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Bücher über Irmgard Keun : So mit Beinen und viel Haut um sich

Idealbild der neuen Frau aus der Weimarer Republik: Irmgard Keun, fotografiert um 1932. Bild: Abb. a. d. bspr. B.

Einmal Bildband, einmal Briefausgabe: Michael Bienert erweist sich mit über „Man lebt von einem Tag zum andern“ und „Das kunstseidene Berlin“, zwei ihr gewidmeten Büchern, als idealer Nachlebenverwalter von Irmgard Keun.

          5 Min.

          Geboren wurde Irmgard Keun 1905, in eine wohlhabende gutbürgerliche Familie in Char­lottenburg, das damals noch nicht ins große Berlin eingegliedert war. Im Jahr 1913 zieht die Familie nach Köln um, weil der Vater dort Teilhaber einer Raffinerie wird. Nach dem Abschluss an einem Mädchenlyzeum arbeitet sie zunächst als Stenotypistin; sie will eigentlich Schauspielerin werden, was nicht gut gelingt, und wendet sich dem Schreiben zu. Im Jahr 1931 kehrt sie nach Berlin zurück, um ihr Glück in der Metropole zu suchen – wie die Heldin ihres ersten Romans „Gilgi, eine von uns“, der Keun im selben Jahr als gänzlich unbekannter Autorin einen Überraschungserfolg beschert hat.

          Rose-Maria Gropp
          Redakteurin im Feuilleton.

          Es war dann in den Siebzigern, als Irmgard Keuns zwei frühe Romane, eben „Gilgi“ und „Das kunstseidene Mädchen“ von 1932, geradezu euphorisch wiederentdeckt wurden. Dass sie fortan in den germanistischen Seminaren der Universitäten durchgenommen wurden, verdankte sich nicht zuletzt dem neuen Feminismus, wie etwa auch das wiedererwachte Interesse an den Werken von Marieluise Fleißer. Damals lag hinter Keun ein steiniger Lebensweg, der sie zudem von 1966 bis 1972, vor allem wegen ihrer Alkoholsucht schon als junge Frau, in eine psychiatrische Klinik geführt hatte; danach lebte sie bis zu ihrem Tod 1982 wieder in Köln.

          Mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten hatten die existenzbedrohlichen Probleme für sie begonnen, ihre Bücher wurden verboten. Sie war keine Jüdin, ihre Publikationen missfielen aber dem braunen Regime, dem sie couragiert entgegentrat; ihr Aufnahmeantrag in die Reichsschrifttumskammer wurde abgelehnt.

          Irmgard Keun: „Man lebt von einem Tag zum andern“. Briefe 1935–1948. Hrsg. von Michael Bienert. Quintus Verlag, Berlin 2021. 176 S., geb., 24,– €.
          Irmgard Keun: „Man lebt von einem Tag zum andern“. Briefe 1935–1948. Hrsg. von Michael Bienert. Quintus Verlag, Berlin 2021. 176 S., geb., 24,– €. : Bild: Quintus Verlag

          Keun flüchtete sich 1936 ins belgische Ostende, wo ein Kreis von Exilanten sie aufnahm, zu dem Hermann Kesten, ­Stefan Zweig und Joseph Roth, der ihr Geliebter wurde, gehörten. Den Krieg überlebte sie als Untergetauchte in Deutschland, mit gefälschtem Pass und geschützt durch eine Falschmeldung in der Presse über ihren angeblichen Tod. Danach konnte sie nicht mehr Tritt fassen und kaum an alte Verbindungen anknüpfen, ihre weiteren Bücher blieben beinahe unbeachtet.

          Als Ideal der Zwanzigerjahre

          Mit ihren Protagonistinnen Gilgi und Doris, dem „kunstseidenen Mädchen“, schuf Irmgard Keun zwei Vertreterinnen der viel beschworenen neuen Frau, wie sie die Zwanzigerjahre als Ideal entworfen hatten. Immer wieder ist auf deren Modernität, ihr Selbstbewusstsein verwiesen worden. Das ist allerdings bloß die halbe Wahrheit. Denn diese Einschätzung lässt die harten privaten wie beruflichen Niederlagen außer Acht, im Ringen um Eigenständigkeit, soziale Anerkennung und gesellschaftlichen Aufstieg. Beide werden Gilgi und Doris brutal ausgebremst in ihren Illusionen, scheitern an ihren Glücksvorstellungen. Sie sind als Identifikationsfiguren vielfach gebrochen. In dem schon 1980 erschienenen Essayband „Die Fröste der Freiheit“, der ein Zitat von Marieluise Fleißer aufnimmt, hat Gisela von Wy­socki über die Doppelgesichtigkeit jener Emanzipation geschrieben: „Denn die Befreiung der Frau zur weiblichen An­gestellten, die sich jetzt vorbereitet, gibt dem Leben eher einen dürftigen, vor allem funktionalen Zuschnitt.“ Das ist die andere Seite des Versuchs, sich aus der Abhängigkeit von den Männern zu befreien, aus eigener Kraft den erstrebten sozialen Ort zu finden.

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          Irmgard Keun, damals selbst nur wenig älter als ihre Protagonistinnen – sie machte sich fünf Jahre jünger, die längste Zeit galt 1910 als ihr Geburtsjahr –, hat dafür eine starke Sprache gefunden. Es ist ihr kühner kühler Stil, der sie als Autorin auszeichnet, der den hohen Reiz in den frühen Büchern ausmacht. Das reiht sie gegen Ende der Weimarer Zeit ein unter die „Asphaltliteraten“ – zunächst eine denunziatorische Be­zeichnung der Nationalsozialisten –, neben einem Alfred Döblin oder Erich Kästner. Mit gleich zwei Bänden, die Michael Bienert nun Irmgard Keun widmet, hat er genau diese Verletzlichkeit und Gebrochenheit, aber auch Widersetzlichkeit aufgespürt und erlebbar gemacht. Er folgt Keun mit Verständnis und erkennbarer Zuneigung, dabei keineswegs kritiklos.

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