in New York erworbenen Konzeptkunst-Kompetenz zu der Ai-Weiwei-Kunst gerann, die bald Aufsehen erregen sollte. Die Konfrontation mit dem autoritären chinesischen Staat war für diese Art Kunst, die sich dem Leben stellen will, unausweichlich, vor allem seitdem sie auch das Internet als Medium nutzte; sie brachte ihm schließlich den Geheimarrest ein, dessen Verhöre das Buch minutiös protokolliert. Ansonsten verschmelzen im zweiten Teil die Erinnerungen weitgehend mit der öffentlichen Figur, wie sie im Westen schon gut bekannt ist.

          Eingearbeitet in das Buch ist auch Kunst: feinziselierte Zeichnungen, in denen Ai Weiwei eigene Werke und andere Gegenstände der Erinnerung abbildet – die Latrinen zum Beispiel, die der Vater in seiner Verbannungszeit säubern musste, oder die Abhörgeräte, die Ai in seinem Pekinger Atelier gefunden hat. In ihrer täuschenden Harmlosigkeit sind diese Zeichnungen eine weitere Variation zum Thema Erfahrung als Widerstand, eine Art Readymade der Erinnerung.

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