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Verleihung des „Goldenen Pick“ : Zeitreisende kennen keinen Schmerz

Bild: Chicken House / F.A.Z.

Was verpasst einer, der nicht scheitern kann? Diese Frage beantwortet Andreas Schulze in seinem Debütroman, für den er jetzt in Leipzig den von der F.A.Z. mitausgelobten Kinderbuchpreis „Goldener Pick“ erhielt. Die Laudatio mit Leseprobe.

          Es gibt Menschen, die tänzeln durchs Leben. Wo andere stolpern, umgehen sie elegant jedes Hindernis, sie finden das passende Worte, wo andere stammeln, und wenn sie sich doch einmal aufs Glatteis begeben, fahren sie die schönsten Pirouetten. Sie werden angestaunt oder beneidet, und nichts ist natürlicher als die Frage, die sie unweigerlich auf sich ziehen: Wie machen sie das bloß?

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Andreas Schulze, der Autor, den wir heute hier auszeichnen dürfen, findet in seinem Romanmanuskript „Herr Osterstag macht Geräusche“ auf diese Frage eine überraschende Antwort. Seine Glückskinder haben die Gabe, knapp zehn Sekunden rückwärts durch die Zeit zu springen. Begehen sie eine Ungeschicklichkeit, genügt ein solcher Zeitsprung, und der Fehler ist ausgemerzt. Müssen sie einen Schlag hinnehmen, ist er im Nu ungeschehen gemacht. Und wer mit dieser Gabe vor dem Fernsehen bei einer Quiz-Show sitzt, kennt die Antwort auf jede Frage – er muss nur abwarten, bis die Lösung kommt, und dann zehn Sekunden zurückspringen.

          Natürlich ist das ein hübscher Grundeinfall für einen Roman, und Andreas Schulze entwickelt daraus mit großer Souveränität ein ansprechendes Handlungsgerüst. Da ist ein betagtes Geschwisterpaar, das die eigene entsprechende Begabung einst beim großen Luftangriff auf Dresden entdeckte und seither ähnlich talentierte Zeitspringer in aller Welt sucht. Ihr Gegenspieler ist ein japanischer Forscher, der das Geheimnis auf seine Weise zu ergründen sucht. Da ist die „Echo“ genannte Künstlerin aus Paris, die ihre eigene Begabung zum Zeitspringen nicht weiter erforscht wissen will und schon gar keine Verpflichtung daraus ableiten möchte, die Welt zu verbessern. Und da ist schließlich der junge Julian Ostertag, der in all das hineingezogen wird, obwohl er doch eigentlich nur mit dem Skateboard weiter seine riskanten Runden drehen möchte.

          Andreas Schulze bei der Preisverleihung in Leipzig mit Anja Kemmerzell von Chicken House

          Riskant? Für jemanden, der jeden Sturz, jede Verletzung in Sekundenschnelle ungeschehen machen kann, ist dieser Sport natürlich alles andere als gefährlich. Und exakt hieraus entwickelt Andreas Schulze seine zweite Ebene, indem er fragt: Was entgeht eigentlich einem, der praktisch unverletzlich durchs Leben geht, der nicht zu überraschen ist, der keine Konsequenzen zu befürchten hat für das, was er tut und lässt?

          In einer wundervollen Szene betritt Julian wieder einmal eine Skateboardbahn, begleitet von der älteren Forscherin Emily. Die Schienbeinschützer, die sie ihm hinhält, weist er hochmütig zurück. Allerdings trägt er auf ihre Bitte hin ein hellblau schimmerndes Armband. Was er nicht weiß: Das Metall hat die Eigenschaft, Julians Gabe des Zeitspringens zeitweilig zu eliminieren. Und der erstaunte Junge erlebt nun zum ersten Mal, was jedem Kleinkind vertraut ist: Das Hinfallen. Und die damit verbundenen Blessuren.

          Diese Szene, vom raffinierten Autor geradezu beiläufig eingefügt, ist das geheime Zentrum des Romans. Sie beginnt für Julian mit größtmöglicher Normalität: „Elegant und mit nur zwei schritten Anlauf sprang Julian auf sein Board. Das war sein Element. Er stieß sich ein paar Mal kräftig ab, ging in die Knie und fuhr einige weite Kurven. Das Mädchen in den Rollerblades hatte es sich auf einer Mauer bequem gemacht. Sie zog ihre rote Jacke an, trank einen Schluck Wasser und schaute zu.“
          Alles wie immer. Oder wenigstens fast: „Ein paar Ollis und andere einfache Tricks gingen dem Jungen gewohnt leicht von den Füßen. Jetzt rollte er auf eine Kante zu, sprang ab, verlor das Gleichgewicht und konnte sich gerade noch auf den Beinen halten. Holla – was war das denn? Sein Skateboard landete verkehrt herum, schabte zehn Meter über den Asphalt und knallte gegen einen Vorsprung. Entgeistert schaute er zu Emily hinüber. Das war neu.“

          Grenzen, die niemand überschreitet

          Was Julian da „neu“ ist (und jedem anderen von Kind an vertraut), ist die Aufregung, die aus der Möglichkeit des Scheiterns erwächst. Dass Julian nun damit Bekanntschaft macht, ist Emily und ihrem Armband geschuldet. Und spätestens von hier an wird man als Leser von Andreas Schulzes Roman auf die Erwähnung von „bläulich schimmerndem Metall“ sehr viel wacher reagieren als zuvor. Denn erstaunlicherweise gibt es mehrere unter den zum Zeitspringen Befähigten, die sich der Sache mit Hilfe dieses Metalls zeitweilig entziehen. Einer davon ist Julians Vater, der sich ein entsprechendes Brillengestell hat anfertigen lassen. Später, als er sich entschlossen hat, Julians Mutter von seiner Begabung zu erzählen, sagt er den schönen Satz, „selbst sein Optiker“ hätte mehr als seine Frau gewusst, „das war nicht fair“. Eine andere ist die Künstlerin „Echo“, die durch ihre Begabung die tollsten Schnappschüsse aufnehmen konnte und nun bewusst darauf verzichtet.

          Aber warum?

          Vielleicht, weil es in der Kunst Grenzen gibt, die niemand überschreitet, der jeden Schmerz, jede Irritation, jeden Sturz vermeidet. Der sich – und seinem Publikum – nichts zutraut. Dem nichts passieren kann, weil er keine Konsequenzen fürchten muss.

          Der Goldene Pick, der Preis, den der Verlag Chicken House Deutschland und die Frankfurter Allgemeine Zeitung zum dritten Mal vergeben, richtet sich an Debütanten. Er prämiert Autorinnen und Autoren, die sich mit einem Romanmanuskript zum allerersten Mal in die Öffentlichkeit wagen. Andreas Schulze, der mit seinem Manuskript formal wie inhaltlich ein hohes Risiko eingegangen ist, erhält dafür auch aus diesem Grund in diesem Jahr den Goldenen Pick.

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